ESA will Astronauten künftig autonom ins All bringen

Die Europäische Raumfahrtagentur strebt mehr Unabhängigkeit in der bemannten Raumfahrt an. ESA-Chef Josef Aschbacher kündigte an, Europa könne künftig selbstständig Astronauten transportieren – eine mögliche „historische Entscheidung“.
Die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) setzt auf mehr Eigenständigkeit bei der Weltraumexploration. Das kündigte ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher am Rande der „Austrian Space Days“ gegenüber der APA an. Auslöser für das Umdenken ist unter anderem der Kurswechsel der NASA zu Jahresbeginn: Die US-Raumfahrtagentur schwenkte von den Plänen für eine Raumstation in der Mond-Umlaufbahn auf den Bau einer Basisstation auf dem Mond um. Die ESA war am Projekt „Lunar Gateway“ beteiligt und muss nun ebenfalls ihre Strategie anpassen.
Autonome Astronautenflüge als Ziel
Im September verabschiedeten die ESA-Mitgliedstaaten in Paris einen „Aufruf zur Dynamisierung der europäischen Weltraumexploration“. Darin wird betont, dass der niedrige Erdorbit ein Tor zu Wissenschaft, Forschung, Innovation und wirtschaftlicher Aktivität sei. Da die Internationale Raumstation ISS sich dem Ende ihrer Lebenszeit nähere, wäre der Aufbau einer wettbewerbsfähigen europäischen Kapazität für den Transport von Astronauten ein entscheidender Schritt, um die technologische und industrielle Basis zu stärken.
„Die USA, Russland und China fliegen Astronauten in den Weltraum“, so Aschbacher. Europa verfüge über die notwendige Exzellenz: „Wir können das tun.“ Bisher waren ESA-Astronauten bei Flügen ins All auf führende Nationen, vor allem die USA, angewiesen. Eigene geeignete Vehikel fehlen derzeit noch.
Für die ESA-Zwischentagung der Ministerebene im Dezember in Rom arbeitet der ESA-Chef derzeit einen Vorschlag aus, wie die autonome bemannte Raumfahrt in einer ersten Phase aussehen könnte. Geplant sind Astronautenflüge in den niedrigen Erdorbit als ersten Schritt. Würde der Vorschlag angenommen, „wäre das eine historische Entscheidung“, so Aschbacher. Dies könnte den Weg ebnen, später auch selbstständig zum Mond zu fliegen.
Zehn Milliarden Euro für eigenes Trägersystem
Um ein Trägersystem für Astronauten zu entwickeln, veranschlagt der aus Tirol stammende ESA-Direktor grob zehn Milliarden Euro über die nächsten zehn Jahre verteilt. Würde man weiterhin eher ausländische Dienstleistungen nutzen, lägen die Kosten bei etwa fünf Milliarden Euro im gleichen Zeitraum. Für den Start bemannter Raketen eigne sich der europäische Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guyana.
Die europäische Idee von mehr Autonomie gewinnt auch deshalb an Profil, weil sich das bisherige Modell des Transports mittel- bis langfristig wohl ändern wird. Das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX fokussiere strategisch immer mehr auf den Einsatz von „Starship“ anstelle der „Falcon 9“, so Aschbacher. Was bleibe, sei eine große Unsicherheit.
Robotik und bemannte Raumfahrt Hand in Hand
Der NASA-Kurswechsel vom ursprünglich geplanten „Lunar Gateway“ hin zu einer Mondbasis sei als eine Art Weckruf einzuordnen. „Europa will autonomer werden“, betonte Aschbacher. Doch auch abseits der Astronautenflüge gehe es um die Stärkung Europas. Die robotische Raumfahrt spiele bei der Weltraumexploration eine wichtige Rolle: „Das geht Hand in Hand. Maschine und Mensch arbeiten ja enger und enger zusammen.“
Bei der Exploration des Mondes und dem Aufbau der Mondbasis gehe es auch um Maschinen, die autonom gesteuert werden, wahrscheinlich mit Künstlicher Intelligenz agieren und dort autark arbeiten. Natürlich werde es auch Astronauten geben, die das Ganze mitbedienen und eine ganz andere Dimension hinzufügen. Die Ministerebene in Rom entscheide über beides, so Aschbacher – die bemannte Raumfahrt sowie Robotik.
