Get Well Soon scheitert an KI: „Kreativität hat sie nicht“

Konstantin Gropper wollte ein Album mit künstlicher Intelligenz produzieren – das Experiment ging schief. Stattdessen veröffentlicht der Musiker unter seinem Projektnamen Get Well Soon nun „Seance“, ein düsteres Album über KI.
Der deutsche Popmusiker Konstantin Gropper alias Get Well Soon wollte sich der künstlichen Intelligenz nicht nur mit Furcht oder Ignoranz nähern, sondern eine eigene Haltung entwickeln. Sein Plan: ein Album mithilfe von KI schaffen. Doch das Vorhaben scheiterte. „Kreativität hat sie nicht“, betont der 43-Jährige im APA-Gespräch. Herausgekommen ist stattdessen „Seance“ – ein Werk über künstliche Intelligenz, nicht mit ihr.
„Es ist interessant, dass diese große Zukunftstechnologie sich nur aus der Vergangenheit speisen kann und Collagen aus irgendwas Altem zusammenbaut“, erklärt der Sänger und Multiinstrumentalist. Der Albumtitel ist bewusst gewählt: Die Kommunikation mit ChatGPT weise viele Parallelen zu einer Geisterbeschwörung auf. Gropper bezeichnet „Seance“, seine zweite Studioproduktion innerhalb eines Jahres, als sein Gothic-Album. Düster ist die vorherrschende Atmosphäre.
Zwischen Hoffnung und Apokalypse
Dennoch gibt es Lichtblicke: „Wenn es zu stark nur in eine Richtung geht, geht mir das auf die Nerven“, sagt Gropper. Helle Momente müssten in der Musik vorhanden sein. Die grundsätzlich düstere Stimmung liege am Thema – oder an seiner Sicht darauf. „Immer, wenn ich mich damit beschäftige, wird es sehr schnell gruselig“, so der Musiker. Man bewege sich in einem Spannungsfeld: Übernehmen Maschinen tatsächlich die Welt? Oder tritt ein, was Elon Musk prophezeit – dass in 20 Jahren niemand mehr arbeiten muss und trotzdem alle reich sind?
Letzteres hält Gropper für unwahrscheinlich. KI könne zwar Krankheiten heilen oder unvorstellbare Technologien entwickeln. „Aber die Gefahr ist mindestens genauso groß, dass es die Apokalypse wird.“
Generische Ergebnisse und gescheiterte Experimente
Zunächst versuchte der Deutsche, generative Musikprogramme zu nutzen und Musik zu prompten. Das Resultat: „nur sehr uninteressantes, sehr generisches Zeug“. Im nächsten Schritt sollte die KI Samples erstellen – auch das unbefriedigend. Samples seien eine emotionale Angelegenheit, die etwas auslösen müssten. Dieses Gefühl habe sich bei den KI-Versuchen nicht eingestellt.
Gropper hakte „diese ganze Sache mit der Musik-KI“ ab – bis auf Ausnahmen wie Stimmveränderung. „Das funktioniert tatsächlich gut“, räumt er ein. Ganz ohne KI sei das Album dennoch nicht entstanden, allerdings sei die Stimmveränderung eher ein Effekt – gesungen habe er selbst. Auch bei Textrecherchen kam KI zum Einsatz. „Auch das hat mir, würde ich behaupten, mehr Arbeit gekostet, als sie mir erspart hat.“
Ein weiteres Experiment – die KI halluzinieren zu lassen – schlug fehl. Bei einfachen Aufgaben wie dem Anpassen eines Texts auf eine bestimmte Silbenanzahl konnte sie nicht helfen. Nur der Text des letzten Songs „You Need Me“ stammt fast original von der KI. „Da habe ich die KI bloß gefragt, warum ich sie denn brauche“, erzählt Gropper.
Deadbots, Spiritismus und Kapitalismuskritik
Auf „Seance“ geht es unter anderem um Deadbots, die Spiritualisten-Gemeinde Lily Dale, Arthur Conan Doyle und Houdini – der eine begeistert vom Spiritismus, der andere erbitterter Gegner dieser Modeerscheinung Anfang des 20. Jahrhunderts. Thematisiert werden auch singende Computer und die Frage an historische Persönlichkeiten per KI, was dem Westen zugesetzt habe. Die einhellige Antwort: der Kapitalismus.
„Vielleicht lese ich das rein. Vielleicht liegt es an den Figuren, mit denen ich über die App Hello History gechattet habe“, sagt Gropper. Seiner Meinung nach waren sich alle einig: Wir hätten nicht zu wenig, um glücklich zu sein, sondern eher zu viel.
Ein Lied trägt den Titel „The Wreck of the Deutschland“. Es handle im übertragenen Sinn von einem Schiffsuntergang, erklärt der Musiker. Deutschland sei auf Ruinen, auf einem Wrack aufgebaut – man sollte meinen, einmal reiche. Die Frage: Welche Schlüsse zieht man aus so einer Vergangenheit und welche eine KI, die keine humanistische Sozialisation hat? „Was passiert, wenn man der KI nur die geschichtlichen Fakten liefert, die dann nur nach Effizienz entscheidet? Das will man sich ja gar nicht vorstellen.“
Jubiläumstour mit Stopps in Österreich
Get Well Soon ist 2027 im Zuge der „Seance“-Tour live zu erleben. Die Umsetzung des aktuellen Materials werde spannend, betont Gropper. Es sei auch eine 20-Jahre-Jubiläumstour, deswegen werde ebenso viel Altes gespielt. Eine Mischung habe er versprochen. „Ich stehe im Wort.“ In Wien gastiert die Band am 3. Februar im WUK, in Salzburg am Tag darauf in der Arge.
Quelle: APA
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