Hochschulfinanzierung: Experte warnt vor Kürzungen

Pia ProdingerPia Prodinger
© Mit KI (Gemini) generiert

Ein Mediziner der Med-Uni Graz kritisiert die aktuelle Debatte über Budgetkürzungen an Österreichs Universitäten. Die Diskussion verkenne die Vielfalt universitärer Aufgaben und die strukturellen Belastungen der Hochschulen.

Die Diskussion über mögliche Einsparungen im österreichischen Hochschulbudget lenkt die Aufmerksamkeit auf grundlegende Fragen zur Zukunft des Wissenschaftssystems. Gerhard Wirnsberger von der Medizinischen Universität Graz übt in einer Stellungnahme Kritik an der Position des Österreichischen Rats für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT). Der Forschungsrat argumentiert, dass die Budgetdebatte die eigentliche Herausforderung verdecke – nämlich die Frage nach einer langfristig tragfähigen Struktur des Hochschulwesens.

Innovationsindikatoren erfassen nicht alle Leistungen

Der Forschungsrat stellt fest, dass Österreich im internationalen Vergleich erhebliche Mittel in Forschung und Hochschulbildung investiere, die Ergebnisse jedoch hinter vergleichbaren Staaten zurückblieben. Als Beleg dienen häufig innovationsbezogene Kennzahlen wie Patentaktivitäten, Unternehmensgründungen oder Technologietransferleistungen. Wirnsberger hält diese Indikatoren für technologieorientierte Bereiche zwar für relevant, ihre Aussagekraft für das gesamte Hochschulsystem sei jedoch begrenzt.

Universitäten erfüllten neben ihrer Innovationsfunktion eine Vielzahl weiterer gesellschaftlicher Aufgaben, die sich nur eingeschränkt durch ökonomische Verwertungskennzahlen erfassen ließen. Dies gelte besonders für Medizinische Universitäten, deren Kernaufgaben neben Forschung und Lehre auch die klinische Versorgung, die Ausbildung von Gesundheitsberufen sowie wissenschaftliche Weiterbildung umfassten. Auch geistes-, sozial-, rechts- und kulturwissenschaftliche Disziplinen leisteten wesentliche Beiträge zur gesellschaftlichen Reflexion, zur demokratischen Entwicklung sowie zur kulturellen Infrastruktur.

Steigende Anforderungen bei stagnierender Finanzierung

Die Forderung nach umfassenden Strukturreformen werde häufig damit begründet, dass ein „Weiter wie bisher“ nicht möglich sei. Diese Einschätzung greife jedoch zu kurz, wenn sie die tatsächlichen Rahmenbedingungen universitärer Arbeit unzureichend berücksichtige. Österreichische Universitäten sähen sich seit Jahren mit zahlreichen zusätzlichen Anforderungen konfrontiert: steigende Studierendenzahlen, zunehmende regulatorische Vorgaben, umfangreiche Qualitätssicherungsmaßnahmen, fortschreitende Digitalisierung, wachsende Dokumentationspflichten sowie zunehmender internationaler Wettbewerb um Exzellenz und Drittmittel.

Gleichzeitig sei die reale Grundfinanzierung pro Studierendem in vielen Bereichen nicht im gleichen Ausmaß gewachsen wie die Anforderungen. Viele gegenwärtig diskutierte Herausforderungen seien daher nicht ausschließlich Ausdruck struktureller Defizite, sondern auch Folge einer über längere Zeiträume unzureichend dynamisierten Hochschulfinanzierung.

Wettbewerb kann Grundfinanzierung nicht ersetzen

Der Forschungsrat plädiert seit Jahren für eine stärkere wettbewerbliche Mittelvergabe. Wettbewerbliche Finanzierungsinstrumente könnten wissenschaftliche Exzellenz fördern und Innovationsprozesse beschleunigen, räumt Wirnsberger ein. Internationale Erfahrungen zeigten jedoch auch potenzielle Nebenwirkungen: erheblicher administrativer Aufwand bei Antragstellung und Evaluation, sinkende Planungssicherheit, kurze Projektlaufzeiten, prekäre Beschäftigungsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs sowie eine Konzentration von Ressourcen auf wenige etablierte Standorte.

