Interview: Forschung hinter HGM-Ausstellung

Maria Fritsche, Leiterin der Forschungsabteilung im Heeresgeschichtlichen Museum, spricht im Radio über ihre Arbeit. Die Historikerin gibt Einblick in die wissenschaftliche Basis der Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft“.
In einer Interviewreihe mit radio klassik Stephansdom kommen die Macher der neuen HGM-Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft“ zu Wort. In sieben Gesprächen erklären Expertinnen und Experten ihre Arbeit, berichten von Herausforderungen und zeigen die vielfältigen Perspektiven, die in das Projekt einfließen.
Maria Fritsche leitet die Forschungsabteilung im Heeresgeschichtlichen Museum. Im Interview erläutert sie, warum wissenschaftliche Forschung für historische Museen unverzichtbar ist, wie sich der Blick auf Geschichte wandelt und was die Beschäftigung mit historischen Quellen so faszinierend macht.
Objekte brauchen Kontext
Museen sammeln und zeigen historische Gegenstände. Doch deren Bedeutung erschließt sich nicht von selbst. Erst die Einordnung in den historischen Kontext macht sie verständlich. Wissenschaftliche Forschung bildet dafür die Grundlage: Sie untersucht Zusammenhänge, fragt nach Ursachen und Wirkungen, analysiert Quellen kritisch und stützt sich auf empirische Fakten. Mythen, Legenden und vermeintliche Gewissheiten werden dabei hinterfragt und mit historischen Erkenntnissen abgeglichen.
Ohne diese fundierte Auseinandersetzung mit den Sammlungen könne ein historisches Museum nicht arbeiten, so Fritsche.
Wandel der Perspektiven
Forschung und Gesellschaft beeinflussen einander. Neue Fragestellungen verändern auch die Sicht auf Vergangenes. Selbst intensiv erforschte Themen wie der Zweite Weltkrieg werden daher immer wieder neu betrachtet.
Fritsche illustriert das am Beispiel militärischer Uniformen. Diese haben nicht nur praktische Funktionen, sondern spiegeln auch gesellschaftliche Werte und Normen wider. Im österreichischen Nachkriegsfilm der 1940er- und 1950er-Jahre wurden die hellblauen Uniformen der k. u. k. Offiziere mit charmanten, friedfertigen und musikalischen Männern assoziiert. Nach den Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkriegs erhielten militärische Uniformen so eine entpolitisierte Bedeutung. Gleichzeitig transportierten die Filme ein nostalgisch verklärtes Bild der Monarchie als friedliches Zusammenleben verschiedener Völker — ein Geschichtsbild, das nicht der Realität entsprach und half, die nationalsozialistische Vergangenheit auszublenden.
Austausch zwischen Fachbereichen
Damit neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Museumsarbeit einfließen können, braucht es kontinuierlichen Austausch zwischen den Fachbereichen. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit Sammlungsverantwortlichen, die Objekte betreuen und restaurieren, ebenso wie mit Kuratorinnen und Kuratoren, die Ausstellungen konzipieren.
Die Forschung liefere dabei keine fertigen Ergebnisse, die nur noch übertragen werden müssten, betont Fritsche. Vielmehr bringen die beteiligten Bereiche unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven ein. Durch diese enge Kooperation entstehen Ausstellungen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich vermitteln.
Arbeit im Archiv
Was historische Forschung besonders spannend macht, ist für Fritsche vor allem die Arbeit in Archiven: alte Akten öffnen, historische Quellen untersuchen und dabei neue Einblicke in vergangene Lebenswelten gewinnen. Am Anfang steht eine Frage. Man sucht in historischen Quellen nach der Antwort: Was ist damals wirklich passiert? Besonders eindrücklich seien Gerichtsakten aus der NS-Zeit. Sie erzählen von tragischen Schicksalen und von Todesurteilen. Abschiedsbriefe, Fotos und Protokolle machen die Menschen persönlich greifbar, deren Lebensgeschichten in den Akten festgehalten sind. Solche Quellen zeigen, wie einzelne Menschen erlebt und gelebt haben. Die Wissenschaft schaut aber auch auf das große Ganze. Sie fragt: Welche Stellung hatte ein Mensch in der Gesellschaft? Was konnte er tun? Wie hat er gehandelt? Und was hat seine Entscheidungen beeinflusst? So verbindet die Geschichtsforschung einzelne Lebensgeschichten mit der Untersuchung größerer gesellschaftlicher und historischer Entwicklungen.
Begeisterung als Antrieb
Wer Geschichte erforscht, sieht die Vergangenheit immer wieder mit neuen Augen. Man findet Zusammenhänge, die bisher niemand kannte, und stellt gewohnte Sichtweisen infrage. Fritsche fasziniert genau das an ihrer Arbeit: Sie beschäftigt sich ständig mit Geschichte. Was sie antreibt, sind Neugier, Interesse und Begeisterung für ihr Fachgebiet.
Im Interview formuliert sie es so: „Man muss etwas finden, wofür man brennt, und dann findet sich auch ein Weg.“
Das Gespräch mit Maria Fritsche ist bei radio klassik Stephansdom zu hören. Die Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft“ ist im Heeresgeschichtlichen Museum zu sehen.
Quelle: https://www.hgm.at/news/details/gewalt-gesellschaft-die-ausstellung-im-gespraech-i-02-11-2026
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