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A4-Prozess: Fahrer belastet die Mitangeklagten schwer

Am Donnerstag ging in Kecskemet der vierte Prozesstag über die Bühne. Am Donnerstag ging in Kecskemet der vierte Prozesstag über die Bühne. - © AFP Photo/Attila Kisbenedek
Am vierten Prozesstag um das Flüchtlingsdrama auf der A4 sprach der Lkw-Len­ker über Druck durch den mutmaßlichen Bandenchef. “Ganz Europa hat Angst vor den Muslimen, warum sollte ich keine Angst haben”, rechtfertigte er sich unter anderem.

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Zu heftigen Anschuldigungen ist es am Donnerstag in der ungarischen Stadt Kecskemet beim Prozess um das A4-Flüchtlingsdrama vom August 2015 gekommen, bei dem 71 Menschen starben. Am vierten Verhandlungstag ging es um den Fahrer des Kühl-Lkws, in dem die Migranten erstickten. Er belastete vor allem den mutmaßlichen Boss der Schlepperbande, dessen Stellvertreter und den Begleitfahrer.

Der 26-Jährige bekannte sich nur der Schlepperei schuldig. “Ich wollte niemandem schaden”, sagte er in der von Richter Janos Jadi verlesenen Aussage aus dem Vorverfahren. Die 71 Flüchtlinge erstickten im August 2015 hilflos in dem Kühl-Lkw, der von dem Bulgaren gefahren wurde. Obwohl die Menschen in dem Frachtraum lauthals auf sich aufmerksam machten, dass sie keine Luft mehr bekamen, fuhr der 26-Jährige einfach weiter. Er habe erst während der Ermittlung erfahren, dass der Lkw nicht für den Transport von Menschen geeignet sei.

Drama auf der A4: “Ich durfte nicht anhalten”

Die beiden Chefs der Bande sowie der Begleitfahrer hätten dem 26-jährigen Lenker des Kühl-Lkw mehrmals verboten zu stoppen. “Ich durfte nicht anhalten, ich musste sogar in der Lkw-Fahrerkabine urinieren”, legte er in seiner Aussage dar. Besonders dreist: Der Vize-Chef habe behauptet, er stehe in Kontakt mit den Insassen, es gehe ihnen gut.

Laut Überwachungsprotokoll telefonierte der 26-Jährige mehrmals mit seinen Komplizen. Er berichtete mehrfach über die Schreie und das Trommeln der Flüchtlinge auf der Ladefläche. “Ich wusste nicht, dass die Insassen in Gefahr sind”, meinte er in seiner schriftlichen Aussage. Der Drittangeklagte, der den Transport begleitet hatte, behauptete demnach, in der Lkw-Wand sei ein Loch zu sehen, durch das jemand einen Finger gesteckt habe – also hätten die Flüchtlinge genug Luft. “Nur wegen ihm bin ich im Gefängnis, mein Leben ist kaputt”, meinte der 26-Jährige. Auch der Vize-Chef habe den Fahrer beruhigt: Die Insassen hätten – um mehr Luft zu bekommen – die Gummidichtung des Fahrzeugs entfernt.

Der 30-jährige Bulgare behauptete zudem laut dem 26-Jährigen, dass er in Kontakt mit den Flüchtlingen stehen würde. Er hätte den Menschen auf der Ladefläche gesagt, dass sie keinen Lärm mehr machen sollen. 20 Minuten später war dann Ruhe. Der Lkw-Fahrer habe geglaubt, dass dies aufgrund der Anweisung des Vize-Chefs geschah. In Wahrheit waren alle 71 Flüchtlinge erstickt.

“Ganz Europa hat Angst vor den Muslimen”

Die schriftliche Verlesung der Aussage löste im Gerichtssaal heftige Proteste der Mitangeklagten aus. “Das nächste Mal, wenn er den Mund aufmacht, sollte er sich überlegen, was er sagt”, sagte der mutmaßliche Bandenchef drohend, was ihm eine Verwarnung von Richter Janos Jadi einbrachte.

Der von dem Lkw-Fahrer beschuldigte mutmaßliche Vize-Chef der Organisation fragte, warum der 26-jährige Bulgare nicht einfach angehalten habe. Nach dem Hinweis, dass der Lenker Angst vor den Chefs und dem Begleiter hatte, meinte die Nummer Zwei: “Sind wir so furchteinflößend?” Der 26-Jährige hätte einfach anhalten können, “dann stünden wir nicht hier”, betonte der 30-jährige Bulgare. “Ich habe ihn nicht unter Druck gesetzt, das ist alles erfunden”, meinte der 39-Jährige, der im Begleitfahrzeug unterwegs war.

“Natürlich hatte ich große Angst”, sagte daraufhin der 26-Jährige. Der mutmaßliche Bandenchef, ein 30-jähriger Afghane, war “bereit zum Mord an 71 Menschen”. Und weiter: “Ganz Europa hat Angst vor den Muslimen, warum sollte ich keine Angst haben?”

Elf Beschuldigte, zehn auf der Anklagebank

Am Donnerstag hätte auch der bulgarisch-libanesische Komplize aussagen sollen, der die Schlepperfahrzeuge besorgt hatte. Diese Befragung wurde verschoben, da seine Anwältin verhindert war. Zu Wort kam am Nachmittag noch der Sechstangeklagte, der eine Schleppung begleitete, bei der die Flüchtlinge nur knapp überlebten.

Insgesamt elf Beschuldigten wird unter anderem qualifizierter Mord und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Zehn von ihnen nahmen auf der Anklagebank Platz. Ein Bulgare ist noch auf der Flucht. Alle Beschuldigten sind in Ungarn unbescholten.

Die Bande hat laut Anklage mehr als 1.200 Menschen illegal nach Westeuropa gebracht. Dabei kassierte allein der Bandenchef mehr als 300.000 Euro. Ab Juni 2015 schmuggelte die Gruppe verstärkt Flüchtlinge von Serbien über Ungarn nach Österreich bzw. Deutschland. 31 solcher Fahrten konnte die Staatsanwaltschaft in Ungarn nachweisen.

(APA, Red.)



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