9/11-Anschläge prägten Terrorismus bis heute

Mathias FischerMathias Fischer
© Mit KI (Gemini) generiert

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 markierten die Geburtsstunde des modernen Jihadismus. Zum 25. Jahrestag warnt Terrorexperte Nicolas Stockhammer vor neuen Gefahren durch selbstradikalisierte Einzeltäter und Drohnen-Anschläge.

Die Anschläge vom 11. September 2001 mit rund 3.000 Toten haben die Welt in vielfacher Hinsicht verändert. Das betont Nicolas Stockhammer, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Terrorismus- und Extremismusforschung an der Donau-Universität Krems, gegenüber der APA. Die Anschläge seien die Geburtsstunde des modernen Jihadismus gewesen und würden Terroristen weiterhin als Vorbild dienen. Die größte Gefahr für Europa gehe heute jedoch von selbstradikalisierten Einzeltätern aus. Künstliche Intelligenz und Drohnen würden sehr bald eine größere Rolle spielen.

Die von Al-Kaida-Terroristen entführten Flugzeuge, die in das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington gesteuert wurden, seien die Mutter aller Terroranschläge gewesen – was Dimension, Intensität und vor allem Folgewirkung betreffe. Die Logistik dahinter sei enorm gewesen, die Planung hochgradig komplex und habe von den Drahtziehern Osama bin Laden und Khalid Sheikh Mohammed mehrere Jahre Vorbereitung erfordert.

Mobilisierungseffekt hält bis heute an

Der Anschlag habe eine Dynamik entfacht, die sich bis zum heutigen Tag durchziehe. Die Vorbildwirkung und Mobilisierungseffekte in der globalen Jihadisten-Szene hielten an – etwa in einschlägigen jihadistischen Onlineforen. 9/11 sei zudem der Beginn des „War on Terror“ gewesen, erklärt Stockhammer. Im Zuge dieses Kriegs gegen Terror, der fast 20 Jahre gedauert habe, sei es zu militärischen Interventionen in Afghanistan und im Irak gekommen, die gemäß Brown University rund 8.000 Milliarden US-Dollar (6.900,72 Mrd. Euro) an Kosten und annähernd zwei Millionen Tote verursacht hätten.

Als Reaktion auf 9/11 verschärften die USA ihre Anti-Terror-Gesetzgebung. Der Patriot Act erlaubt es den US-Behörden, großflächig zu lauschen. Bekanntgeworden sei etwa, dass der US-Geheimdienst NSA auch das Handy der früheren deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört habe. Andererseits teilen die US-Nachrichtendienste auch ihre Erkenntnisse. Allein in Österreich sei bei mindestens sieben von acht vereitelten Terrorplots der letzten drei bis vier Jahre die Verhinderung der nachrichtendienstlichen Kooperation mit den US-Behörden zuzuschreiben.

ISPK als derzeit relevantester IS-Ableger

Der abrupte Abzug von US-Soldaten und ihren Verbündeten aus Afghanistan 2021 hinterließ laut dem Experten ein regelrechtes Sicherheitsvakuum. In der zentralasiatischen Region machte sich der „Islamische Staat Provinz Khorasan“ (ISPK oder ISKP) breit, der derzeit relevanteste Ableger der Terrororganisation IS. Aktuell hätten fast alle IS-bezogenen Anschlagsszenarien in Europa Bezug zum ISPK, erklärt Stockhammer. Man spreche von bis zu 10.000 bis 15.000 Kämpfern im Namen des IS-Khorasan-Provinz. Für Europa sei dieser Ableger deshalb relevant, weil er es geschafft habe, eine Art Propaganda der Tat als Terrorfranchise zu vermitteln.

Die Ideologie des „virtuellen Kalifats“ werde über salafistische Influencer-Prediger, Kurzvideos und Memes auf Onlineplattformen wie TikTok propagiert. Das erfolge in bis zu 40 Sprachen, um Personen in den Ländern, wo diese Sprachen gesprochen werden, zu mobilisieren und zu rekrutieren. Von diesen online radikalisierten „Low-Level-Einzeltätern“ gehe heute die größte Gefahr für Europa und für Österreich aus, betont Stockhammer.

Virtualisierung des Terrorismus als wesentlichste Entwicklung

Die Attentäter würden immer jünger. Die Jugendlichen würden teilweise aus Abenteuerlust oder Langeweile oder Sinnleere angesprochen von eigens zugeschnittenen Inhalten in den sozialen Medien. Die „Virtualisierung des Terrorismus“ sei die wesentlichste Entwicklung seit 9/11, die den Terrorismus betreffe. Das bedeute, dass sämtliche Schritte vom Erstkontakt mit einer extremistischen Ideologie über Rekrutierung, Mobilisierung, Radikalisierung bis zur Planung von Terrorakten online erfolgen.

Dazu komme die Künstliche Intelligenz als inspirativer Faktor für Terroristen. Neue Technologien wie 3D-gedruckte Waffen, Drohnen und ähnliches würden sukzessive Eingang in terroristische Planungen und Aktivitäten finden. Der IS habe bereits Drohnen in Syrien und im Irak im Kampf gegen konventionelle Streitkräfte eingesetzt. Es werde über kurz oder lang, schätzt Stockhammer in den nächsten zwei bis drei Jahren, Anschläge mit Drohnen geben, die auf das Konto von islamistischen Terroristen gehen werden.

