Castellucci inszeniert „Saint François“ in Salzburg

Pia ProdingerPia Prodinger
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Bei den Salzburger Festspielen feierte die Neuproduktion von Olivier Messiaens „Saint François d'Assise“ Premiere. Regisseur Romeo Castellucci schuf in der Felsenreitschule starke Bilder zu dem sechsstündigen Werk, das genau 800 Jahre nach dem Tod des Heiligen zur Aufführung kam.

Die Premiere von Olivier Messiaens einziger Oper am Dienstag wurde vom Publikum mit frenetischem Applaus gefeiert, während die Kirchenglocken der Stadt läuteten. Im Zentrum des Abends stand Bassbariton Philippe Sly in der Titelrolle, der sich über gut sechs Stunden hinweg durch die Lebensstationen des Heiligen kämpfte – physisch wie stimmlich eine Extrembelastung.

Der tiefgläubige Katholik Messiaen war bereits 74 Jahre alt, als seine spirituellen Impressionen über Leben und Sterben von Franz von Assisi als Oper uraufgeführt wurden. Ihren internationalen Durchbruch erlebte das Werk in Salzburg 1992 unter Gerard Mortier. Das Stück bringt den Aphorismus auf den Punkt, dass das Publikum in die Oper geht wie in einen Gottesdienst – ähnlich wie Wagners „Parsifal“.

Mystische Bildsprache statt narrativer Vereinfachung

In acht Tableaus beleuchtet das von Messiaen selbst verfasste Libretto unterschiedliche Aspekte der Figur eines Menschen, der zum Heiligen wird. Diese in sich geschlossenen Bilder ergeben in Summe wie bei einem Mosaik das Gesamtbild einer Apotheose – eine formale Konstruktion, die dem Bildmystiker Romeo Castellucci perfekt entgegenkommt.

Der 66-jährige Italiener verzichtet darauf, die einzelnen Tableaus narrativ zu vereinfachen. Stattdessen schafft er innerhalb der acht Rahmen gewohnt starke Bilder, die mystisch aufgeladen und nicht immer einfach zu erklären sind. Symbole wie das Kneten von Teig und Erde – der Staub, aus dem der Mensch kommt und zu dem er zurückkehrt – ziehen sich durch den Abend, der sich über die Stunden in seiner Bildgewalt steigert.

Mal fallen Vögel vom Himmel, mal symbolisiert ein simpler, beleuchteter Faden, der von der Decke hängt, den Aufstieg des Heiligen in den Himmel. Genau 800 Jahre nach dem Tod des Heiligen 1226 zeigt Castellucci Franz von Assisi als durchaus radikalen, konsequenten Sucher nicht der individuellen, romantischen Liebe, sondern der Liebe zur Schöpfung und zu Gott – abseits verkitschter Tourismusklischees.

Ephemere Momente und Brotduft im Zuschauerraum

Hier hat sich der richtige Regisseur des richtigen Stücks angenommen, auch wenn Castelluccis Bilder diesmal nicht die Urgewalt seiner legendären „Salome“ aus 2018 bei den Festspielen erreichen. Manches bleibt zu ephemer, etwa wenn Franz kurzzeitig in Filz gehüllt mit einem lebenden Kojoten auftritt – eine Anspielung an Joseph Beuys' legendäre Aktion „I like America and America likes me“.

Am Ende trottet eine kleine Schafherde zum Tod des Heiligen erstaunlich unberührt von der Musik über die Bühne. Dass der von den Brüdern geknetete Teig als kleine Foltereinlage für hungrige Opernfreunde in Backöfen auf der Bühne gebacken wird – inklusive entsprechendem Geruch – sei dem Regisseur verziehen.

Pascal beherrscht die gigantische Besetzung

Während auf der Bühne weitgehend kontemplative Spiritualität herrscht, stellt sich die Lage für Maxime Pascal im Graben gänzlich anders dar. Der französische Dirigent, der zuletzt mit Peter Eötvös' „Drei Schwestern“ bei den Festspielen überzeugte, hat die gigantische, 120 Musiker umfassende Gruppe der Wiener Philharmoniker und die grandios disponierte Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, die aus dem Off die Stimme Gottes gibt, im Griff.

Messiaens unruhige Polymetrik, in der das Schlagwerk in allen denkbaren Klangfarben und die Bläser mit ungemeiner Kraft dominieren, während die Streicher eher in dienender Funktion auftreten, hält der erst 40-jährige Pascal zusammen. Auch die Aufgabe, dass der Vogelfreund Messiaen allzeit verschiedene Vogelstimmen durch das Orchester tirilieren lässt, bewältigt der Maestro bravourös.

Sly als stoisches Zentrum, Oliva als Entdeckung

Auf der Bühne durchleidet Philippe Sly die Lebensstationen des Heiligen. Die stets deklamierte Freude an der Schöpfung findet bei Messiaens ekstatischer, düsterer Musik letztlich keinen Platz. Mit seinem schnörkellos intonierten, vibratoarmen Bassbariton ist der Kanadier das unbestrittene, stoische Zentrum des Abends.

Doch der Abend kann mit einer zweiten großen Entdeckung aufwarten: Der erst 26-jährigen Sopranistin Lauranne Oliva gelingt als Engel mit einem satt-golden schimmernden Timbre, stilsicherem Vibrato und großem Volumen das riesige Rund der Felsenreitschule zu füllen.

Weitere Aufführungen finden am 9., 12., 15., 19. und 23. August statt.

Quelle: APA

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