50 Jahre Volksgruppengesetz im Burgenland diskutiert

Mathias FischerMathias Fischer
Burgenland: Gruppe von acht Personen steht vor der Bühne des Forum 4 Burgenland.
© PPH Burgenland, Christoph Novak/ Büro Lrin Winkler

Die Jahrestagung des Forum4Burgenland befasste sich am 14. Oktober 2026 in Oberwart mit dem Jubiläum des Volksgruppengesetzes und der Situation junger Menschen. Vertreter aus Bildung, Wissenschaft und Volksgruppenbeiräten erörterten Minderheitenpolitik und Mehrsprachigkeit.

Im Haus der Volksgruppen Burgenland in Oberwart stand die historische Entwicklung der Minderheitenpolitik im Mittelpunkt. Diskutiert wurde, wie die Sprachen und Kulturen der autochthonen Volksgruppen nachhaltig gestärkt werden können.

Sabine Weisz, Rektorin der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland, unterstrich die Verantwortung ihrer Institution: „Die sprachliche und kulturelle Vielfalt des Burgenlandes ist ein wertvoller Bestandteil unserer gemeinsamen Geschichte und Gegenwart. Als Pädagogische Hochschule tragen wir Verantwortung dafür, die Sprachen und Kulturen der autochthonen Volksgruppen durch Bildungsangebote zu stärken und Mehrsprachigkeit als Bereicherung zu vermitteln“, sagte sie.

Historischer Rückblick auf das Gesetz von 1976

Der Historiker Gerhard Baumgartner beleuchtete in seinem Impulsvortrag die Vorgeschichte des Volksgruppengesetzes von 1976. Er stellte Verbindungen zur österreichischen Südtirolpolitik und zum Kärntner Ortstafelsturm her und skizzierte die wesentlichen Veränderungen in der Minderheitenpolitik durch die neuen gesetzlichen Bestimmungen. Baumgartner zeigte auf, dass Beharrlichkeit, Zivilcourage und außenpolitische Überlegungen zur Verabschiedung des Gesetzes beitrugen, das bis heute vieles offenlässt.

Bildungslandesrätin Daniela Winkler betonte die Bedeutung der Volksgruppen für die burgenländische Identität: „Die Vielfalt unserer autochthonen Volksgruppen prägt die burgenländische Identität seit Bestehen als eigenständiges Bundesland. 50 Jahre Volksgruppengesetz erinnern uns an die historische Verantwortung, diese Sprachen und Kulturen mit gegenseitiger Wertschätzung zu bewahren“, erklärte sie. Die Ergebnisse der Jugendstudie „Lebenswelten 2025“ zeigten, dass das Bildungssystem dabei eine Schlüsselrolle einnimmt. Das gemeinsame Ziel sei es, Burgenlandkroatisch, Ungarisch und Romani in Schule und Alltag junger Menschen lebendig zu halten.

Sprache lebt durch aktive Nutzung

Bundesministerin Claudia Bauer unterstrich in einer Videobotschaft die Bedeutung der Bildungsarbeit für den Erhalt der Volksgruppensprachen. „Eine Sprache überlebt nicht, weil sie in der Verfassung steht. Sie überlebt, weil Kinder und Jugendliche sie sprechen“, betonte die Ministerin für Europa, Integration und Familie. Es sei wichtig, dass Kinder die Sprachen ihrer Großeltern nicht nur als kulturelles Erbe kennenlernen, sondern sie auch aktiv sprechen und im Alltag verwenden.

Volksgruppenbeiräte fordern mehr Engagement

Die burgenländischen Volksgruppenbeiräte diskutierten über aktuelle Herausforderungen und Perspektiven. Emmerich Gärtner-Horvath, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats der Roma, hob die Bedeutung von Bildung für Chancengerechtigkeit hervor. Roma seien in Österreich im Bildungsbereich weiterhin mit Benachteiligungen konfrontiert. Um Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern, sollten die Geschichte, Kultur, Sprachen und Lebensrealitäten der Roma stärker in Lehrplänen, Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien verankert werden. Dies stärke die Identität junger Angehöriger der Volksgruppe, baue Vorurteile ab, wirke Antiziganismus entgegen und mache die Vielfalt Österreichs sichtbar.

