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Starrer Sinn und starrer Nacken: “Am Ziel” in der Josefstadt

Starke Vorstellung von Andrea Jonasson in Bernhard-Stück "Am Ziel" Starke Vorstellung von Andrea Jonasson in Bernhard-Stück "Am Ziel"
Einpacken und auspacken. Die Tochter arbeiten lassen und sie dabei ununterbrochen niederreden. Das Stück “Am Ziel”, 1981 in Salzburg von Claus Peymann uraufgeführt, gehorcht einem einfachen Bauplan. Andrea Jonasson liefert als herrische Mutter im Theater in der Josefstadt ein eindrucksvolles persönliches Thomas-Bernhard-Debüt ab. Der Abend hatte bei seiner gestrigen Premiere dennoch seine Längen.

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Der zentrale Ohrensessel ist zwar mit einem darübergeworfenen Leintuch vor Abnützung geschützt, wird vom Mutter-Monster jedoch als wahrer Thron verwendet. Die majestätisch steife Haltung Jonassons ist allerdings auch einem Stützkorsett bzw. einer Halskrause geschuldet, die Jonasson nach einem schweren Sturz tragen muss. Dieses körperliche Handicap macht sie bewunderungswürdig wett. Sie bewältigt wahre Textmassen, die nicht leicht zu differenzieren sind.

Höhepunkte sind die kleinen Gemeinheiten, mit denen sie ihr als Dienstmädchen missbrauchtes Kind bedenkt (“Ich habe Dich für mich auf die Welt gebracht”) und die großen, tönenden Gesten, mit denen sie die Erinnerung an ihren verhassten Mann pflegt. Ihn hat sie nur wegen jener Dinge geheiratet, die er in die Ehe mitgebracht hat: Geld, eine Fabrik und das Haus am Meer. Das vielfach eingesetzte Wort “Gusswerk” wird dabei geradezu libidinös aufgeladen, des toten Gatten Lieblingsspruch “Ende gut alles gut” tausendfach variiert.

Das ewige Kommen und Gehen des Meeres, die Bewegung von Ebbe und Flut, ist in diesem in Holland spielenden Bernhard-Stück ein Zentralmotiv. Im ersten Teil werden in der Stadtwohnung die Kleiderschränke ausgeräumt und die Koffer gepackt: Der alljährliche Umzug von Mutter und Tochter in die Sommerresidenz in Katwijk (eine 60.000 Einwohner-Gemeinde an der südholländischen Küste) steht an. Im zweiten Teil ist man in Katwijk angekommen. Bühnenbildner Maurizio Balo hat sich für diese Dualität eine hübsche Entsprechung einfallen lassen: Die Raumsituation mit meterhohen Kleiderkästen an den Seiten und einer großen Fensterfront im Hintergrund ist in beiden Akten einfach seitenverkehrt.

Wie immer regnet es bei der Ankunft am Urlaubsort, doch etwas ist diesmal anders: Der von der sonst sehr spröden, unscheinbaren Tochter (Therese Lohner äußerlich zwischen Nonne und Gouvernante, innerlich aber am Brodeln) verehrte “dramatische Schriftsteller” ist unmittelbar nach dem Triumph seines Stückes “Rette sich wer kann” von der Mutter dazu eingeladen worden, die beiden Damen für ein paar Tage ans Meer zu begleiten. Das bringt neues Heizmaterial in die permanente Mutter-Tochter-Hölle, und die Höllenfürstin feuert tüchtig nach. Natürlich ist ihr scheinbar belangloses Plaudern mit dem Gast nichts anderes als das Ausbremsen der Tochter in ihren Ambitionen, eine nähere Beziehung zu dem verehrten Künstler aufzubauen. Schade nur, dass Christian Nickel sein gerade erst aufgeblühtes Schriftsteller-Pflänzchen allzu zart und unscheinbar geraten ist. Er wird von Jonasson glatt an die Wand gespielt. Sehr wahrscheinlich, dass sich der Dichter rasch in den Armen des Zimmermädchens (Martina Ebm in erotischer Lauerstellung) trösten wird.

Regisseur Cesare Lievi lässt im Prinzip den Dingen ihren Lauf. Das inkludiert, dass sich, während auf der Bühne Tee und Cognac getrunken wird, im Publikum phasenweise bleierne Müdigkeit breitmacht. Als man nach fast drei Stunden (inklusive Pause) “am Ziel” angelangt ist, hält sich die Schlussempfindung im Zuschauerraum zwischen “Ende gut alles gut” und “Rette sich wer kann” in etwa die Waage. Der Applaus fiel jedenfalls lange und herzlich aus, der mit Bravo-Rufen gefeierten Hauptdarstellerin war die Erleichterung nach der Strapaze anzusehen.

INFO: “Am Ziel” von Thomas Bernhard, Regie: Cesare Lievi, Bühnenbild: Maurizio Balo, Kostüme: Birgit Hutter. Theater in der Josefstadt, Nächste Vorstellungen: 13., 16., 17., 21., 22., 30., 31.3., Karten: 01/42700/300, www.josefstadt.org.



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