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Dumpster Diving in Wien: Menschen, die Lebensmittel aus dem Müll essen

Für die einen ist es Müll - die anderen eine Schatzkiste, in der sie nach Lebensmitteln "tauchen" Für die einen ist es Müll - die anderen eine Schatzkiste, in der sie nach Lebensmitteln "tauchen" - © BilderBox.com (Sujet)
von Daniela Herger - Es ist kein Geheimnis: Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der tonnenweise noch genießbare Lebensmittel direkt im Müll landen. Immer mehr Menschen werden sich dieses alltäglichen “Wahnsinns” bewusst. Eine kleine, aber wachsende Gruppe treibt dieses Bewusstsein zum – radikalen – Handeln. VIENNA.AT hat eine Wienerin zum exklusiven Gespräch übers Dumpster Diving getroffen.

Wer gesellschaftskritische Filme wie “We Feed the World” oder “Taste the Waste” gesehen hat, ist sich bewusst: Wir leben im Überfluss. Lebensmittel im Wert von 400 Euro schmeißt ein Durchschnittsösterreicher im Jahr weg. Tonnenweise Lebensmittel, die noch genießbar sind, landen aus den Supermarktregalen direkt im Müll. Immer mehr Wienerinnen und Wiener ziehen die Konsequenzen daraus – und holen sich, was sie täglich brauchen, aus dem Mistkübel.

Wie lebt man, wenn man Dumpster Diving betreibt? Wir haben eine “Containerin”, wie Dumpster Diver auch genannt werden, persönlich befragt.

Eine Dumpster Diverin erzählt

Heidi L. ist Anfang 30, hat ein abgeschlossenes Studium, arbeitet Vollzeit. Sie isst gerne gut, geht oft ins Restaurant. Früher gab sie nach eigenen Angaben für sich selbst pro Monat rund 200 Euro für Lebensmittel aus. Geld, das ihr heute fast zur Gänze für andere Dinge bleibt. Denn heute geht Heidi L. “dumpstern”.

“Mistkübelstierdln”, wie es der Wiener nennt, ist nicht gerade etwas, das sozial hoch im Kurs steht. Doch immer mehr Menschen finden “Geschmack” daran. Und es sind keineswegs in erster Linie sozial schwache Menschen, die sich für Dumpster Diving entscheiden, weil sie es müssen, um zu überleben – eher betreiben das “Mülltonnentauchen” jene, die sich gegen eine Gesellschaft der Verschwendung und des Überflusses auflehnen und auf diese Missstände aufmerksam machen wollen. Auch, wenn man sich vielleicht im ersten Moment ekelt.

Für Heidi L., die sich mit den Themen täglicher Überfluss und Verschwendung eingehend beschäftigte, gab es einen Schlüsselmoment. “Je mehr man darüber erfährt, desto klarer wird: Das ist so ein Wahnsinn, was wir in unserer Konsumgesellschaft betreiben, was wir verbraten, was wir wegschmeißen, wie egoistisch wir sind, dass es selbstverständlich ist, jederzeit jedes Lebensmittel zur Verfügung zu haben. Da ist mir bewusst geworden: Wenn ich will, dass die Welt anders wird, muss ich selber damit anfangen.”

Der Schlüssel zum Dumpster Diving

Die Hemmschwelle zum als grauslich empfundenen Dumpstern zu überwinden, mag schwierig sein – der Weg zum Dumpster Diving dagegen ist es nicht. Jeder kennt den “Postlerschlüssel” für Gegensprechanlagen, den auch diverse Privatpersonen besitzen. Analog dazu sind Generalschlüssel erhältlich, mit denen man sich Zutritt zu den Müllräumen der Supermärkte verschaffen kann. Auch Heidi L. besitzt einen solchen unschwer erhältlichen Schlüssel – die Eintrittskarte für jeden Dumpster Diver.

Hat man erst den Schlüssel, bewaffnet man sich mit Gummihandschuhen, Taschen- oder Stirnlampe und Rucksack, Plastiksack oder Jutebeutel und zieht los. Laut L. empfiehlt sich Kleidung, die dreckig werden kann. Manche der Mülltonnentaucher ziehen sich auch dunkel an und setzen Kapuzen auf, so L. “Aber ich nicht, weil ich nicht das Gefühl habe, etwas Falsches zu tun.” (Zur tatsächlichen rechtlichen Lage später mehr.)

