8. September 2010 08:24; Akt.: 27.09.2011 14:54

Benoit Gratton: "Wir haben die Tiefe im Kader, um mit vier Linien zu spielen"

Benoit Gratton fightet auf dem Eis um jeden Zentimeter Benoit Gratton fightet auf dem Eis um jeden Zentimeter - © vienna.at/sportshooter.at
Capitals-Center Benoit Gratton spricht im zweiten Teil des großen Vienna Online Interviews über seine neue Rolle als Kapitän und warum es keinen Unterschied macht, ob die Wiener mit drei oder vier Angriffslinien agieren.

Vienna Online: Du wirst in der kommenden Saison Kapitän der Vienna Capitals sein. Wird es deine Spielweise beeinflussen?
Benoit Gratton: Nein. Es ist eine große Ehre – wenn du Kapitän deiner Mannschaft bist, ist es natürlich etwas Besonderes. Ich war schon Kapitän in Nordamerika oder in Deutschland. Ich kenne meine Rolle, aber meinen Spielstil wird es nicht verändern. Ich werde versuchen – ähnlich wie im letzten Jahr – als Leader voran zu gehen. Ich werde wie in den letzten beiden Jahren immer alles geben – in jedem Spiel, in jedem Shift.

Vienna Online: Benoit, heuer erwarten die Fans einige Änderungen. Im Vorfeld wurde verlautbart, dass ihr mit vier Linien im Angriff spielen wollt. Mit Powerhockey den Gegner ermüden lautet das Schlagwort. Letzte Saison spielten die Capitals nur mit drei Linien. Was denkst du? Ist es für euch etwas Neues oder ist es ‚nur’ eine neue Taktik?
Benoit Gratton: Wenn du vier Linien auf Dauer einsetzt gibt es so viele Facetten und Statistiken. Du kannst aus jeder herauslesen was du willst. Aber werfen wir einen Blick in die National Hockey League. Die NHL ist die beste Liga in der Welt. Dort spielt die vierte Linie etwa drei Minuten pro Spiel. Also gibt unzählige Varianten, wie du mit vier Linien spielen kannst. Aber lass uns wieder nach Österreich in die Erste Bank Liga schauen. Letztes Jahr spielten die Graz 99ers die ganze Saison mit vier Linien. Ihre Saison endete in der ersten Play-Off-Runde gegen Zagreb.
Ein Team spielt nicht deswegen besser, weil es mit drei oder vier Linien im Angriff agiert. Das Spielermaterial macht es aus, mit welcher Taktik und mit wie vielen Linien du spielen kannst. Dieses Jahr haben wir die Tiefe im Kader, um mit vier Linien zu spielen. Das ist aus meiner Sicht der Hauptunterschied. Aber Änderung zur Vorsaison ist es definitiv keine!

Vienna Online: Letztes Jahr gab es in der Öffentlichkeit heftige Diskussionen, ob die Capitals mit drei oder vier Linien im Angriff spielen sollten. Ist es deiner Meinung nach eine Diskussion für die Fans und die Öffentlichkeit? War dieses Thema innerhalb der Mannschaft ein Thema?
Benoit Gratton: Nein, nicht wirklich innerhalb der Mannschaft. Natürlich gab es in den Medien viele Artikel zu dem Thema. Aber innerhalb der Mannschaft war es nie wirklich ein ernstes Thema. Es war auch nicht der Grund, warum wir im letzten Jahr gegen Linz ausgeschieden sind. Das ist auch etwas, was ich nicht hören kann. Wie gesagt, Graz hat mit vier Linien gespielt und ist auch ausgeschieden. Es ist falsch, alles auf diesem Thema ‚aufzumachen’. Vielleicht waren das Menschen, die Unruhe in unser Team bringen wollten. Aber wie gesagt bei uns war es nie wirklich ein ernsthaftes Thema.
Jetzt in der Saisonvorbereitung ist es wieder ein Thema für die Öffentlichkeit. Aber wir spielen 56 Spiele in der EBEL - in der NHL sind es über 80. Und dort wird auch oft ‚nur’ mit drei Linien gespielt. Mal sehen, was die Saison bringt. Aber es wird wichtigere Themen geben als drei oder vier Linien im Angriff.

