Hirnaktivität verrät nicht, wer Gefühle gut reguliert

Mona HopfingerMona Hopfinger
Gehirnstudie mit fMRT-Gerät, 40 Studien und 2.175 Teilnehmenden
© Mit KI (Gemini) generiert

Ob jemand seine Emotionen gut steuern kann, lässt sich nicht an der Aktivität des präfrontalen Kortex ablesen. Das zeigt eine internationale Studie mit Daten von 2.175 Menschen.

Eine groß angelegte Analyse stellt gängige Annahmen über die neuronalen Grundlagen der Emotionsregulation infrage. Dr. Maurizio Sicorello vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) und Prof. Dr. Carmen Morawetz von der Universität Innsbruck werteten gemeinsam mit einem internationalen Konsortium 40 fMRT-Studien mit bis zu 2.175 Teilnehmenden aus. Die in Nature veröffentlichte Untersuchung zeigt: Die Stärke der Aktivierung präfrontaler Hirnregionen während der Emotionsregulation sagt nichts darüber aus, wie gut ein einzelner Mensch seine Gefühle steuern kann.

Kognitive Neubewertung im Labor

In der Psychologie spricht man von kognitiver Neubewertung, wenn Menschen eine Situation bewusst umdeuten, um ihre emotionale Reaktion zu verändern. Im Labor wird diese Fähigkeit typischerweise getestet, indem Versuchspersonen belastende Bilder so interpretieren sollen, dass sie weniger bedrückend wirken. Die kognitive Neubewertung zählt zu den am besten erforschten Formen der Emotionsregulation und ist ein zentrales Element der kognitiven Verhaltenstherapie.

Bisherige Hirnbildgebungsstudien zeigten regelmäßig, dass bei der Neubewertung vor allem der präfrontale Kortex aktiv wird. Daraus wurde geschlossen, dass die Stärke dieser Aktivierung auch Aufschluss über die individuelle Regulationsfähigkeit gibt. Genau diese Annahme widerlegt die neue Untersuchung.

32 Forschungsteams, 40 Datensätze

Um die Frage belastbar zu klären, schlossen sich 32 Forschungsteams zum internationalen Konsortium NIDER (Neurobiology of Individual Differences in Emotion Regulation) zusammen. Sicorello konzipierte die Studie gemeinsam mit Morawetz und Jenny Zähringer vom ZI und führte 40 fMRT-Datensätze zusammen, darunter neun bislang unveröffentlichte. Die Stichprobe ist damit rund 20-mal so groß wie die größte in aktuellen Übersichtsarbeiten zu diesem Thema. Alle beteiligten Teams analysierten ihre Daten nach einem vorab registrierten, einheitlichen Protokoll.

Präfrontale Aktivität ohne Aussagekraft

Das zentrale Ergebnis: Die Stärke der präfrontalen Aktivität während der Neubewertung erlaubte keine Rückschlüsse darauf, wie gut einzelne Teilnehmende ihre Gefühle regulieren konnten.

„Die eigenen Gefühle zu verändern, indem wir eine Situation neu betrachten, ist mehr als das Anspannen eines mentalen ‚Muskels', der bei manchen Menschen einfach besser trainiert ist“, sagt Sicorello, Erstautor und Leiter des NIDER-Konsortiums. „Entscheidend könnte vielmehr sein, welche Deutungen einer Situation uns vor dem Hintergrund unserer Lebensgeschichte naheliegen, ob wir im Alltag überhaupt nach Alternativen suchen und ob wir sie für glaubwürdig halten.“

Morawetz betont: „Das heißt nicht, dass der präfrontale Kortex für die Emotionsregulation unwichtig ist. Innerhalb einer Person lässt sich an der Hirnaktivität durchaus ablesen, wie sich Gefühle verändern. Beim Vergleich zwischen Menschen stoßen wir aber an Grenzen – möglicherweise auch, weil verschiedene Menschen offenbar auf unterschiedlichen neuronalen Wegen zum selben Ergebnis kommen.“

Drei Messverfahren, kaum Übereinstimmung

Die Forschenden verglichen drei gängige Methoden zur Erfassung der Emotionsregulation: Selbstauskunft per Fragebogen, Angaben der Teilnehmenden zur Veränderung ihres Gefühlserlebens während der Neubewertung im Scanner sowie die gemessene Abnahme der Aktivität in der Amygdala, einer Hirnregion für die Verarbeitung emotional bedeutsamer Reize.