Schätze aus dem Müll

Nicht alle betreiben Dumpster Diving, anstatt einzukaufen – was Heidi L. inzwischen nur noch für Milch und Butter tut. Viele beginnen mit Dumpster Diving aus Neugier und sind rasch überzeugt von seiner Sinnhaftigkeit, wie Heidi L. berichtet – und von den Schätzen, die in den Mülltonnen der Supermärkte zu finden sind.

“Da sind Leckerbissen drin, die würd ich mir sonst nicht leisten, zum Beispiel vom Gourmet- oder Bio-Supermärkten. Nicht regionales Obst wie Zitrusfrüchte oder Heidelbeeren, die ich mir sonst im Winter nicht kaufen würde, tonnenweise Bananen, 30 Packungen Räucherlachs, ganze Packungen Kaffee. Ich hab letztens ein ganzes Sackerl voll Weihnachtsschokolade gefunden, von Firmen wie Milka und Manner, die Sachen wären erst im Mai abgelaufen.” Stichwort Ablaufdatum: Abgelaufen sei laut L. ohnehin nur zu etwa die Hälfte der Lebensmittel, die im Müll landen. Manchmal sei nur die Verpackung beschädigt.

Was man dann doch nicht isst

Wo ziehen Dumpster Diver die Grenze? “Nicht nur Geschmäcker, auch Frischebedürfnisse und Ekelgrenzen sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich”, so die junge Frau. Für Heidi L. sind es Frisch-Fleisch und -Fisch, die sie aus dem Müll nicht essen würde. “Weil es gefährlich sein kann, wenn die Kühlkette unterbrochen wurde. Bei Gemüse und Obst z.B. sieht man es auf den ersten Blick, ob es okay ist. Ich schau mir auch immer die Umgebung an, wo es liegt. Einen frischen Salat nehm ich auch nicht, wenn die Umgebung Biotonnen-mäßig wirkt.” Bedenkenlos greift sie dagegen zu abgepackten Sachen. Nachsatz: “Das heißt nicht, dass sie frischer sind.”

Milchprodukte nimmt sie mit und kostet sie – etwa Joghurt, das eine Woche abgelaufen ist. “Daran stirbt man ja nicht.” Schließlich hieße es ja “Mindesthaltbarkeitsdatum”.

Der Kampf gegen die Mülltonnentaucher

Dumpster Diver haben zwar gewisse Verhaltensregeln, an die sie sich halten – sie hinterlassen Müllräume so, wie sie diese vorfinden, drehen das Licht ab, sperren hinter sich wieder zu – aber ihr Treiben ist den Supermärkten vielfach trotzdem ein Dorn im Auge. Manche machen gegen “Mistkübelstierdler” mobil – etwa mit Kaffeesud, der über dem Essen landet. In Extremfällen fahren sie schwere Geschütze auf – da werden genießbare Lebensmittel absichtlich mit Glasscherben bedeckt oder Chemikalien darübergeschüttet.

Die Freude am Containern

Trotz aller Widerstände macht Dumpstern offenbar Freude. Heidi L. schwärmt: “Man freut sich wieder über die simplen Sachen, man teilt die Lebensmittel, die man findet, mit anderen Dumpsterern oder kocht damit gemeinsam – ganz kreativ, danach, was gerade zur Verfügung steht. Wenn ich gute Wurst oder Käse und eine Flasche Bier finde, das macht froh. Wieder zufrieden sein. Es ist schön, zu teilen. Man tauscht sich aus und freut sich, dass der andere auch die Welt verbessern will.”

So weit, so schön. Doch was, wenn man Dumpster Diving trotz allem Verständnis für die Kritikpunkte der Mülltonnentaucher nicht betreiben möchte – weil man etwa fürchtet, etwas Illegales zu tun?

Was die Polizei dazu sagt, welche Alternativen zum Dumpster Diving es gibt, einige Zahlen zum Ausmaß der Verschwendung von Ressourcen in Österreich sowie bestehende Initiativen dagegen finden Sie im zweiten Teil des Artikels zum Thema auf VIENNA.AT.

>>Dumpster Diving Teil 2: Alles zu Müllraum-Schlüssel und Rechtslage in Österreich

(DHE)


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