Gendermedizin: Vom wandernden Uterus zur fairen Versorgung

Jahrhundertelang galt der männliche Körper als Norm, Frauen wurden als Abweichung betrachtet. Die Gendermedizin will ein gerechtes Gesundheitssystem für alle schaffen – denn Frauen sind keine kleinen Männer.
Die Geschichte der Medizin ist geprägt von Mythen und Fehleinschätzungen über den weiblichen Körper. In der Antike glaubte man an eine „wandernde Gebärmutter“, die für praktisch alle Frauenleiden verantwortlich sein sollte. Dieser Irrglaube hielt sich bis ins Mittelalter.
Im antiken Griechenland hatten Frauen keine eigenständige Existenz. Der Philosoph Aristoteles führte die „Hysterie“ als Hauptgrund an, warum Frauen als ungeeignet für die Teilnahme am Stadtstaat galten. Dennoch wurden „heiltätige Frauen“ in medizinischen Schriften erwähnt.
Erste Zweifel am Mythos im 12. Jahrhundert
Anfang des 12. Jahrhunderts entstanden die ersten schriftlichen Aufzeichnungen einer Frau: Trota von Salerno, die als Chirurgin, Dermatologin und Gynäkologin tätig war. Sie war Mitautorin der Sammlung medizinischer Schriften „Trotula von Salerno“. An der „Schola Medica Salernitana“, der ersten medizinischen Fakultät Westeuropas, durften Frauen studieren und lehren. Trota zweifelte den Mythos vom wandernden Uterus bereits an.
Zu Beginn der Neuzeit wurde der Hebammenberuf den Ärzten unterstellt. Die Geburtshilfe wurde Teil des Chirurgiestudiums.
Kindbettfieber und die Entdeckung der Hygiene
Ende des 18. Jahrhunderts wurde unter Kaiser Joseph II. im Jahr 1784 das „Findelhaus“ gegründet. Frauen aus einkommensschwachen Verhältnissen hatten dort Zugang zur Entbindungsstation, standen dabei jedoch den Medizinstudenten als Untersuchungsobjekte zur Verfügung. Die Sterblichkeitsrate durch Kindbettfieber war hoch.
Ignaz Philipp Semmelweiß erkannte den Zusammenhang von mangelnder Hygiene und Kindbettfieber und führte die chirurgische Händedesinfektion ein.
Im 18. Jahrhundert wurde erstmals zwischen medizinischem und sozialem Geschlecht unterschieden und individuelle Verhältnisse wie Alter, Gewicht, Konstitution und klimatische Verhältnisse berücksichtigt. Dennoch blieb der männliche Körper die Norm, der weibliche galt als Abweichung. Biologische Gründe wurden hervorgebracht, um Frauen leitende Positionen und politische Teilhabe zu verwehren.
Hysterie-Diagnose verursachte viel Leid
Das 19. Jahrhundert war ebenso von männlicher Dominanz geprägt. Die Diagnose „Hysterie“ trieb weiterhin ihr Unwesen und verursachte viel Leid durch grausame Behandlungen und Experimente an Frauen.
Im 20. Jahrhundert wurden die ersten Medizinstudentinnen in Österreich zugelassen. Frauen begannen zu publizieren und wurden als Probandinnen in Medizin-Studien miteinbezogen.
Der Nationalsozialismus mit dem Zweiten Weltkrieg änderte alles. Frauen wurden auf die Rolle als „Reproduktionsmaschine“ degradiert.
Contergan-Affäre beendete Studien mit Frauen
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wieder weibliche Probandinnen in Medizin-Studien inkludiert. Dies fand aber durch die Contergan-Affäre ein jähes Ende. Contergan sollte als Schlafmittel getestet werden – doch sein Wirkstoff Thalidomid hinterließ bei ungeborenen Kindern verheerende Spuren.
2007 wurden Frauen unter strengen Bedingungen wieder in Studien aufgenommen. Die Rate der in Studien eingeschlossenen Frauen steigt seither kontinuierlich.
2010 gründete Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer den ersten Lehrstuhl für Gendermedizin in Wien.
Frauen fühlen sich schlechter versorgt
2025 veröffentlichte die Allianz erstmals einen Bericht nach Befragung für das Gesundheitsbarometer: Frauen fühlen sich noch immer schlechter versorgt beziehungsweise behandelt. Sie werden nicht ernst genommen und hören Sätze wie „Stell dich nicht so an!“. Sie glauben schließlich selbst, dass es nichts Ernstes ist und gehen dann nicht mehr zum Arzt. Zu späte oder gar Fehldiagnosen sind die Folge.
Unterschiede zwischen den Geschlechtern
Frauen sind stärker von Autoimmunerkrankungen betroffen als Männer. Männer sind stärker von Infektionen und Herz-Kreislauferkrankungen betroffen. Symptome und Laborwerte sind bei den Geschlechtern unterschiedlich.
Das Genderkonzept bezieht sich nicht auf ein Geschlecht, sondern betrachtet und analysiert die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter, um daraus entsprechenden Handlungsbedarf abzuleiten. Nicht die Gleichbehandlung der Geschlechter, sondern die gleichwertige Berücksichtigung ihrer Realitäten und Bedürfnisse ist das Ziel.
Zu den Vereinen und Ambulanzen im Bereich Gendermedizin zählen unter anderem der Verein Endopower, EVA (Endometriose-Verein-Austria), FEM (Frauen Eltern Mädchen), die Infoplattform „Erdbeerwoche“, der Verein für gender- und diversitätssensible Medizin sowie der Verein Trans X. Spezialambulanzen wie Endometrioseambulanzen, MECFS-Ambulanzen und das Frauengesundheitszentrum Graz bieten spezialisierte Versorgung an.
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