24. Dezember 2011 09:22; Akt.: 24.12.2011 09:22

Irgendwie sind wir alle Engel

Immer dann, wenn etwas Besonderes geschieht, dann singen wir. Immer dann, wenn etwas Besonderes geschieht, dann singen wir. - © Veronika Fehle
von VN/Veronika Fehle - Feldkirch – Zumindest wenn wir singen. Und das hat zu Weihnachten Hoch­saison.

„Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: ,Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ So hat sie der Evangelist Lukas vor rund 2000 Jahren niedergeschrieben, und so wird sie auch heute in vielen Stuben und Wohnzimmern zu hören sein – die Weihnachtsgeschichte. Alles schön und gut, wo aber bleibt der Gesang? Der steckt in jedem „Gloria in excelsis deo“, bei den Engeln und jedem, der nicht nur, aber gerade zu Weihnachten zum engelsgleichen Sänger wird. „Wenn da also vom himmlischen Heer zu lesen ist, das Gott lobte, dann ist damit das Singen gemeint, das zur Ehre Gottes und zur Freude des Menschen geschieht. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.Auch David, der biblische Sänger, ist immer mit einer Harfe dargestellt, als Zeichen für die Musik und den Gesang“, erklärt Bernhard Loss, Kirchenmusikreferent der Diözese Feldkirch. Er ist unter anderem für die 119 Vorarlberger Kirchenchöre und ihre rund 3000 Sänger zuständig, und sie alle sind, so Loss, zu Weihnachten ausnahmslos im Einsatz. Überhaupt steht es gut um die Kirchenmusik, ihre Sänger, Organisten und Chorleiter. Da mischt sich immer wieder Junges unter das Altgediente und die Musik wird oft zum langjährigen Begleiter. Erst kürzlich konnte sich Bernhard Loss bei Rudolph Bösch aus Lustenau für dessen 70-jährige Chorsängerkarriere bedanken. Das ist natürlich keine Alltäglichkeit. Sänger, die über 30, 40 oder auch 50 Jahre mit ihrem Kirchenchor durchs Musikjahr wandern, sind aber keine Seltenheit. Noch etwas Altgedientes und jedes Jahr lang Erwartetes gilt es an dieser Stelle zu vermelden. In der Basilika Rankweil wird zu Weihnachten seit über 100 Jahren ein und dasselbe Lied angestimmt. „In dulci jubilo, nun singet und seid froh!“ von Pater Basil Breitenbach. Warum? Weil es den Nerv der Weihnacht trifft, weil man gerade zu Weihnachten aus Freude singen soll.

Über sich hinauswachsen

Zurück nun aber zum Gesang an sich. Die ersten Sänger, denen wir in der Weihnachtsgeschichte begegnen, sind die Engel. Sie singen vor Freude. Und wenn heute – egal ob unterm Christbaum oder in der Weihnachtsmette – gesungen wird, dann ist das nichts anderes als die Wiederholung jenes ursprünglichen Jubelgesangs. Oder, wie Bernhard Loss zu einem ganz direkten Zugang findet, „man stelle sich nur vor, man könnte nicht juchzen und singen, man hätte keine Stimme – wie ginge es uns da emotional? Ein anderes Beispiel: Man stelle sich einen Geburtstag ohne ein ,Happy Birthday‘ vor. Immer dann, wenn etwas Besonderes geschieht, dann singen wir. Und gerade im Singen tritt der Mensch aus sich heraus, wächst über sich hinaus.“ In alten Gesängen, in den Psalmen verdichte sich zudem, erzählt Loss weiter, die Identität einer sich in Raum und Zeit bewegenden und verändernden Gemeinschaft. Das Singen aber bleibt und trägt in sich das Geheimnis der Vergangenheit, die durch die Musik in der Gegenwart immer von Neuem aufspringt.

Weltweite Bekanntheit

Wenn man vom Singen nun zu den Liedern wechselt, dann fällt in Kombination mit dem Stichwort Weihnachten mit Garantie ein Titel, der Klassiker der Weihnachtslieder – „Stille Nacht“. Es ist ein besonderes Lied, nicht, weil es am 24. Dezember 1818 in Oberndorf uraufgeführt wurde, nicht, weil es von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr komponiert und getextet wurde. „Stille Nacht“ ist ein besonderes Lied, weil es, wie Bernhard Loss betont, das erste Weihnachtslied war, das weltweite Bekanntheit erlangte – ohne Internet. Nein, dazu brauchte es nur einen Tiroler Orgelbauer namens Carl Mauracher. Er stammte aus dem Zillertal und baute während seines Lebens etwa 50 Orgeln. Wie es der Zufall aber wollte, nahm Carl Mauracher den Auftrag an, die Oberndorfer Orgel zu reparieren. „Dass Orgelbauer und Organist miteinander in Kontakt standen, ist klar. Und so kam es, dass Mauracher die Noten zu ,Stille Nacht aus Salzburg mit ins Zillertal brachte. Dort traf es auf die Kultur der Zillertaler Nationalsänger, die gerade voll aufblühte“, zeichnet Bernhard Loss die Anfänge dieser musikalischen Erfolgsgeschichte nach. Die Zillertaler Nationalsänger, das waren in erster Linie Warenhändler. Sie zogen während des 18. und 19. Jahrhunderts von Ort zu Ort und bemerkten sehr bald, dass sich mit Gesang alles besser verkaufen ließ. Also sangen sie. Und eines der Lieder, die sie mit auf ihre Dienstreisen nahmen, war eben auch das „Stille Nacht“. Hier kam allerdings noch „erschwerend“ hinzu, dass die Zillertaler Nationalsänger mittlerweile auch das Interesse der Fürsten, Könige und Zaren geweckt hatten, die in diesen Liedern das hübsche Bild der romantisch verklärten Alpenwelt erkennen wollten. So kam es, dass die Nationalsänger Königin Victoria in England ebenso ein Ständchen brachten wie Zar Alexander I. Bis in die USA schafften es die Tiroler, ein Liedchen auf den Lippen und das „Stille Nacht“ im Repertoire. Und so reiste die „Stille Nacht“ um die Welt und bringt bis heute allenorts die Menschen zum Singen – engelsgleich. Je nach Tonlage eben mehr oder weniger.


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