Familie aus Chile besucht Graz auf Spurensuche

Elf Nachkommen von Gertrude Scharfstein sind aus Chile nach Graz gereist, um die Wurzeln ihrer Vorfahrin zu erkunden. Die Familie wurde im Rathaus empfangen.
Sergio Schlesinger und Ariel Scharfstein, die beiden Enkelsöhne von Gertrude Scharfstein, sind gemeinsam mit neun weiteren Verwandten aus Chile angereist, um sich auf eine Zeitreise zu den Wurzeln ihrer Familie zu begeben. Die Gruppe besuchte historische Orte in der steirischen Landeshauptstadt und wurde im Rathaus empfangen.
Vom Wohlstand zur Vertreibung
Gertrude Scharfstein, geborene Blüh, stammte aus einer wohlhabenden Grazer Kaufmannsfamilie. Das Lederhandelsgeschäft der Familie befand sich in der Annenstraße 31, im Hof wurde die Schuhoberteilerzeugung betrieben. Die Familie besaß ein Automobil und ein Telefon, das geschnitzte Eingangstor war aus dickem Holz gefertigt, auf der Terrasse des Appartements im zweiten Stock blühten Obstbäume.
Im Jahr 1935 heiratete Gertrude den Geschäftsmann Josef Scharfstein und zog mit ihm an den Ruckerlberggürtel 14. Sie engagierte sich bei der zionistischen internationalen Women's International Zionist Organisation (WIZO), die als karitative Frauenorganisation Geld für Sozialprojekte in Palästina sammelte.
Im März 1938 veränderte sich das Leben der Familie schlagartig. Haft, Ausschließung und Diskriminierung prägten fortan den Alltag. Gegen Jahresende konnten Gertrude und ihr Mann durch einen glücklichen Zufall entfliehen. Über Jugoslawien und England gelangten sie nach Ecuador, wo Josef und sein Bruder Moritz einen florierenden Uhrenhandel aufbauten. Gertrude starb 2010 im Kreise ihrer Familie, ihre frühere Heimatstadt hat sie nie wiedergesehen.
Stolpersteine als Erinnerung
Für Sergio Schlesinger und Ariel Scharfstein war es nicht der erste Besuch in Graz. Bereits vor zehn Jahren waren sie wichtige Akteure bei der Stolpersteinverlegung an den Wohnadressen der Familien Blüh und Scharfstein, organisiert durch den Verein für Gedenkkultur.
Die aktuelle Reise führte die chilenischen Verwandten unter anderem in die Sackstraße 18, wo sich einst das erste sechsklassige Mädchenlyzeum der Österreichisch-Ungarischen Monarchie befand, das auch Gertrude besucht hatte. Heute beherbergt das Gebäude das Graz Museum.
Empfang im Rathaus
Besonders freute die Familie der Empfang im Rathaus. Bürgermeisterin Elke Kahr war terminlich verhindert, ließ aber ausrichten: „Ihr Besuch als Nachfahren jener, die aus Graz vertrieben wurden, zeigt, dass Erinnerung nicht einfach endet, sondern auch neue Verbindungen schafft. Ich bin für Ihr Kommen dankbar und hoffe, dass Sie mit Graz in guter Verbindung bleiben.“
Daniela Grabe, Mitbegründerin des Vereins für Gedenkkultur, begleitete die Delegation ins Rathaus. Sie betonte: „Stolpersteine bedeuten, dass Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden, nicht vergessen sind. Stolpersteine bedeuten aber auch die Stärkung des wichtigen Bandes, das sie zwischen uns in Graz und den Nachkommen jener Menschen geschaffen haben. Ich freue mich sehr, dass die Stadt Graz so wie heute durch diesen Empfang im Rathaus hilft, dieses Band zu stärken!“
Quelle: https://www.graz.at/cms/beitrag/10471959/8106610/Spurensuche_in_Graz.html
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