Universitäre Kernaufgaben wie Lehre, langfristig angelegte Grundlagenforschung und nachhaltige Personalentwicklung benötigten eine verlässliche institutionelle Grundfinanzierung. Wettbewerbliche Instrumente könnten diese ergänzen, jedoch nicht ersetzen.

Standortkonzentration keine Erfolgsgarantie

In der öffentlichen Debatte werde wiederholt die vergleichsweise hohe Zahl österreichischer Universitäten thematisiert. Daraus werde gelegentlich abgeleitet, eine Konzentration von Standorten könne automatisch zu höherer Qualität und internationaler Wettbewerbsfähigkeit führen. Diese Argumentation vernachlässige die historische und funktionale Vielfalt des österreichischen Hochschulsystems, das neben klassischen Volluniversitäten auch spezialisierte Kunst-, Medizin- und Technische Universitäten sowie regionale Hochschulstandorte mit spezifischen Aufgaben umfasse.

Internationale Spitzenuniversitäten seien in der Regel nicht primär durch institutionelle Konzentration entstanden, sondern durch langfristige Investitionen in Personal, Infrastruktur und wissenschaftliche Exzellenz. Strukturelle Veränderungen sollten auf fundierten wissenschaftspolitischen Analysen beruhen und nicht allein aus fiskalischen Überlegungen abgeleitet werden.

Breite Perspektive in Hochschulpolitik gefordert

Die derzeit öffentlich besonders sichtbaren Vertreter des Forschungsrates verfügten über herausragende Expertise in Bereichen wie Technologieentwicklung, Innovationsförderung und High-Tech-Unternehmertum. Gleichzeitig falle auf, dass Stimmen aus großen lehrintensiven Universitäten, insbesondere aus den Medizin-, Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften, in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent erschienen. Daraus ergebe sich die Gefahr einer impliziten Schwerpunktsetzung zugunsten innovations- und wirtschaftsorientierter Bewertungsmaßstäbe.

Eine umfassende Hochschulpolitik sollte jedoch der gesamten Breite universitärer Aufgaben Rechnung tragen. Universitäten seien nicht ausschließlich Innovationsmotoren, sondern zugleich Bildungsinstitutionen, Orte kritischer Wissensproduktion, kulturelle Einrichtungen sowie tragende Elemente gesellschaftlicher Infrastruktur.

Reformen brauchen ausreichende Investitionen

Die gegenwärtige Debatte sollte nicht auf die Frage reduziert werden, ob sich Österreich seine Hochschulen leisten könne. Aus wissenschaftspolitischer Sicht erscheine vielmehr die Frage zentral, welche Rolle Universitäten künftig für Gesellschaft, Wirtschaft, Gesundheitswesen, Demokratie und kulturelle Entwicklung erfüllen sollen.

Strukturreformen könnten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Hochschulsystems leisten. Ihre Erfolgsaussichten hingen jedoch wesentlich davon ab, ob sie von ausreichenden Investitionen, langfristiger Planungssicherheit und einer breiten Beteiligung der betroffenen Institutionen begleitet würden. Internationale Erfahrungen zeigten, dass nachhaltige Reformprozesse in der Regel dort gelängen, wo Veränderungsbereitschaft mit verlässlichen Entwicklungsbedingungen verbunden werde. Reformen, die primär unter fiskalischem Druck erfolgten, liefen hingegen Gefahr, die Leistungsfähigkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit des Hochschulsystems langfristig zu beeinträchtigen.

Quelle: OTS

Worüber spricht Graz morgen?

Kostenloses News Briefing aus deiner Region – jeden Morgen um 6 Uhr.

Mit der Anmeldung nimmst du die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

austria.com auf Google bevorzugen.