Würden alle drei Maße dieselbe Fähigkeit erfassen, müssten sie eng zusammenhängen. Was nicht der Fall war. Zwischen dem berichteten Gefühlserleben und der Amygdala-Aktivität konnte ein Zusammenhang gezeigt werden – dieser war jedoch so gering, dass eine Studie mit über als 1.000 Teilnehmenden nötig wäre, um ihn gesichert nachzuweisen.

Eine mögliche Erklärung: Fragebögen erfassen das selbst eingeschätzte Verhalten im Alltag. Im Scanner wird genau vorgegeben, wann und wie bewertet werden soll.

Körperwahrnehmung und Motorik im Fokus

Wer negative Gefühle durch Neubewertung besser abschwächen konnte, zeigte dabei eine etwas geringere Aktivität in sensomotorischen Hirnregionen, die unter anderem an Körperwahrnehmung und Bewegung beteiligt sind, sowie in Aufmerksamkeitsnetzwerken. Hinweise gab es zudem für die Amygdala und den Hirnstamm – Regionen, die eher mit der Entstehung von Emotionen als mit deren Regulation verbunden werden. Die Effekte waren aber sehr klein und hingen teils davon ab, welche Studien in die Analyse einflossen.

„Das ist besonders spannend, weil wir ähnliche Hinweise bereits in einer parallelen Großstudie zur Stressanfälligkeit gefunden haben“, sagt Sicorello.

Methodisches Problem aufgedeckt

Die Studie zeigt außerdem ein grundlegendes Problem bei der Methode. Das Gehirn reagiert bei verschiedenen Menschen auf dieselbe Aufgabe unterschiedlich stark. Gründe dafür können die Durchblutung, Messstörungen (Rauschen) oder Kopfbewegungen im Scanner sein. Wenn eine Region bei einer Person stärker reagiert als bei anderen, ist auch im restlichen Gehirn die Aktivität höher.

Ein Beispiel dafür ist die Amygdala (Hirnregion für Emotionen) bei der Neubewertung von Gefühlen. War ihre Reaktion stärker, ging damit nicht etwa weniger, sondern ebenfalls mehr Aktivität in den präfrontalen Regionen (vorderer Teil der Großhirnrinde) einher. Das widerspricht den gängigen Modellen. Dasselbe Bild zeigte sich in einem weiteren Datensatz auch bei Aufgaben zu Schmerz und kognitiver Kontrolle.

„Für unser Feld ist das eine unbequeme, aber wichtige Erkenntnis“, sagt Morawetz. „Einzelne Hirnregionen isoliert als Marker für die Emotionsregulationsfähigkeit eines Menschen zu deuten, greift zu kurz, gerade in der klinischen Forschung, wo eine geringere präfrontale Aktivität oft als Zeichen gestörter Emotionsregulation gilt. Wir brauchen realistischere, persönlich relevante Aufgaben und Auswertungsverfahren, die solche globalen Unterschiede berücksichtigen.“

Die Studie wurde in Nature veröffentlicht (DOI: 10.1038/s41586-026-11203-1).

Quelle: https://www.uibk.ac.at/de/newsroom/2026/wie-gut-wir-gefuhle-regulieren-lasst-sich-nicht

Worüber spricht Innsbruck morgen?

Kostenloses News Briefing aus deiner Region – jeden Morgen um 6 Uhr.

Mit der Anmeldung nimmst du die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

austria.com auf Google bevorzugen.