25. April 2012 16:23; Akt.: 25.04.2012 16:23

Kairo 678 – Kritik zum Film

Kairo 678 – Kritik zum Film
In Ägypten tabuisiert, im Ausland lang ignoriert: In dem Land, in dem nach Tunesien vor gut einem Jahr der Arabische Frühling ausbrach, gehören nach Angaben von vielen Frauen sexuelle Belästigung und Gewalt zum Alltag.

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Erst als die südafrikanische Journalistin Lara Logan im Februar vergangenen Jahres auf dem Tahrir-Platz von einer ganzen Horde von Männern abgedrängt und Opfer sexueller Gewalt wurde, horchte ein größeres Publikum auf. Da hatte der ägyptische Drehbuchautor Mohamed Diab sein dokumentarisch anmutendes Regiedebüt “Kairo 678″ über drei unterschiedliche Frauen in Kairo längst gedreht.

“Kairo 678″ liefert tiefe Einblicke in die ägyptische Gesellschaft

678, das ist die Buslinie, die Fayza (Bushra) täglich nimmt, um zur Arbeit zu kommen – und um immer wieder von Männern im dichten Gedränge begrapscht zu werden. Ihren Mann mag sie da schon gar nicht mehr an sie ranlassen, er sucht sich andere Wege. Seba (Nelly Karim), eine Künstlerin der Upper Class, wurde vor Jahren von einem Mob in der Menge vergewaltigt. Ihr Mann kommt über die Schmach nicht hinweg, kann seine eigene Abscheu nicht überwinden. Die Ehe scheitert.

Und die junge Telefonistin und begabte Comedian Nelly (Nahed El Sebai) muss täglich anzügliche Bemerkungen über sich ergehen lassen. Auf der Straße entkommt sie nur knapp ihrem Peiniger. Sie wird die erste Frau sein, die gegen einen Mann wegen sexueller Belästigung vor Gericht zieht, gegen den Willen ihrer zukünftigen Schwiegereltern.

Drei Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, die ein Schicksal teilen: Sie sind Opfer sexueller Gewalt geworden und setzen sich zur Wehr – und das mit sehr unterschiedlichen Mitteln; die eine greift zu ihrer spitzen Kopftuchnadel, die andere zieht vor Gericht, die dritte versucht anderen Frauen in Seminaren Gegenwehr beizubringen.

Diab gelingt es in seinem Film sehr komplexe Charaktere zu zeichnen, von realen Biografien inspiriert, und lässt auch die Männer dieser Gesellschaft nicht aus. Er malt kein schwarz-weißes Bild. Stattdessen zeigt Diab sehr differenziert auf, wie gebrochen und zerrissen diese Gesellschaft ist und bedient sich dabei teils geschickter Erzähltechniken. Kein leichter Stoff, keine gute Unterhaltung, aber sehr aktuell und unbedingt sehenswert.

(APA)



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