Attila Somogyi, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats für die ungarische Volksgruppe, betonte die Notwendigkeit eines breiteren Sprachangebots: „Einsprachigkeit ist heilbar. Wir brauchen dazu bessere und mehr Angebote sowohl in der Schule als auch in der Erwachsenenbildung“, sagte er.

Josef Buranits, Präsident des Kroatischen Kulturvereins im Burgenland, sprach sich für eine Überarbeitung des Volksgruppengesetzes aus. Ein 50 Jahre altes Gesetz sei nicht mehr zeitgemäß und bedürfe einer Novellierung.

Jugendstudie zeigt Sprachverlust bei Minderheiten

Jasmin Mersits-Linzer von der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland und Daniel Wutti von der Pädagogischen Hochschule Kärnten präsentierten zentrale Ergebnisse der Jugendstudie „Lebenswelten 2025“. Laut der mit über 15.000 Jugendlichen durchgeführten Studie leben 74 Prozent in einem mehrsprachigen Umfeld, 70 Prozent sehen andere Sprachen als Bereicherung an und 77 Prozent wünschen sich mehrsprachige Kinder. Gleichzeitig gibt es einen großen Sprachverlust bei autochthonen und allochthonen (migrationsbedingten) Minderheitensprachen. Ein Drittel der befragten Jugendlichen kennt die sechs autochthonen Minderheiten nicht.

Vorläufige Ergebnisse für das Burgenland weisen auf ein stärkeres Bewusstsein für die Volksgruppen hin: 80 Prozent der befragten Jugendlichen im Burgenland kennen die Minderheiten, gegenüber 64 Prozent in der Gesamtstudie. 53 Prozent berichten von persönlichem Kontakt, gegenüber 34 Prozent insgesamt. Die Einstellungen zu autochthonen Minderheitensprachen zeigen dennoch ein gemischtes Bild.

Die Studie macht deutlich: Bildungseinrichtungen und Gesamtgesellschaft sind gefordert, autochthone Minderheiten, ihre Sprachen und die historisch gewachsene Vielfalt Österreichs stärker im Bildungsalltag und im öffentlichen Diskurs zu verankern.

Mehrsprachigkeit als Ressource

Bildungsdirektor Alfred Lehner betonte in seinen abschließenden Worten die Bedeutung sprachlicher und kultureller Vielfalt für die Bildungslandschaft des Burgenlandes. Die sprachliche und kulturelle Diversität sei ein prägendes Merkmal des Bundeslandes. Mehrsprachigkeit sei eine wertvolle Ressource und ein wichtiger Bestandteil der Bildungslandschaft. Die Aufgabe im Bildungsbereich sei es, Schülerinnen und Schüler dabei zu bestärken, sprachliche Vielfalt als Chance zu erkennen und die kulturellen Besonderheiten der Region wertzuschätzen.

Moderiert wurde die Jahrestagung von Walter Reiss, Elizabeth Hausmann-Farkas und Marin Berlakovich. Für die musikalische Gestaltung sorgten der Schulchor der BAfEP Oberwart „VOX BAfEP“ und ein Ensemble der Zentralmusikschule (ZMS) Großwarasdorf. Die Veranstaltung richtete sich an Elementarpädagoginnen und Elementarpädagogen, Lehrerinnen und Lehrer, Studierende, Vertreterinnen und Vertreter der Volksgruppen sowie weitere Interessierte.

Das Forum4Burgenland ist ein Bildungsforum der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland, der Bildungsdirektion Burgenland und der burgenländischen Volksgruppenbeiräte. Es wurde 2019 gegründet, um die autochthonen Minderheitensprachen Burgenlandkroatisch, Ungarisch und Burgenland-Romani stärker in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern und ihre Bedeutung im Bildungsbereich zu stärken.

Vier Männer sitzen auf Stühlen vor einer Leinwand mit der Aufschrift "Danke für Ihre Aufmerksamkeit!".
© PPH Burgenland, Christoph Novak/ Büro Lrin Winkler

Quelle: https://www.bildung-bgld.gv.at/news-presse/detail/article/jahrestagung-des-forum4burgenland

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