IMC-Forscher erklärt, wie Innovationen Wirtschaft verändern

Ein Wissenschafter der IMC Krems hat untersucht, wie unternehmerische Ideen zu wirtschaftlichem Wandel führen. Die Studie verbindet österreichische Ökonomie mit Systemtheorie und zeigt, warum radikale Neuerungen oft an Organisationsstrukturen scheitern.
Amadeus Gabriel, Studiengangsleiter am IMC Krems, hat in der Fachzeitschrift Systems Research and Behavioral Science eine Arbeit veröffentlicht, die sich mit der Frage beschäftigt, wie wirklich neue Ideen in die Wirtschaft gelangen. Der Beitrag trägt den Titel „Austrian Micro-Foundations and Luhmannian Autopoiesis: Entrepreneurial Irritation and the Genesis of Institutional Variety“.
Die Publikation führt zwei theoretische Ansätze zusammen: die österreichische Ökonomie, die unternehmerische Kreativität und Entscheidungen unter Unsicherheit betont, sowie die Systemtheorie von Niklas Luhmann, die Wirtschaft als selbst reproduzierendes Kommunikationssystem versteht.
Organisationen als Übersetzer von Ideen
Nach Luhmanns Theorie befinden sich individuelle Gedanken außerhalb des Wirtschaftssystems. Die österreichische Ökonomie hingegen stellt das handelnde Individuum in den Mittelpunkt: Unternehmer entwickeln Zukunftsvorstellungen und entscheiden, obwohl die Konsequenzen nicht vollständig absehbar sind.
Gabriel führt beide Perspektiven über den Mechanismus der „entrepreneurial irritation“ zusammen. Neue Ideen wirken demnach über Organisationen, die sie in konkrete Entscheidungen umsetzen – etwa durch Investitionen, Verträge oder Personaleinstellungen. So entstehen Impulse, auf die das Wirtschaftssystem reagieren kann.
Bei radikalen Innovationen reiche klassische Kalkulation nicht aus, so die Studie. Wenn etwas wirklich neu sei, lasse sich der künftige Erfolg nicht aus bestehenden Daten ableiten. Unternehmerisches Urteilen werde dort entscheidend, wo Berechnung an ihre Grenzen stoße.
Decentralized Finance als Fallbeispiel
Als Beispiel dient der Aufstieg der Decentralized Finance (DeFi) zwischen 2018 und 2022. Protokolle wie Compound und Aave ermöglichten Kreditvergabe ohne klassische Banken. Aus zunächst ungewöhnlichen Ideen entwickelten sich neue Praktiken, die sich durch positive Rückkopplung rasch verbreiteten.
Zugleich zeige die Entwicklung, dass Innovation durch Marktselektion geprägt werde. Die Zusammenbrüche von Terra/Luna und FTX im Jahr 2022 verdeutlichten, wie neue institutionelle Formen entstehen, sich bewähren oder wieder verschwinden.
Konsequenzen für Unternehmen
Die Ergebnisse hätten praktische Bedeutung: Innovation scheitere häufig innerhalb von Organisationen, bevor sie sich am Markt bewähren könne. Zu starke hierarchische Kontrolle und der Anspruch, jede neue Idee von Beginn an vollständig berechnen zu können, schränkten die für Innovation notwendige Offenheit ein.
Unternehmen sollten Räume für Experimente schaffen, Informationswege offenhalten und bei neuartigen Vorhaben auch Unsicherheit zulassen. Nachhaltige Wirkung entstehe nicht allein durch die Gründung eines neuen Unternehmens, sondern wenn sich daraus Routinen, Standards und Erwartungen entwickelten, die auch von anderen übernommen würden.
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