Seine ferne, „sehr bildliche“ Vision für den Mond: Die NASA werde ihre Station aufbauen, ein Habitat für Astronauten haben und Experimente durchführen. Europa werde das Gleiche machen, aber für seine Zwecke. Europa werde natürlich mit der NASA zusammenarbeiten. Man werde sich vielleicht Stromproduktion teilen, oder einer kaufe vom anderen. Es gebe Kommunikation, man werde sich gegenseitig unterstützen wie auf der Erde. Aber es gebe natürlich Elemente, die nebeneinander existieren – auch von jenen ganz anderer Staaten wie etwa China, die ebenso den Mond im Fokus haben.
Warnung vor Fragmentierung in Europa
An Europas Zusammenarbeit im globalen Wettbewerb appellierte der ESA-Direktor bereits am Mittwoch bei seiner Keynote bei den erstmalig abgehaltenen „Austrian Space Days“ am Standort Flughafen Wien in Schwechat: „Europa steht unter Druck.“ Notwendig seien finanzielle Mittel, eine Entbürokratisierung und „ein Quantensprung in Bezug auf Innovation“. Die verstärkt wahrzunehmende Fokussierung einzelner Länder auf eigene Satellitenprogramme sei, bei allem Verständnis für staatliche Souveränität, kritisch zu sehen, wenn die Satellitensysteme letztlich nicht kompatibel sind. In Europa habe man 23 Mitgliedsländer in der ESA, 27 in der EU. Er warnte vor Fragmentierung.
Am Beispiel des Satellitennetzwerkes von SpaceX: Starlink dominiere aktuell den Weltmarkt bei satellitengestützten Internetsignalen und Kommunikation. „Es ist ganz klar, dass hier ein Land den Weltmarkt beherrscht. Und wenn Europa jetzt zehn eigene Systeme aufbaut, wird es nicht konkurrieren können. Deshalb muss sich Europa stärken, um sich auch gegen andere, internationale Akteure behaupten zu können, die ja global arbeiten.“
Neuverhandlungen mit der NASA
Ebenso auf Aschbachers To-Do-Liste stehen Verhandlungen mit der NASA. Man hatte mit der US-Raumfahrtagentur vereinbart, „Lunar Gateway“ mit aufzubauen, auch das „European Service Module“ bereitzustellen und im Gegenzug drei Flüge zum Gateway zu erhalten. Nach dem Gateway-Aus müsse man die Verhandlungen wieder von Neuem beginnen: „Meine Forderung an die NASA war, dass wir dafür über Flüge zur Mondoberfläche verhandeln. Und genau das machen wir jetzt“, so der Experte, der zugleich auf die gute Zusammenarbeit mit der NASA als „unser stärkster Partner“ verweist.
Konkrete Einbußen für die ESA sieht Aschbacher nicht: „Natürlich haben wir Geld in Technologieentwicklung investiert, die wir jetzt aber anderweitig verwenden können.“ Es sei damit nicht verloren, es könnte letztlich auch der angestrebten Autonomie der ESA zugutekommen.
Erfolgreiches Jahr für die ESA
Auf das aktuelle ESA-Jahr blickt der seit 2021 der Agentur vorstehende Generaldirektor sehr zufrieden. Von den für 2026 geplanten rund 65 Missionen und Satelliten seien bereits 30 gelauncht worden. Man sei „sehr beschäftigt“ gewesen. Unter anderem flog die Trägerrakete Ariane 6 erstmals mit vier Feststoff-Boostern ins All.
Beim ESA-Projekt „Ariane Next“ – dem geplanten wiederverwendbaren Nachfolger der Ariane 6 – wurden bereits vier Kandidaten im Rahmen der ausgeschriebenen „Challenge“ vorausgewählt: zwei aus Deutschland, einer aus Spanien und einer aus Frankreich. Nun stehen weitere Tests an. Hier gehe es um die stufenweise Weiterentwicklung bis letztlich hin zur Schwerlastrakete, die 20 Tonnen oder mehr transportieren kann. Aschbacher: „Es heißt immer, Europa ist langsam – überhaupt nicht. Wir sind auf einem guten Pfad.“
Über Europas Zukunft diskutiert Aschbacher auch schon bald wieder in Österreich, nämlich als Gastredner bei der Jahreskonferenz des „European Space Policy Institute“ (ESPI) Anfang kommender Woche (19. bis 20. Oktober) in Wien.
(SERVICE – https://www.esa.int/; https://austrianspacedays.com/; ESPI-Konferenz: https://www.espi.eu/events/ac20/; Aufruf der ESA-Mitgliedstaaten: https://go.apa.at/ZavMYkvu)
Quelle: APA
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