8. Februar 2012 14:53; Akt.: 8.02.2012 14:53

Der Junge mit dem Fahrrad

Der Junge mit dem Fahrrad
Wer hätte damit gerechnet? Ein versöhnliches, optimistisches Ende bei einem Film der belgischen Brüder Dardenne. Bisher – etwa in “Rosetta” oder “L’Enfant” – gab es im Universum des Regieduos vor allem Hoffnungslosigkeit und Tristesse, Rastlosigkeit und Drama am unteren Rand der Gesellschaft.

Doch in “Der Junge mit dem Fahrrad” (Le gamin au velo) schlagen Jean-Pierre und Luc Dardenne auf einmal andere Töne an, brechen mit ihrem Sozialrealismus zugunsten einer märchenhaft überhöhten und bei weitem ruhigeren Erzählweise. Ab Freitag (10. Februar) im Kino.Der deutsche Kritiker Daniel Kothenschulte fühlte sich bei “The Kid with a Bike” völlig zurecht an Charlie Chaplins Kinderfilm “The Kid” erinnert: Die Realität wird zum Abenteuer, der Stil ist künstlerisch, aber dennoch in der Realität verankert, die Hauptfiguren sind im Herzen gut, trotz ihrer prekären Lebensverhältnisse. In die Rolle der aufopferungsvollen Friseurin Samantha, die mehr aus Zufall einen Zwölfjährigen aus dem Kinderheim bei sich aufnimmt und ihre Muttergefühle entdeckt, schlüpft Cecile De France, den kleinen Cyril spielt Thomas Doret wunderbar ungestüm.

Cyril wird mit seiner Flucht aus dem Heim eingeführt, bei der er sich überzeugen will, ob ihn sein Vater tatsächlich verlassen hat. Die Kamera ist nahe bei ihm, das T-Shirt leuchtet rot, die Ästhetik mutet spröde und leicht dokumentarisch an. Schnell ist man drin in der Welt der Dardennes, in der die Vaterfiguren – diesmal verkörpert von Jeremie Renier – üblicherweise verantwortungslos und egoistisch handeln. Doch dann ertönt Musik, legen sich einige Takte Beethoven zwischen und über die Bilder, die selber immer weniger verwackelt und statischer werden.

Die Musik ist bei den Dardennes ebenso neu wie der leicht überhöhte Tonfall – und auch wenn daraus anfangs der Eindruck einer geringeren Fallhöhe erwachsen sollte, so bleiben die kleinen und alltäglichen Geschichten doch stets am Boden und mit jener Spannung versehen, die das Leben selbst in so vielen Momenten birgt. Samantha steht dabei auf eine eigentümliche Art und Weise immer ein wenig über den Dingen, und ihr selbstloses und alles verzeihendes Handeln erinnert fast ein wenig an die Hauptfiguren des letzten Aki Kaurismäki-Films “Le Havre”.

Möglicherweise liegt der auffällige Bruch in der Erzählhaltung in der Erkenntnis begründet, dass die Realität immer härter ist, als es jede künstlerische Umsetzung sein könnte. So formulierte es Luc Dardenne in Wien, als er vor drei Jahren “Le Silence de Lorna” bei der Viennale vorstellte und sagte, dass er gerne einmal eine Komödie drehen würde. Eine leise Annäherung an Chaplin und Kaurismäki ist mit “Der Junge mit dem Fahrrad” bereits geglückt, bei den vergangenen Filmfestspielen in Cannes wurde der humanistische Film mit dem Großen Preis der Jury belohnt.

(APA)


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