Dacia Maraini feiert 90. Geburtstag

Mathias FischerMathias Fischer
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Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini wird am 13. November 90 Jahre alt. Seit Jahrzehnten zählt sie zu den bedeutendsten Stimmen der italienischen Literatur und gilt als feministische Pionierin.

Dacia Maraini gehört zu den weltweit meistgelesenen italienischen Autorinnen. Ihr Name fällt seit Jahren, wenn über mögliche Literaturnobelpreisträger spekuliert wird – der Anruf aus Stockholm blieb bislang aber aus. Am 22. November nimmt sie in Krems/Stein den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln entgegen.

Eine große Feier zum runden Geburtstag wird es nicht geben. „Ich habe Feiern nie gemocht“, sagte Maraini der Nachrichtenagentur Ansa. Ihr Terminkalender sei ohnehin zu voll. „Das Leben geht weiter, ich arbeite ständig, auch sonntags. Ich tue das, was mir gefällt: Ich schreibe, ich lese.“

Gewalt, Missbrauch und weibliche Selbstbestimmung

In ihren Romanen, Essays und Theaterstücken greift Maraini Themen auf, über die in Italien lange geschwiegen wurde: Gewalt gegen Frauen, Zwangsprostitution, Inzest oder lesbische Liebe. Sie schreibt über weibliche Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, in der Frauen auf traditionelle Rollen festgelegt wurden – über Missbrauch und Erniedrigung, aber auch über Widerstand gegen patriarchale Macht.

Fast alle ihre Bücher halten der Gesellschaft den Spiegel vor. Für „Kinder der Dunkelheit“ (1999) über missbrauchte Frauen und Kinder erhielt sie den renommierten Premio Strega.

Prägung durch Sizilien und Japan

1936 in Fiesole bei Florenz geboren, wuchs Maraini als Tochter eines Ethnologen und einer Malerin in Japan auf. 1939 wanderten ihre Eltern mit ihr dorthin aus. 1943 wurden die Eltern als Antifaschisten mit den Kindern in Lagern interniert – Japan war Verbündeter von Nazideutschland und Mussolinis faschistischem Italien. Hunger und Erschöpfung prägten ihr Leben dort. „Eine schreckliche Wunde, die ich mit mir herumtrage“, nennt sie die Erinnerungen.

Als junges Mädchen kam sie bei ihren Großeltern in Bagheria bei Palermo unter. Von progressiven Eltern erzogen, erlebte sie dort einen Kulturschock und sah sich mit der traditionellen Männerkultur des italienischen Mezzogiorno konfrontiert. Diese Jahre prägten ihr Schaffen nachhaltig.

„Die stumme Herzogin“ als bekanntestes Werk

Ihr wohl bekanntestes Buch „Die stumme Herzogin“ (1992) beschreibt das Leben der taubstummen Herzogin Marianna Ucrìa im Sizilien des 18. Jahrhunderts und deren Kampf um Emanzipation. Bagheria widmete sie ein eigenes Buch: „Bagheria - Eine Kindheit auf Sizilien“ (1993).

1962 feierte sie mit „Tage im August“ ihren ersten Erfolg. Der Roman handelt von einem 14-jährigen Mädchen, das in den Sommerferien erstmals die gierigen Blicke junger wie alter Männer erlebt. Es folgten weitere Bücher, von denen viele ins Deutsche übersetzt wurden.

Im Schatten von Alberto Moravia

Am Anfang ihrer Karriere machte sich Maraini zunächst in kleineren Kreisen einen Namen. Sie litt lange unter der von ihr kritisierten Machokultur und Frauenfeindlichkeit in der italienischen Gesellschaft der 1960er Jahre. Zwei Jahrzehnte lebte sie mit dem Autor Alberto Moravia zusammen, stand aber oft in dessen Schatten und wurde als seine schreibende Freundin angesehen.

Auszeichnung für „unverwechselbare Stimme“

Ihre Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt. Neben dem Premio Strega (1999) wurde sie auch mit dem Premio Campiello (1990) für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Anlässlich ihres 90. Geburtstages erscheinen beim Folio-Verlag die deutsche Erstveröffentlichung ihrer Erzählung „Ragazze di Palermo“ sowie eine limitierte Sonderausgabe von „Die stumme Herzogin“.

„Mit Dacia Maraini ehren wir 2026 eine Schriftstellerin, die der europäischen Idee durch ihr Leben und ihr Werk eine unverwechselbare Stimme gegeben hat“, heißt es in der Begründung für den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels. „In Romanen, Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken hat sie jenen eine Stimme verliehen, die allzu oft übersehen werden: Frauen, Ausgegrenzten, Benachteiligten und den Opfern von Gewalt.“

Kein Hinterherjagen nach dem Nobelpreis

„Mein Traum war immer dieser: Seiten zu schreiben, die diejenigen, die sie lesen, lieben werden. Mehr nicht“, sagte sie einmal in einem Interview angesprochen auf den Nobelpreis. Einige Jahre später gab sie zu: „Ich hoffe, dass er kommt. Aber das Wichtigste ist, ihm nicht hinterherzujagen, sonst leidet man unter Ängsten.“

An einem neuen Buch schreibt sie bereits wieder. „Aber darüber spreche ich jetzt noch nicht“, sagte sie Ansa. Mehrmals im Monat erscheinen Kommentare aus ihrer Feder in der Zeitung „Corriere della Sera“. Der jungen Generation rät sie angesichts der aktuellen Weltlage: „Aufmerksam zu sein.“

Quelle: APA/dpa

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