Vienna Online: Das Ende der vergangenen Saison war für die Capitals alles andere als erfreulich. Trainer Kevin Gaudet sagte, dass ihm die Serie gegen Linz sehr lange nachgewirkt hat. Wie war es bei dir?
Benoit Gratton: Wenn ich ganz ehrlich bin denke ich noch heute daran was da passiert ist. Aber das ist der Sport. Mal gewinnst du - mal verlierst du. Ich bin dann recht rasch nach Hause. Da war ich noch ziemlich mitgenommen. Dann habe ich mir die Playoffs in der NHL angesehen und dort war es wieder zu sehen. Die Philadelphia Flyers waren praktisch ausgeschieden. Auch die waren drei zu null zurück und haben die Serie noch gedreht. Das ist der Sport! Natürlich nimmt es dich mit wenn du auf der Seite der Verlierer bist. Aber so ist es nun mal leider! Aber jetzt ist es vorbei. In wenigen Stunden startet eine neue Saison und dann werden wir alles unternehmen, dass es besser für uns wird. Je schneller du die Situation abhakst umso besser ist es für dich persönlich und für das Team und das komplette Umfeld. Auch wenn es sehr schwer fällt.

Vienna Online: In der Off Season bist du zum dritten Mal Vater geworden. Verspätet und stellvertretend von unseren Lesern einen herzlichen Glückwunsch. Auf dem Eis bist du ein Heißsporn – abseits davon ein klassischer Familienmensch. Ruhig, angenehm, bescheiden (Gratton unterbricht und bedankt sich mehrmals) Welchen Stellenwert hat deine Familie in deinen Leben?
Benoit Gratton: (strahlt) Sie sind mein Team. Sie sind abseits von den Capitals mein Hauptaugenmerk. Ich liebe Eishockey - das ist mein Sport, den ich mit viel Hingabe spiele. Aber außerhalb der Eisfläche ist meine Familie immer die unumschränkte Nummer eins. Sie werden immer an erster Stelle stehen. Egal was passieren wird, meine drei Töchter sind mein wichtigster Inhalt. Mehr kann ich eigentlich dazu gar nicht mehr sagen.

Vienna Online: Benoit, wir haben schon in der vergangenen Saison eine Frage sehr häufig gestellt bekommen, die wir an dich weiterleiten sollen (Anm.: Gratton blickt plötzlich sehr angespannt). Du hast in Hamburg gespielt und bist jetzt die dritte Saison bei den Capitals in Wien. Wie ist es um deine Deutschkenntnisse bestellt?
Benoit Gratton: (lacht) Leider nicht so gut! (Anm.: Antwortet auf Deutsch!) Ich muss an meinen Deutschkenntnissen arbeiten. Die Sache ist die: Wenn ich Deutsch spreche, dann mit viel Akzent. Wahrscheinlich klinge ich wie Arnold Schwarzenegger (lacht).
Hier in Wien, aber auch in Hamburg, wird es mir auch sehr ‚schwer’ gemacht meine Deutschkenntnisse zu verbessern. In jeden Restaurant wird Englisch gesprochen. Wenn ich auf Deutsch etwas sage, bekomme ich die Antwort immer auf Englisch. Bei uns in der Kabine wird den ganzen Tag immer Englisch gesprochen. Es ist schwierig, so die Sprachkenntnisse zu verbessern. Aber ich werde heuer einen Sprachkurs belegen. Hoffentlich wird es mir helfen.

Vienna Online: Letzte Frage. Glaubst du, dass du ein Mal ein Interview auf Deutsch geben wirst?
Benoit Gratton: Das wird schwierig. Ich hoffe zum Ende der Saison. Ich kann oder möchte dir nichts versprechen, aber ich werde es versuchen.

Lesen Sie im ersten Teil des großen Gratton-Interviews, was er von der kommenden EBEL-Spielzeit erwartet.

Das Gespräch führte Thomas Muck
In Kooperation mit
sportreport.at


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