Angst vor verpassten Gewinnen treibt Börsen auf Rekordniveau

Mona HopfingerMona Hopfinger
Mann auf Seil balanciert über Börsenchart, Rekordhoch, Überhitzt-Anzeige, FOMO, Euro-Symbole
© Mit KI (Gemini) generiert

Die Furcht, lukrative Kurssteigerungen zu verpassen, befeuert die Aktienmärkte in den USA und Europa stärker als fundamentale Unternehmensdaten. Experten sprechen von „Torschlusspanik“ – institutionelle Investoren fürchten eine Rally mehr zu versäumen, als vor Kursverlusten.

Die aktuelle Rekordjagd an den Börsen hat laut Experten mehr Ursachen als nur starke Unternehmensbilanzen. Mark Hackett, Chefstratege beim Finanzdienstleister Nationwide, sieht die Angst, den Anschluss zu verlieren, als wesentlichen Treiber der Kursentwicklung. In den USA hat sich dafür der Begriff „Fear of Missing Out“ (FOMO) durchgesetzt.

Steve Sosnick von Interactive Brokers erklärt, dass dieses Phänomen am Markt schon immer präsent gewesen sei, nun aber verstärkt in den Vordergrund rücke. Viele institutionelle Investoren hätten größere Sorge davor, eine Rally zu versäumen, als vor fallenden Kursen.

Spekulative Euphorie an der Wall Street

An der Wall Street zeigt sich die Entwicklung besonders deutlich. Nach monatelanger Seitwärtsbewegung legte der S&P 500 zuletzt kräftig zu. Verschiedene Kennzahlen weisen auf spekulative Euphorie hin. Das Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsoptionen auf den S&P 500 erreichte einen der höchsten Werte seit vier Jahren. Der „Bullish Percent Index“ stieg auf über 70 Prozent und signalisiert damit, dass der Markt technisch „überkauft“ ist.

Normalerweise sinkt der US-Volatilitätsindex VIX – auch als Angstbarometer bekannt – wenn die Aktienkurse steigen. Diesmal war es anders: Die Volatilität stieg zeitweise gleichzeitig mit den Kursen an. Das gilt als ungewöhnliches Zeichen dafür, dass viele Anleger auf weiter steigende Kurse spekulieren..

DAX profitiert von US-Technologiesektor

Jochen Stanzl, Chefanalyst der Consorsbank, beobachtet auch beim DAX nach einem Jahr Pause wieder Charakteristiken eines Bullenmarktes. Der Index steige fast unbemerkt, aber nachdrücklich. Überraschend starke Geschäftszahlen aus dem US-Technologiesektor trieben den deutschen Leitindex am Mittwoch auf ein neues Allzeithoch und übertrafen damit die Bestmarken vom Dienstag und Freitag.

Weder Unruhen in Nahost noch Zinssorgen oder hitzebedingte Belastungen der deutschen Wirtschaft würden günstigere Einstiegskurse erzeugen, so Stanzl. Immer mehr Anleger beschleiche die Angst, etwas zu verpassen.

Für den europaweit und auch für Österreich bedeutenden deutschen Markt ist diese Entwicklung bemerkenswert. Anders als in den USA, wo Technologiewerte die Rally dominieren, ist der DAX breiter und weniger technologielastig aufgestellt. Dennoch greift die positive Stimmung der Wall Street über – trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten und politischer Unsicherheiten in der bedeutendsten Volkswirtschaft der EU.

ATX mit Bankaktien an der Spitze

Der österreichische Leitindex ATX ist anders aufgestellt. Bankaktien sind mit einer Gewichtung von rund 45 Prozent tonangebend. Da der Sektor europaweit einen starken Lauf hinter sich hat, befindet sich der ATX nach einem bereits starken Jahr 2025 auch heuer unter den erfolgreichsten Leitindizes der Welt. Mit einem Kurszuwachs von knapp 26 Prozent eilt er von Rekordhoch zu Rekordhoch. Neben der Branchenzusammensetzung unterscheidet sich das Barometer mit seiner Fokussierung auf die osteuropäischen Märkte auch geografisch von vielen anderen Leitindizes.

Analysten sind den für den heimischen Markt wichtigen Bankwerten gegenüber positiv eingestellt. Die europäischen Banken haben in der letzten Berichtssaison erneut überzeugt und dabei sowohl die Erwartungen übertroffen als auch ihre Prognosen nach oben korrigiert, hieß es zuletzt in einer Sektorstudie der US-Bank Morgan Stanley. Steigende Zinskurven, beschleunigtes Kreditwachstum und robuste Pipelines signalisieren eine solide mittelfristige Ertragslage.

Stärker an das Börsengeschehen in den USA gekoppelt ist die AT&S-Aktie, bei der – wie bei vielen anderen Werten mit KI-Bezug – Euphorie und Skepsis einander in kurzen Abständen ablösen. Der Aktienkurs des steirischen Halbleiterzulieferers notiert mit aktuell 165 Euro über ein Viertel unter dem Rekordhoch von Mitte Juni und hat sich seit Jahresbeginn immer noch mehr als verfünffacht.

Experten warnen vor überhitztem Markt

Manche Marktbeobachter sehen die extreme Kauflaune an den Börsen als Warnsignal. Sie mahnen zur Vorsicht, weil der Kursanstieg stärker von der allgemeinen Dynamik als von wirtschaftlichen Grunddaten getrieben sein könnte. Timo Emden vom Broker CapTrader spricht von einer Gratwanderung zwischen Gewinnoptimismus und Risikobewusstsein.
Andere Experten sind hingegen zuversichtlicher und sehen die Rally auf einem soliden Fundament. Nach den schwächeren US-Arbeitsmarktdaten vom vergangenen Freitag sei die sinkende Inflation günstig für die Börse: Eine sich abkühlende Wirtschaft mit weniger Preisdruck gebe der US-Notenbank mehr Spielraum, sagt Jürgen Molnar, Stratege bei RoboMarkets.

Quelle: APA/Reuters

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