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“Tschick” im Theater der Jugend

“Tschick” ist ein Renner: Allein in Deutschland stand die Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs Kultroman aus dem Jahr 2010 in der vergangenen Saison an 41 Theatern auf dem Spielplan und überholte somit gar Goethes “Faust”. Nun sind die Berliner Ausreißer auch in Wien angekommen: Im Theater der Jugend feierte am Dienstagabend eine mitreißende wie kurzweilige Version mit starkem Personal Premiere.

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Kein Wunder, dass “Tschick” zu einem derartigen Dauerbrenner avancierte: Die Geschichte bringt zwei Verlierer des 21. Jahrhunderts zusammen, wenn der wohlstandsverwahrloste Maik Abwechslung von seiner alkoholkranken Mutter und seinem gerade in den Konkurs schlitternden Vater sucht und dabei auf seinen neuen Mitschüler Tschick trifft, der als elternloser Migrant aus dem Osten von vornherein keine Chance auf Aufstieg zu haben scheint. Im Herbst kommt dann auch noch die Verfilmung des Stoffs rund um den 14-jährigen deutschen Außenseiter, der gemeinsam mit dem russischen Spätaussiedler in einem alten Lada durch die Pampa cruist, in der Regie von Fatih Akin in die Kinos.

Robert Koall bleibt in seiner Bühnenfassung sehr nah am Roman, was zu langen, erzählenden Monologen des Protagonisten führt, während die anderen Figuren lediglich für kurze Dialoge zu ihm stoßen. Diese Machart huldigt zwar dem Original, birgt jedoch Gefahren wie Monotonie und Künstlichkeit. In keine der beiden Fallen tappt man im Theater der Jugend, wo Hausherr Thomas Birkmeir mit vielen kleinen, aber bildstarken Tricks Tempo und Überraschungsmomente in die Inszenierung bringt, die über mehr als zweieinhalb Stunden von Hauptdarsteller Meo Wulf getragen wird. Der 23-jährige Hamburger, der nicht nur am Deutschen Schauspielhaus, sondern auch in zahlreichen TV-Produktionen Erfahrungen gesammelt hat, ist ein Goldgriff. Mühelos bewältigt er die Textmengen und entwickelt sich im Laufe des Abends vom schüchternen Langweiler, der mit seinem Außenseitertum hadert, in einen mutigen, lebenshungrigen Teenager, der auf Konventionen scheißt und am Ende gar gemeinsam mit seiner betrunkenen Mutter das häusliche Mobiliar lustvoll im Pool versenkt.

Ihm zur Seite steht als Tschick Luka Dimic, der die Rolle des “assigen Russenfreunds” (wie Maiks Vater ihn bezeichnet) zu Beginn stark übertreibt, was sich im Laufe des Abends jedoch legt. Wirkt er zum Auftakt der Abenteuerfahrt mit einem geklauten Lada noch wie ein hyperaktiver Spinner, zeigt er im Laufe des irren Roadtrips Gefühle und Sinn für Zwischentöne. Die verrückte Welt, in der sich die beiden Burschen bewegen, wird von Felicitas Franz, Uwe Achilles und Pia Baresch verkörpert. Sie schlüpfen in insgesamt 13 Rollen, denen Regisseur Birkmeir sehr viel Aufmerksamkeit schenkt. Egal ob die auf der Müllkippe lebende Isa, die unter vulgärem Sprechdurchfall leidet, eine sexy Krankenschwester oder gestrenge Jugendrichterin, Franz zeigt sich in allen Auftritten wandlungsfähig. Baresch tritt zwar hauptsächlich als trunksüchtige Mutter in Erscheinung, sorgt aber etwa auch als übergewichtige Sprachtherapeutin, die die zwei Ausreißer nach einem Unfall ins Krankenhaus bringt, für viele Lacher. Achilles schließlich wandelt sich im Laufe des Abends vom gestressten Vater in einen gestrengen Lehrer oder einen durchgeknallten Kriegsveteranen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Als Kulisse dient ein White Cube mit Rampe, auf die immer wieder Bewegtbilder von Landschaften projiziert werden, die aber auch als Steilhang oder Richterpult herhält. Das elterliche Wohnzimmer deutet Goda Palekaite (Bühne) mithilfe eines Fauteuils an, das Auto besteht aus zwei Klappstühlen und einem Lenkrad, das Tschick cool zwischen den Fingern dreht. Apropos Finger: mit diesen schnippt Maik, wenn er seine Erzählungen unterbricht, um die Figuren der folgenden Dialoge auftreten zu lassen, die Lichtverhältnisse zu ändern oder Musik einzuspielen. Ja, dieser Ich-Erzähler behält auch auf der Bühne die Fäden in der Hand. Langer Applaus beschloss den gelungenen Abend.



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