Holzleitner fordert mehr Kooperation an Hochschulen

Bei den Hochschulgesprächen in Krems plädierte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Universitäten. Wettbewerb allein reiche nicht mehr aus, um auf unplanbare Entwicklungen zu reagieren.
Am 9. September 2026 fanden im Kloster Und in Krems die dritten Hochschulgespräche statt. Organisiert wurden sie vom Zentrum für Hochschulgovernance und Transformation der Universität für Weiterbildung Krems und dem Zentrum für österreichisches und europäisches Hochschulrecht sowie Hochschulgovernance (ZHR) der Universität Graz. Unter dem Titel „Governance in Zeiten des Unplanbaren“ diskutierten Fachleute aus Wissenschaft, Hochschulmanagement und Politik, wie Hochschulen handlungsfähig bleiben, wenn Planung an ihre Grenzen stößt.
Im Abschlusspanel sprach Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner über die Zukunft der Hochschulsteuerung. Sie stellte infrage, ob die Logik des Wettbewerbs, die mit dem Universitätsgesetz 2002 verstärkt in den Mittelpunkt gerückt wurde, für die entstehende Hochschulstrategie 2040 allein ausreicht. Künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Polarisierung, Kriege und Pandemien hätten gezeigt, dass sich nicht für jede Entwicklung ein fertiges Konzept bereithalten lässt.
„Resilienz bedeutet, handlungsfähig zu sein, auch unter unerwartbaren Bedingungen“, sagte die Ministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung. Dem verbreiteten Bild vom „Survival of the Fittest“ stellte sie jenes des Ökosystems gegenüber: Einheiten spezialisieren sich, tauschen Wissen und Ressourcen aus und gewinnen gemeinsam an Fähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren.
Cyber Resilience Plan als Beispiel
Als konkrete Beispiele nannte Holzleitner den von der Österreichischen Universitätenkonferenz erarbeiteten Cyber Resilience Plan und die Beteiligung österreichischer Hochschulen an den European Universities. „Die Hochschule der Zukunft ist nicht jene, die alles selbst am besten kann, sondern jene, die weiß, wo ihre besondere Stärke liegt, und die gerade deshalb bestmöglich mit anderen zusammenarbeiten kann“, so die Bundesministerin.
Gestaltung statt Planung
Rektorin Viktoria Weber stellte ihre These „Die Zukunft ist nicht planbar, aber sie ist gestaltbar“ an den Anfang. Gerade weil sich die Zukunft nicht genau planen lasse, müsse man sie gestalten. Universitäten könnten von Berufs wegen gut mit Ungewissheit umgehen, wendeten diese Fähigkeit aber zu selten auf die eigene Steuerung an.
„In der Wissenschaft leben wir damit, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt, sondern immer vorläufige Erkenntnisse. Ungewissheit auszuhalten ist keine Schwäche, sondern eine strategische Kernkompetenz“, sagte Weber. Den Unterschied zwischen Planung und Gestaltung machte sie am Begriffspaar Handeln und Vollziehen fest: Wer nur abarbeite, verliere Ermessensspielräume, und mit ihnen Energie und Motivation.
Als Aufgabe der Universitäten nannte sie zudem, Studierende darin zu unterstützen, Ungewissheit nicht als Defizit, sondern als Möglichkeitsraum zu begreifen. Sie verwies auf das lebensbegleitende Lernen als Fähigkeit in diesem Zusammenhang.
Freiräume für unerwartete Chancen
Christine Böckelmann, Direktorin der Hochschule Luzern - Wirtschaft, kam aus organisationspsychologischer Perspektive zu verwandten Schlüssen. Nach rund 25 Jahren des Aufbaus von Strukturen, Prozessen und Monitoring stehe der Hochschulsektor an einem Wendepunkt und müsse einen Teil des Gebauten wieder relativieren. Wo eine Vollzugslogik dominiere, würden Gelegenheiten schlicht nicht mehr gesehen.
