Fünf Jahre Taliban: 21,9 Millionen Afghanen brauchen Hilfe

Seit der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 hat sich die humanitäre Lage in Afghanistan dramatisch verschlechtert. Rund 45 Prozent der Bevölkerung sind auf Unterstützung angewiesen, warnt die Diakonie Katastrophenhilfe.
Am 15. August 2026 jährt sich die Rückkehr der Taliban an die Macht zum fünften Mal. Die Folgen für Afghanistan sind verheerend: Politische und wirtschaftliche Instabilität, Vertreibungen und die massive Entrechtung von Frauen und Mädchen haben die humanitäre Krise massiv verschärft. Laut UNOCHA benötigen etwa 21,9 Millionen Menschen – rund 45 Prozent der Gesamtbevölkerung – humanitäre Hilfe.
Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie, beschreibt die Lage drastisch: „Das Leben in Afghanistan nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft zu beschreiben, heißt, viele Superlative bemühen zu müssen.“ Das Land zähle zu den ärmsten weltweit und befinde sich auch heuer in einer der größten humanitären Krisen.
Hunger, Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Kollaps
Etwa 30 Prozent der Bevölkerung leiden unter Unterernährung. Grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung, medizinische Versorgung und Bildung sind für viele Menschen nicht gedeckt. Gleichzeitig steigen die Preise, während Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten kaum vorhanden sind.
Internationale Sanktionen, ein nur eingeschränkt funktionierendes Bankensystem sowie Probleme beim Geld- und Warenverkehr verschlimmern die wirtschaftliche Notlage zusätzlich. Hinzu kommt, dass zahlreiche Afghaninnen und Afghanen, die in den vergangenen Jahrzehnten in Nachbarländern wie Pakistan Zuflucht gefunden hatten, zur Rückkehr gezwungen werden. Viele kehren in ein Land zurück, in dem sie weder Unterkunft noch Lebensgrundlage haben.
Regelmäßige Dürren und Ernteausfälle belasten die Bevölkerung zusätzlich. Erdbeben, Erdrutsche und Überschwemmungen richten immer wieder große Schäden an – an Häusern, Straßen und landwirtschaftlichen Flächen. Besonders hart trifft das eine Bevölkerung, die nach jahrzehntelangen Konflikten und Krisen kaum noch Kraft hat, solche Rückschläge zu verkraften.
Frauen und Mädchen nahezu vollständig entrechtet
Besonders schlimm ist die Lage für Frauen und Mädchen. Schon während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 wurden ihnen grundlegende Rechte entzogen. Seit die Taliban 2021 erneut die Macht übernahmen, hat sich die Situation nochmals stark verschlechtert.
Frauen und Mädchen dürfen kaum noch am öffentlichen Leben teilnehmen. Parks, Fitnessstudios und Sportvereine sind für sie gesperrt, viele öffentliche Veranstaltungen dürfen sie nicht besuchen. Mädchen können nach der sechsten Klasse keine weiterführende Schule mehr besuchen. Frauen sind außerdem fast vollständig aus der Arbeitswelt ausgeschlossen.
Trotzdem versuchen manche, auf anderen Wegen Geld zu verdienen – etwa durch Heimarbeit, über das Internet, in Privathaushalten, als Lehrerinnen für jüngere Mädchen oder im Gesundheitswesen. Gerade in der medizinischen Versorgung sind Frauen als Fachkräfte unverzichtbar, weil viele Patientinnen nicht von Männern behandelt werden dürfen.
Hilfsorganisationen unter schwierigen Bedingungen im Einsatz
Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban verließen viele internationale Hilfsorganisationen und gut ausgebildete afghanische Fachkräfte das Land. Manche Organisationen arbeiten jedoch trotz der schwierigen Bedingungen weiter.
Die Diakonie Katastrophenhilfe ist seit vielen Jahren in Afghanistan aktiv und arbeitet dort mit Norwegian Church Aid zusammen. Die Partnerorganisation ist bereits seit den 1990er-Jahren im Land tätig und beschäftigt vor allem einheimische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In den vergangenen Jahren half die Diakonie Katastrophenhilfe mit Spendengeldern Menschen, die von schweren Erdbeben in Herat und Kunar betroffen waren, sowie besonders bedürftigen Familien, die aus Pakistan abgeschoben wurden.
Derzeit unterstützen die Diakonie Katastrophenhilfe und ihre Partnerorganisation Familien dabei, eine berufliche Zukunft aufzubauen. Je 55 Frauen und 55 Männer nehmen getrennt voneinander an Ausbildungskursen teil, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind.
Die Teilnehmenden lernen unter anderem Handarbeit, Schneiderei, Autoreparatur und Elektrotechnik. So sollen sie eigene Produkte herstellen und verkaufen oder handwerkliche Dienstleistungen anbieten können. Außerdem erhalten sie finanzielle Unterstützung, um Werkzeuge und Materialien kaufen zu können – mit dem Ziel, langfristig ein eigenes Einkommen zu erzielen und ihre Familien selbst zu versorgen.
Da öffentliche Fördergelder stark gekürzt wurden, ist die Fortsetzung dieser Hilfsangebote zunehmend gefährdet. Die Diakonie Katastrophenhilfe und ihre Partner sind deshalb dringend auf Spenden angewiesen.
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