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ImPulsTanz: Michael Laub verschraubt Faust mit Fassbinder

Mehr retro geht nicht: Es beginnt bei Goethes “Faust” und endet bei Fassbinders Film “Warnung vor einer heiligen Nutte” aus dem Jahr 1970. Dazwischen erklingt Leonard Cohens “So long, Marianne” und frönt man dem Line-Dance “Madison”. Michael Laubs “Fassbinder, Faust and the Animists” wurde Freitagabend bei seiner österreichischen Erstaufführung im Rahmen von ImPulsTanz im Akademietheater gefeiert.

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Es ist eine mutige Collage, die der belgische Regisseur und Choreograf in zwei Stunden mit nicht weniger als 17 Performern auf die Beine stellt. Mit einer nonchalanten Beiläufigkeit das Streben Fausts mit dem Wahn Fassbinders verbindet, Gretchen mit Hanna Schygulla kreuzt und in blitzlichtartigen Szenen die ewige Frage nach Spiritualität und Gemeinschaft durchexerziert. Letztere findet etwa in Kambodscha – wo der 64-jährige Regisseur viele Arbeiten realisiert hat – in immer noch sehr populären Line-Dance-Choreografien statt. In ihnen findet die bunte Truppe immer wieder zusammen, um kurz darauf abrupt wieder auseinanderzufallen.

Auch der Animismus wird verhandelt, die Allbeseeltheit der Natur. Geht es nach Michael Laub, ist es die Seele des Films, in dem Fassbinder damals die Vorgänge rund um den Zerfall seiner Gruppe “Antiteater” bei den Dreharbeiten zum Vorgängerfilm “Whity” verarbeitete.

Als Formen herrschen in dem oft zum Brüllen komischen Abend Doppelung, harte Schnitte und das Spiel mit Fiktion und Realität vor. Den Bühnenhintergrund bildet eine riesige weiße Leinwand, auf der nicht nur konkrete Filmausschnitte, sondern auch deren filmische Nachstellung durch das Ensemble sowie Auditionszenen eingeblendet werden. Davor wird nach Lust und Laune nachgespielt, variiert und verworfen, dass es eine Freude ist.

Den Anspruch, alles zu durchblicken, jede Anspielung zu erfassen und Original von Kopie zu unterscheiden, muss der Zuseher bald fahren lassen und sich auf die vielen schrägen Bilder einlassen, die die in 70er-Jahre-Outfits gepresste Truppe in rasendem Tempo durchexerziert.

All jene, die gerade nicht auf der Bühne sind, hängen lustlos auf ihren am Bühnenrand abgestellten Plastikstühlen, via Mikrofon werden immer wieder betont apathisch Kurzzusammenfassungen des Geschehenen abgespult. Ein Highlight ist etwa, wenn der aus New York City stammende Performer Maxwell Cosmo Cramer, dem seine langen Haare ins Gesicht fallen, mit laschem Körper und tonloser Stimme Gretchens Schicksal im Eiltempo zusammenfasst, während Astrid Endruweit mit blonder Zopfperücke Gretchens Emotionen in Zeitraffer abbildet.

Dem folgt ein weiterer Höhepunkt im doppelten Wortsinn, wenn die Performerin ankündigt, Gretchens Monolog (“Meine Ruh’ ist hin”) nun in Manier eines japanischen Schulmädchen-Pornos vorzutragen. Mehr Parodie (auf alles) geht nicht, das Publikum spendete freudigen Szenenapplaus.

Und sonst? Tobt der blonde Regisseur (Florian Lenz) gewalttätig durch die Szenen und reißt seine Filmcrew in eine Abwärtsspirale, die nicht einmal mehr die Gruppenchoreografien auffangen können. Am Ende bleibt ein Bild zwischen ökonomischem Zwang (den Film unter den widrigsten Umständen zu realisieren), sexualisierter Gewalt und Machtansprüchen innerhalb von erodierenden Gemeinschaften zurück. Langer Applaus.

(APA)



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