Jelinek-Uraufführung in Hallein mit KI-Peter Thiel

Die letzte große Premiere der Salzburger Festspiele ist am Sonntag mit Standing Ovations zu Ende gegangen. Nicolas Stemann inszenierte Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ auf der Perner-Insel in Hallein – mit computeranimiertem Tech-Milliardär Peter Thiel.
Die Uraufführung von Elfriede Jelineks neuem Stück dauerte dreidreiviertel Stunden – um 45 Minuten kürzer als die „Urlesung“, die Regisseur Nicolas Stemann vor drei Monaten am koproduzierenden Burgtheater eingerichtet hatte. Vieles wurde von dort übernommen, neu ist etwa ein längerer KI-Teil.
Peter Thiel ist in der Inszenierung zweifach vertreten: als Pappkamerad, der sich mit Sebastian Kurz (ebenfalls mit Papiermaske) mehrfach innig umarmt, sowie als computeranimierter „Gesprächspartner“ am Bildschirm. Mit blecherner Stimme und zuckenden Mundwinkeln gibt die KI-Figur Stemann Auskunft über erlittene Kränkungen und verbreitete Unwahrheiten. „Geld ist egal“, versichert die Computerfigur, „Ich will nur in Frieden leben.“
Stemann hatte vor wenigen Tagen in einem Pressegespräch erklärt, man verhandle um eine Zuschaltung des umstrittenen Techmilliardärs, der bei den Wiener Festwochen nach Kritik wieder ausgeladen worden war. Daraufhin sah sich Intendantin Karin Bergmann zu einem Dementi genötigt.
„Textumsetzungsmaschine“ statt klassischer Inszenierung
Der pausenlose Abend war über drei Stunden lang. Viele Zuschauer nahmen das Angebot an, zwischendurch den Saal verlassen zu dürfen, und wurden dafür mit ein paar im Hof gespielten Szenen belohnt. Stemann kündigte das Stück eingangs selbst als Teil zwei von Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“ an und vertraute demselben Konzept, das er vor 17 Jahren dafür angewandt hatte.
„Es handelt sich weniger um eine Inszenierung im klassischen Sinne als um eine Textumsetzungsmaschine“, sagte er – fast exakt dieselben Worte, die er 2009 in Köln gebraucht hatte. Die Buchausgabe des Stückes umfasst 210 Seiten, die gespielte Stückfassung 110, die mittels analogem Seiten-Countdown hinuntergezählt wurde.
Das Setting erinnerte an die Lese-Performance an der Burg, wohin die Aufführung am 4. September auch wieder zurückkehrt. Zwei Schauspieler mit René-Benko-Masken trugen gleich zu Beginn das halbe Inventar samt Lesetisch, Sesseln, Couch und Blumenschmuck von der Bühne. Ihre wiederholten Kommentare „Das gehört meiner Mama!“ lösten beim österreichischen Publikum Gelächter aus.
Chorgesang und Kollekte für Wolfgang Porsche
Manche Besucher aus Deutschland bekannten nach der Aufführung, nicht alle Anspielungen mitbekommen zu haben. Wer sich erhofft hatte, von Jelinek mittels ihrer Tierfiguren Basics über das Wirtschaftssystem nachholen zu können, wurde enttäuscht. Grundlegendes blieb Magie – wie das von Caroline Peters als Hase aus dem Zylinder gezauberte Geld – oder Kalauer: „Tod und Geld sind Geschwister und sie haben Arschgesichter“, lautete eine Chorgesangszeile.
Gemeinsam mit dem Publikum wurde auch „Wir sind zu alt / oh je oh je“ oder „Da hat etwas geklingelt“ angestimmt. Letzteres bildete die Begleitmusik einer von Stockenten für Wolfgang Porsche durchgeführten Kollekte. Damit wollte man dem steinreichen Industriellen beweisen, dass Salzburg keineswegs reichenfeindlich sei und er die ehemalige Stefan-Zweig-Villa bitte der Stadt oder der Uni für ein Zweig-Museum schenken möge. Die bei den Proben in Salzburg entstandene Idee dürfte sich als wenig haltbar erweisen: „Mal sehen, für wen wir dann in Wien sammeln“, meinte Stemann.
Der Regisseur führte in bewährter Manier durch den Abend und las auch aus einem internen Mailwechsel mit der Nobelpreisträgerin vor. In Wien hatte die Blasmusik Perchtoldsdorf ihren Gastauftritt, in Hallein zieht die Musikkapelle Oberalm durch den Saal.
Tierindustrie statt Finanzbetrügereien im Fokus
Den starken Einsatz von Tierkostümen – in die auch Mavie Hörbiger, Branko Samarovski, Thiemo Strutzenberger und Azaria Dowuona-Hammond immer wieder schlüpften – hatte man bereits im Mai erahnen können. Dass man sich bei Schwein und Kuh dermaßen ins Zeug legen würde, jedoch nicht.
Nachdem „Hase“ Sebastian Rudolph als „Frank, der Wirtschaftsprüfer der Salzburger Festspiele“ mit Brot und Ballons die Grundprinzipien des Kapitalismus zu erklären versuchte, ging es mit einem Chor aus Stoffschweinen unserem mangelnden Mitgefühl gegenüber Tieren an den Kragen. „Das ist dem Schlachter ganz Wurst“, lautete der herzzerreißende Refrain. Auch bei der späteren Klage von Kühen, nur als Milch- und Fleischproduzenten angesehen zu werden, konnte man Mitleid bekommen.
Nicht Finanzbetrügereien und Wirtschaftskriminalität, sondern eine Wirtschaft, die sich alles untertan macht und Tiere bedenkenlos in einen dem menschlichen Luxus dienenden Produktionsprozess eingegliedert hat, steht im Mittelpunkt der Uraufführung. „Das hätte man am besten untersagt, als noch Zeit dazu war“, lässt uns Peters im Tierkostüm wissen. Die Inszenierung selbst verdinglicht bzw. vermenschlicht allerdings auch Tiere. Das Hündchen von Inge Maux bekommt ein menschliches Live-Voice-Over.
KI-Dialoge und Tier-Animationen
In der letzten Viertelstunde wurde vorgeführt, was die KI-Abteilung der Produktion erarbeitet hat: Dialoge mit ChatGPT über die Sinnhaftigkeit von schauspielerlosen Jelinek-Inszenierungen sowie einige gelungene Tier-Animationen.
Das Ende gehört, wie schon tags zuvor in Jette Steckels „Menschenfeind“-Inszenierung, der chorisch vorgetragenen Botschaft für jene, die noch ein paar Merksätze brauchen. Einer davon lautet: „Eine stärkere Tätigkeit hat der menschliche Geist noch nicht gesetzt als das Denken.“ Das Tier, das Elfriede Jelinek diesen Schlusstext eigentlich sagen lässt, taucht bei Stemann nicht auf. Es ist „Petya, der Hundekadaver“. Er ist in Tschernobyl gestorben.
Weitere Termine auf der Perner-Insel in Hallein sind am 18., 19., 21., 22., 24. und 26. August. Die Buchausgabe ist bei Rowohlt erschienen und umfasst 210 Seiten.
Quelle: APA
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