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Salzburger Festspiele: "Ödipus auf Kolonos" Ambivalente Antike

Salzburger Festspiele: "Ödipus auf Kolonos" Ambivalente Antike
Salzburg-Stadt – “Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie”, lautet heuer das Motto der Salzburger Festspiele. Auf kaum ein antikes Drama trifft dies mehr zu als auf “Ödipus”, dessen Schicksal sich nicht nur dank der griechischen Tragiker, sondern auch durch Sigmund Freud in unsere Zivilisationsgeschichte eingeschrieben hat.

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Als zweite Schauspielpremiere war am Montag, “Ödipus auf Kolonos” angesetzt, geschrieben vom 90-jährigen Sophokles. Für die Umsetzung hatte Schauspielchef Thomas Oberender zum 90-Jahr-Jubiläum der Festspiele zwei “Legenden und Festspielmythen” nach Salzburgzurückgeholt: Peter Stein und Klaus Maria Brandauer. Die beiden Theaterstars, die spät zueinander gefunden und mit “Wallenstein” und “Der zerbrochne Krug” viel beachtete Arbeiten geliefert hatten, prägten den ambivalenten, am Ende mit viel Jubel, aber auch mit einzelnen Buhs quittierten Abend.


Das Schreckliche wird nicht durchlebt sondern nacherzählt

Ein heiliger Hain, von Ferdinand Wögerbauer als schlichtes, mit einer niedrigen Mauer umgrenztes Geviert aus Olivenbäumen auf die Bühne gestellt, dient dem statischen Geschehen als Hintergrund bzw. später Ödipus als Grab. Denn anders als in der bekannteren Sophokles-Tragödie “König Ödipus” wird hier das Schreckliche nicht durchlebt, sondern nacherzählt. Der Blinde irrt, getrieben von grausigen Erinnerungen und geführt von seiner Tochter Antigone (die gleichzeitig auch seine Schwester ist), durch die Landschaft, versucht Ruhe und eine letzte Ruhestätte zu finden. Ein Lebensresümee und Sterbedrama wie auch der “Jedermann”, eine Asylgeschichte, deren mögliche heutige Bezüge Peter Stein allerdings kaum akzentuiert.

Peter Stein, nach dem Tod Peter Zadeks einer der letzten noch verbliebenen Titanen des deutschsprachigen Regie-Aufbruchs der 60er und 70er Jahre, hat sich eine wahre Sisyphus-Arbeit angetan und den griechischen Originaltext neu übersetzt. Seine Übersetzung ist das eigentliche Ereignis des nahezu dreistündigen Abends, der entweder eine Pause oder ein paar Kürzungen gut vertragen hätte. Sie ist flüssig, ohne in Alltagsjargon zu verfallen, und poetisch, ohne aufdringlich Reime zu schmieden.

Ideal für die Rolle: Klaus Maria Brandauer
Klaus Maria Branledauer ist der denkbar beste Sprecher dafür. In grauen Lumpen und mit zerzausten weißen Haaren muss sein Ödipus, blind von eigener Hand, sich in die Hände seiner Mitmenschen begeben. Von allen herkömmlichen Versuchungen des Schauspiels befreit, konzentriert er sich auf die Sprache. Sein Dauereinsatz, seine glaubhaft gemachte Qual, immer und immer wieder erzählen zu müssen, was er doch vergessen möchte, und seine Verzweiflung, schuldlos schwere Schuld auf sich geladen zu haben, ringen Bewunderung ab.

Abseits dessen ist der Abend jedoch immer wieder enttäuschend. Dem Kraftakt der Übersetzung konnte Stein keinen Rekordwurf der Inszenierung folgen lassen. Ödipus’ Kinder bewältigen den mitunter schmalen Grat zwischen Tragik und unfreiwilliger Komik mal besser (Katharina Susewind als Antigone und Anna Graenzer als Ismene), mal schlechter (Dejan Bucin als Polyneikes). Christian Nickel als weiß gewandeter, steif einherschreitender und nahezu emotionslos artikulierender Theseus, der Ödipus in Athen letztes Asyl gewährt, ist ebenso blass wie seine begleitende Schar weißer Ritter lächerlich.

Auch der im Rollstuhl vorfahrende König Kreon (Jürgen Holtz) wird von soldatisch gewandeten Jünglingen begleitet, die freiwillig wohl keiner Fliege etwas zuleide tun würden. Das linkische Ringen um Ödipus und seine Begleitung ist dieses ehemaligen Regiemeisters aller Klassen nicht würdig. Auch der Chor, immerhin neben Ödipus der Hauptakteur in dem Stück, überzeugt nicht. Zwölf gut behütete (Kostüme: Moidele Bickel), wie von einem griechischen Marktplatz auf die Perner-Insel transferierte Männer kommentieren und marschieren, murmeln und jammern, wogen hin und hier – bleiben aber Erfüllungsgehilfen einer ausgeklügelten Stein’schen Choreographie, ohne Eigenleben und damit Wucht und Tragik zu entfalten.

Nachdem man am Eingang Ohrenstöpsel ausfassen konnte, wartete man gespannt auf heftige Attacken auf die Zuschauerohren. Indes: Wirkliche Knalleffekte blieben rundum aus, von jenem Donnergrollen, mit dem sich Gott Zeus schlussendlich ins Geschehen einschaltete, wäre man auch ohne Schutz nicht taub geworden. Die grell aufblitzende, direkt ins Publikum gerichtete Scheinwerfer-Batterie, machte für jene, denen Mutterliebe und Vatermord fremd sein mögen, sekundenlang schon eher Ödipus’ Schicksal nachempfindbar.

“Absolute Weltklasse” hatte Oberender für diesen, in Koproduktion mit dem Berliner Ensemble entstandenen Abend versprochen. Dass die keine Garantie für Kantersiege ist, sieht man nach der WM in Südafrika nun auch bei den Festspielen in Salzburg. Einen Punktegewinn gab es jedoch zweifellos. Dank eines starken Einzelspielers.



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