Serendipität, also die Fähigkeit, unerwartete Chancen zu erkennen und produktiv zu nutzen, brauche Freiräume quer zu Fakultäten und Instituten. Dazu Führungskräfte, die Unsicherheit aushalten und Führung über Strukturen wieder in einen menschlichen Dialog zurückholen. Zweitens brauche es die Schwarmintelligenz aller Hochschulangehörigen und damit eine Kultur psychologischer Sicherheit, in der auch unfertige oder ungewöhnliche Ideen gehört werden.
Zufall als Informationsquelle
Vorausgegangen waren drei Panels, die das Thema Serendipität aus unterschiedlichen Richtungen erschlossen. Christian Busch, Professor an der Marshall School of Business der University of Southern California, plädierte in einer Videobotschaft dafür, den Zufall in die Planung aufzunehmen: Ein guter Plan gebe Orientierung und lasse zugleich offen, wie der Weg dorthin verläuft. Überraschungen seien als Informationsquelle zu behandeln, nicht als Störung.
Peter Riedler, Rektor der Universität Graz, führte aus, dass Schwerpunkte sich planen lassen, Spitzenleistungen aber oft dort entstehen, wo man sie nicht erwartet hat. Carsten Q. Schneider, Interimspräsident und Rektor der Central European University, setzte dem entgegen, dass sich das Unplanbare nur bewältigen lasse, wenn allen Universitätsangehörigen mehr Freiheiten und weniger Sicherheiten zugemutet werden.
Leadership in Zeiten ohne Wachstum
Thomas Estermann von der European University Association und Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, diskutierten Leadership in einer Phase, in der die Zeiten des Wachstums in den meisten Hochschulsystemen vorbei sind. Beide berichteten aus Qualifizierungsprogrammen für Hochschulleitungen und plädierten dafür, solche Programme vom Ausnahmefall zum Standard zu machen. Als Handlungsfelder nannten sie die Diversifizierung der Einnahmen, Partnerschaften und vor allem das Setzen von Prioritäten, das sich in der Praxis als schwierigste Aufgabe erweise.
Im dritten Panel widersprach Julia Vögele vom Management Center Innsbruck der Vorstellung einer einzigen Zukunft: Zukunftsbilder seien individuell und kulturell geprägt. Hannes Raffaseder, Geschäftsführer der Hochschule St. Pölten und Präsident von EURASHE, forderte, Hochschulen müssten sich regional radikal öffnen und zugleich Safe Spaces für unabhängiges Denken schaffen. Georg Schulz, Rektor der Kunstuniversität Graz, hielt fest, dass sich erfolgreiche Governance nicht zwischen Regionalität und Internationalität entscheiden müsse.
Kremser Thesen und Ausblick
Die Ergebnisse des Tages fließen in die Publikationsreihe „Kremser Thesen“ ein, deren erster Band 2024 im Passagen Verlag und als Open-Access-Publikation erschienen ist. Neu ist heuer, dass nicht nur die Vortragenden Thesen beisteuern: Erstmals war auch das Publikum eingeladen, eigene Thesen einzureichen, von denen eine Auswahl in den Band aufgenommen wird. Einreichungen sind bis Ende September möglich, eine neue Publikation soll noch vor Weihnachten vorliegen.
Attila Pausits, Leiter des Zentrums für Hochschulgovernance und Transformation, und Klaus Poier vom Zentrum für österreichisches und europäisches Hochschulrecht sowie Hochschulgovernance der Universität Graz bedankten sich zum Abschluss für die zahlreichen Beiträge und Dialoge des Tages. Die nächsten Hochschulgespräche wurden für den 8. September 2027 in Graz angekündigt.
Die Hochschulgespräche fanden 2026 zum dritten Mal statt, in Kooperation mit dem Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung, der Österreichischen Universitätenkonferenz (uniko), der Österreichischen Fachhochschulkonferenz (FHK) und dem Land Niederösterreich.
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