Hitzewellen in Österreich zu 80 Prozent menschengemacht

Der Sommer 2026 brachte zwei extreme Hitzewellen mit bis zu 41,2 Grad Celsius. Laut einer Schnellauswertung der Uni Graz wären diese Extreme ohne Klimawandel unmöglich gewesen. Das Zeitalter der menschengemachten Hitzewellen sei angebrochen.
Der Grazer Klimaforscher Gottfried Kirchengast vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz hat die beiden Hitzewellen des Sommers 2026 untersucht. Die Ergebnisse präsentierte er kürzlich dem Nationalen Klimaschutzkomitee (NKK). Sein Fazit fällt eindeutig aus: Ohne den fortschreitenden Klimawandel wären derart ausgeprägte Hitzeextreme in Österreich nicht möglich gewesen.
Neue Methode zur Bewertung von Hitzeereignissen
Für die Analyse nutzte Kirchengast gemeinsam mit seinem Team eine neue wissenschaftliche Methode, die Anfang des Jahres im Fachjournal „Weather and Climate Extremes“ vorgestellt wurde. Dabei werden Hitzeereignisse nicht nur nach ihrer Dauer, sondern auch nach ihrer geografischen Ausdehnung und der Intensität der Temperaturüberschreitungen bewertet.
Dazu wird das österreichische Bundesgebiet unterhalb von 1.500 Metern Seehöhe in 670 Teilflächen von jeweils 100 Quadratkilometern gegliedert. Die Berechnungen erfolgen auf Basis eines feinmaschigen Ein-Kilometer-Rasters. Als Bewertungsmaß dienen sogenannte „Arealgradtage“ (AGT), die eine vergleichbare Erfassung von Hitzebelastungen über unterschiedliche Regionen und Zeiträume hinweg ermöglichen.
Zweite Hitzewelle war die stärkste bisher
Die erste Hitzewelle des Jahres, die von 17. Juni bis 2. Juli andauerte, erreichte österreichweit rund 16.900 Arealgradtage. Die zweite Hitzeperiode zwischen 25. Juli und 17. August fiel laut Analyse nochmals deutlich extremer aus und brachte rund 26.400 AGT. Nach Angaben Kirchengasts handelt es sich dabei um die stärkste jemals in Österreich registrierte Hitzewelle.
Insgesamt summierte sich der Sommer 2026 bis zum Wetterumschwung im September auf rund 50.000 Arealgradtage. Damit wurden selbst die bekannten Hitzesommer der Jahre 2003 und 2015 deutlich übertroffen.
Ausmaß laut Forscher historisch beispiellos
Nach Einschätzung des Klimaforschers dürfte die über Österreich lagernde Hitze Ende Juli und Anfang August ein Ausmaß erreicht haben, das in den vergangenen rund 1.000 Jahren nicht dokumentiert wurde. Grundlage dieser Bewertung sind klimahistorische Datenreihen, die für Österreich bis ins frühe Mittelalter zurückreichen und seit dem späten 19. Jahrhundert durch detaillierte Wetteraufzeichnungen ergänzt werden.
Großteil der Extremhitze auf Klimawandel zurückgeführt
Mithilfe der neuen Methode lässt sich auch abschätzen, welchen Anteil der menschengemachte Klimawandel an der Intensität solcher Ereignisse hat. Zwar seien Wetterextreme grundsätzlich auch Teil natürlicher Schwankungen, doch die diesjährigen Hitzewellen würden sich deutlich von diesem natürlichen Hintergrundrauschen abheben, erklärte Kirchengast.
Während die Sommertemperaturen in Mitteleuropa seit Beginn der Industrialisierung durchschnittlich um drei bis vier Grad angestiegen seien, könne bei heutigen Hitzewellen mit mehr als 15.000 Arealgradtagen rund 80 Prozent der Schwere auf menschlich verursachte Treibhausgasemissionen zurückgeführt werden. Ohne diesen Einfluss wären die Hitzewellen des Jahres 2026 nach Einschätzung des Forschers in ihrer jetzigen Form nicht aufgetreten.
Debatte über Begriff der Naturkatastrophe
Angesichts des hohen menschengemachten Anteils stellt Kirchengast auch die Frage, ob derartige Ereignisse noch als reine Naturkatastrophen bezeichnet werden können. Die natürlichen klimatischen Voraussetzungen allein hätten nach seiner Einschätzung keine vergleichbaren Hitzewellen hervorgebracht. Erst das durch menschliche Aktivitäten veränderte Temperaturniveau habe solche Extreme ermöglicht.
Der Forscher bezeichnet die wissenschaftlichen Erkenntnisse als sehr deutlich und sieht darin zugleich einen politischen Handlungsauftrag. Mit Blick auf den aktuellen Wissensstand sei die Behauptung, vergleichbare Ereignisse habe es immer schon gegeben, aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht nachvollziehbar. Ohne konsequenten Klimaschutz könnten künftig selbst umfangreiche Anpassungsmaßnahmen an ihre Grenzen stoßen.
Studie zu wirtschaftlichen Schäden läuft
Derzeit arbeitet das Team des Wegener Centers an einer weiteren Untersuchung, die die Auswirkungen des Hitzesommers auf Wirtschaft und Gesundheit beziffern soll. Dabei sollen unter anderem Verluste bei der Arbeitsproduktivität, Auswirkungen auf die Landwirtschaft sowie Belastungen für das Gesundheitssystem analysiert werden.
Ziel ist es auch festzustellen, welcher Anteil dieser Schäden auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen ist.
Forscher sieht zunehmendes Umdenken
Kirchengast geht davon aus, dass die außergewöhnlichen Ereignisse des Sommers 2026 die Diskussion über den Klimawandel weiter beeinflussen könnten. In Gesprächen nehme er auch bei bislang skeptischen Personen eine wachsende Unsicherheit wahr.
Aus seiner Sicht zeigen die Ergebnisse deutlich, dass die Folgen des Klimawandels zunehmend spürbar werden. Gleichzeitig steige die Wahrscheinlichkeit, dass ähnlich extreme Hitzeereignisse bereits in den kommenden Jahren erneut auftreten. Der diesjährige Sommer sei daher ein Anlass, die Klimadebatte neu zu führen und bestehende Maßnahmen kritisch zu hinterfragen.
Quelle: APA
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