Global 2000 wirft Ministerium Vertuschung bei TFA vor

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 erhebt schwere Vorwürfe gegen das Landwirtschaftsministerium. Im Grünen Bericht fehle die Ewigkeitschemikalie TFA völlig, obwohl sie die größte Pestizidbelastung im Grundwasser darstelle.
Die Umweltschutzorganisation Global 2000 hat am Donnerstag dem Landwirtschaftsministerium vorgeworfen, entscheidende Informationen zur Belastung des Grundwassers zurückzuhalten. Anlass war die Präsentation des Grünen Berichts im Parlamentsausschuss. Die NGO bemängelt, dass die Ewigkeitschemikalie TFA, die unter anderem beim Abbau von PFAS-Pestiziden entsteht, in dem Bericht nicht vorkommt. Die Organisation spricht von „beunruhigenden Daten“, die verharmlost würden.
Laut Global 2000 nennt der Report als größte Pestizidbelastung des Grundwassers ein Abbauprodukt des Unkrautvernichters Dimethachlor. TFA, „die mit Abstand größte Belastung“, werde hingegen verschwiegen. „Das ist nur das jüngste von mehreren Beispielen, in denen das Ministerium entscheidende Informationen über Anstieg und Ausmaß der TFA-Belastung nicht darstellt“, erklärte Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei Global 2000. Die wachsende Bedrohung der Trinkwasserressourcen bleibe dem Parlament und der Öffentlichkeit damit verborgen.
Die NGO hat das Versagen des Ministeriums im Umgang mit der TFA-Belastung in einer Dokumentation aufgearbeitet und dem Parlament übergeben.
TFA an fast allen Messstellen über Grenzwert
Global 2000 betont, dass beide Abbauprodukte von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) als humantoxikologisch relevant eingestuft werden. Für beide gilt im Grundwasser derselbe Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Das Dimethachlor-Abbauprodukt lag im amtlichen Monitoring zwischen 2018 und 2022 an etwa jeder 15. Messstelle darüber.
TFA hingegen überschritt den Grenzwert an praktisch jeder Messstelle: an 98,9 Prozent der untersuchten Standorte. Im Jahr 2024 erreichte TFA im Mittel das 24-Fache des Grenzwerts.
Wassergütebericht lässt Anstieg unerwähnt
Auch der Wassergütebericht, den das Ministerium im Juli veröffentlicht hatte, lasse Entscheidendes weg, so die Umweltschutzorganisation. Er stelle zwar die 2024 gemessene TFA-Belastung dar. Dass Österreich bereits 2018/2019 eine vergleichbare Messserie durchgeführt hatte, werde jedoch nicht erwähnt.
„Damit bleibt unsichtbar, dass sich die Belastung mit dieser gefährlichen Ewigkeitschemikalie im österreichischen Grundwasser in nur fünf Jahren mehr als verdoppelt hat - und dass sich der Anstieg nach allen verfügbaren Daten beschleunigt“, kritisierte Burtscher-Schaden.
Vorwürfe auch gegen AGES
Problematisch sieht Global 2000 auch die Kommunikation der AGES, deren Eigentümerrechte das Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium wahrnimmt. Statt des Mittelwerts der aktuellen Messserie von 2,4 Mikrogramm pro Liter nenne die Agentur auf ihrer TFA-Informationsseite einen Mittelwert über sämtliche Proben seit 2018: 1,4 Mikrogramm pro Liter.
Diese Darstellung verschleiere sowohl den steilen Anstieg als auch das aktuelle Ausmaß der Belastung, so die NGO. Gleichzeitig seien mit dem letzten Update der AGES-Seite der bisher strengste gesundheitlich abgeleitete Trinkwasser-Richtwert Europas – der niederländische Wert von 2,2 Mikrogramm pro Liter – und die Empfehlung, TFA weiterhin als humantoxikologisch relevanten Metaboliten zu behandeln, verschwunden.
Außerdem relativiere die AGES die gesundheitliche Bedeutung von TFA mit Vergleichen, die mit einer wissenschaftlichen Risikobewertung unvereinbar seien. Die Agentur schlussfolgere, TFA stelle „kein Gesundheitsrisiko für die Menschen“ dar, sondern sei „ein Umweltproblem“.
Die EU-Agenturen würden TFA dagegen inzwischen deutlich strenger bewerten. Der zuständige Ausschuss der Europäischen Chemikalienagentur ECHA empfehle, TFA als fortpflanzungsgefährdend einzustufen. Die Lebensmittelbehörde EFSA habe die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge um mehr als 70 Prozent gesenkt.
Kritik am Umgang mit PFAS-Pestizid Flutolanil
Global 2000 kritisierte auch den Umgang mit dem PFAS-Pestizid Flutolanil. Ende 2024 schlug die EU-Kommission vor, die Genehmigung von Flutolanil nicht zu verlängern. Grund waren ungeklärte Risiken durch TFA im Grundwasser und in landwirtschaftlichen Erzeugnissen.
Österreich hat wie zwölf andere Länder keine Stellungnahme zu einem Verbot abgegeben, wie aus einer parlamentarischen Folgeanfrage von Olga Voglauer, Landwirtschaftssprecherin der Grünen, im Oktober 2025 hervorging. Einem Vorschlag der EU für eine technische Verlängerung bis zum 15. Juni 2027 stimmte Österreich zu.
„Der Minister schützt Pestizidzulassungen statt unser Grundwasser. Damit stellt er die Vorsorge auf den Kopf: TFA liegt längst flächendeckend über dem Grenzwert - trotzdem verlangt er den Nachweis, dass jede einzelne Pestizidanwendung für sich diesen Grenzwert überschreitet“, sagte Burtscher-Schaden.
NGO fordert Eingreifen des Nationalrats
Bei konkreten EU-Vorhaben könne der Nationalrat dem zuständigen Minister nach Art. 23e B-VG eine verbindliche Position vorgeben und damit auch Österreichs Haltung bei EU-Entscheidungen über Pestizidwirkstoffe festlegen, argumentierte Global 2000. Dies habe die bindende Stellungnahme zu Glyphosat aus dem Jahr 2017 gezeigt.
Die NGO ersuchte am Donnerstag die Abgeordneten, diese Möglichkeit zum Schutz der Trinkwasserressource auch bei künftigen EU-Entscheidungen über TFA-bildende Pestizide zu nutzen. Außerdem verlangte Global 2000 die Überprüfung der in Österreich zugelassenen TFA-bildenden Pestizide sowie die vollständige Offenlegung der TFA-Messdaten.
Das Landwirtschaftsministerium wurde um eine Stellungnahme gebeten.
Quelle: APA
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