Ziel bleibt Etablierung eines Kalifats

Die Ziele der islamistischen Einzeltäter heute seien im Wesentlichen die gleichen wie jene der Al-Kaida-Terroristen von 2001. Das Ziel des globalen Jihadismus sei das Etablieren eines Kalifats. Die Vision, der sie anhängen, sei der Sieg des Islam über die anderen Religionen und die Verbreitung islamistischen Denkens mit gewaltsamen Methoden, quasi durch das Schwert. Ganz wesentlich sei auch, dass sämtliche extremen Ideologien von einem Opfermythos lebten. Das Narrativ der Jihadisten sei, Muslime würden vom Westen angegriffen und unterdrückt. Der Jihad, der „heilige Krieg“, sei die heilige Pflicht der Islamisten, Rache zu üben.

Auch wenn die Ziele die gleichen sind, gibt es ideologische Unterschiede zwischen dem IS und Al-Kaida. Al-Kaida habe es zum Beispiel kategorisch abgelehnt, Muslime im Rahmen von Anschlägen zu töten. Der IS habe dagegen von Anfang an auch Gewalt gegen muslimische „Apostaten“, darunter ebenso Schiiten, ausgeübt und eine rigorose Brutalität an den Tag gelegt. Bis 2011-2012, als der IS sich aus einem Ableger der Al-Kaida im Irak herausgebildet hatte, sei Al-Kaida global die wesentliche jihadistische Organisation gewesen. Sukzessive wurde ihr dann vom IS der Rang abgelaufen. Im außereuropäischen Raum bleibe Al-Kaida jedoch ein Faktor, vor allem in Asien und in Teilen Afrikas.

In Afrika, dem Kontinent, wo die meisten Terroranschläge verübt werden, zeige sich, dass der Islamismus weiterhin auf dem Vormarsch sei. Gerade in Staaten wie Mali, Niger, Somalia, Burkina Faso und anderen sehe man, dass hier der IS eine neue Blüte erlebt, erklärt Stockhammer.

Politischer Islam als „ideologischer Durchlauferhitzer“

Aber nicht nur dort schreite die Islamisierung voran. Akteure des sogenannten politischen Islam beziehungsweise des legalistischen Islamismus – die Muslimbruderschaft, Millî Görüş und andere – versuchten, subversiv den Staat auszuhöhlen und die Grundlagen für eine Islamisierung in unseren Breitengraden zu schaffen, sagt Stockhammer. Der Experte rät Rechtsstaaten, den Fehdehandschuh aufzunehmen, um mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenzuwirken. Ein Verbot des politischen Islam und eine Designation einschlägiger Gruppierungen wie der Muslimbruderschaft als „extremistische Organisation“ mache in rechtsstaatlicher Hinsicht absolut Sinn, vor allem aber aus der Perspektive der Sicherheit, denn der politische Islam sei ein ideologischer Durchlauferhitzer für islamistisch motivierte Gewalt.

Gleichzeitig sei aber auch Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und einer religiösen Konnotierung die ganz große Aufgabe, wie etwa das Attentat von Wien 2020 und der verhinderte Taylor-Swift-Anschlag gezeigt hätten.

150 Hochrisikogefährder in Österreich

Die österreichischen Behörden gehen von einer niedrigen dreistelligen Zahl von Gefährdern in Österreich aus. Stockhammer erläutert: Es gibt drei Gruppen. Hochrisikogefährder sind Personen, die jederzeit einen Terroranschlag verüben könnten und wollten. Das seien circa 150 Personen in Österreich im islamistischen Milieu. Die Zahl der sogenannten Risikogefährder würde der Experte auf fast 1.000 bemessen. Gemeint seien jene, die es wahrscheinlich gerne täten, aber (noch) nicht könnten. Zusätzlich gebe es Gefährder, die prinzipiell mit der Idee liebäugeln könnten, irgendwann einen Terroranschlag zu verüben, aber das noch nicht weiter konkretisiert haben.

Bin Laden ursprünglich von USA unterstützt

Der Experte erzählt im Zusammenhang mit 9/11 aber auch eine schon beinahe in Vergessenheit geratene Anekdote: Der Drahtzieher Osama bin Laden ist ursprünglich von den USA gefördert worden. Man erinnere sich zurück, 1979, als die Sowjetunion versucht habe, in Afghanistan militärisch einzuschreiten und zu gewinnen, wurden die aufständischen Kräfte, unter anderem die Gruppen rund um Osama bin Laden, der mehrheitlich in Pakistan weilte, und auch die Taliban unterstützt, berichtet er. Bin Laden wurde 2011 von einer US-Spezialeinheit in Pakistan getötet. Die Taliban dagegen sind nun wieder an der Macht – also waren es fast 20 Jahre War on Terror, um Al-Kaida zu bekämpfen und auch um die Taliban durch die Taliban zu ersetzen, könnte man zynisch anmerken.

Quelle: APA

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