Kulovits und der GAK: „Es gibt nur diesen Verein“

Enrico Kulovits wohnt seit 18 Jahren gegenüber vom GAK-Trainingszentrum. Der Weg zurück zum Grazer Traditionsklub war deutlich länger – und der 51-Jährige hat ihn mehrfach gemacht. Vor dem Derby erzählt der Co-Trainer, warum er immer wieder zum GAK zurückkehrt.
In Derby-Wochen zeigt sich, was einen Klub im Innersten ausmacht. Bei Enrico Kulovits, den im Verein alle nur Kulo nennen, muss man nicht lange suchen. Warum er immer wieder zurückkommt? Seine Antwort ist kurz und schlicht: „Für mich gibt es in Österreich keinen anderen Verein. Es gibt nur den GAK.” Seit 18 Jahren wohnt Kulovits nach eigenen Worten „quasi vis-à-vis vom Trainingszentrum”. Zur Arbeit muss er nur über eine Straße gehen. Der Weg zurück zum GAK war viel weiter. Diesen Weg ist er sogar mehrmals gegangen.
1996: Ankunft aus dem Burgenland
Vor 30 Jahren wechselt Kulovits von Oberwart nach Graz. Gescoutet im heutigen Sinn wurde er nicht. Im kleinen Burgenland hatte sich einfach herumgesprochen, „dass da ein lässiger Typ ist“. Der damalige Präsident Peter Svetits, der selbst aus dem Burgenland kommt, bringt den Wechsel ins Rollen. Kulovits geht gemeinsam mit Thomas Silberberger und Alexander Manninger zum GAK. Der Anfang ist schwer. In Oberwart, damals in der zweiten Liga, trainierte man so wie heute in der Regionalliga: am Abend, drei- bis viermal pro Woche. Beim GAK gibt es plötzlich Doppeleinheiten. Kulovits braucht ein halbes Jahr, bis er fit für die Bundesliga ist. Dazu muss er die ungeschriebenen Regeln der Kabine lernen. „Das war schon eine harte Schule. Du hast unterschwellig gewusst, wo du dich einzuordnen hast. Aber das war okay.” Der Durchbruch kommt bei einem Spiel in der Landesliga. Kulovits spielt für GAK II, er ist 23 Jahre alt. Auf der Tribüne sitzt der Co-Trainer von Klaus Augenthaler. Dieser urteilt: „Aus dem Kind kann was werden.” Ab 1997 ist Kulovits Stammspieler, und zwar unter einem Weltmeister.
Augenthaler bringt die Viererkette
Augenthaler, als Spieler Weltmeister und davor Co-Trainer unter Giovanni Trapattoni, bringt Dinge nach Graz, die in Österreich damals Neuland sind. Die Viererkette etwa. Manche Übungen sind für Kulovits so basic, dass man als Profi kurz zweifelt, ob das wirklich noch sein muss. Die Antwort liefern die Ergebnisse. Für Kulovits war Augenthaler ein moderner Trainer, einer, der die Mannschaft weitergebracht hat.
Hängen geblieben ist ein Spiel im Oktober 1997, ein 3:0 gegen Rapid. Warum gerade das? Weil es ihm selbst an diesem Tag richtig gut ging. Mehr Nostalgie gibt er nicht her. „Für mich ist das Kapitel eigentlich erledigt.“
Auch bei den Titeln bleibt Kulovits sachlich. Einer ist ihm am wichtigsten, und sein Grund ist ganz ehrlich: „Der wichtigste ist für mich der Cup im Jahr 2000. Weil ich da auch gespielt habe.” Die Meistersaison 2003/04 hat er nur zur Hälfte miterlebt. Davor war er nach Bregenz verliehen, nach einer, wie er heute sagt, „blöden Phase”: Er bekam in eineinhalb Monaten drei Rote Karten. Dann verletzte er sich nach einem Zusammenstoß im Heimspiel gegen die Austria. Der Trainer setzte nicht mehr auf ihn, ein neuer Spieler kam in den Kader, und man legte ihm einen Wechsel nahe. Im Winter war er weg.
Umweg über Griechenland und Vorarlberg
Es geht nach Griechenland, zu Skoda Xanthi, in eine andere Fußballkultur. In Österreich habe sich damals schon viel rund ums Spiel abgespielt. In Griechenland war das Spiel das Spiel: „Du bist hingekommen, hast dich umgezogen und hast gespielt.“ Dazu Tageszeitungen, die nur über Fußball schreiben. „Es ist eine Show.“
Danach spielt Kulovits bei der Admira und bei Mattersburg. Diesmal wohnt er in Mödling. Dann passiert etwas, das so perfekt passt, dass es ein Drehbuchautor zu kitschig fände. 2006 endet seine Zeit in Mattersburg. Ende Mai ist er auf der Hochzeit eines Freundes in Vorarlberg eingeladen. Dort lernt er die Frau kennen, mit der er bis heute verheiratet ist. Zwei, drei Wochen später kommt ein Angebot vom FC Lustenau. „Dann habe ich gesagt: Okay, irgendwie passt’s.”
2008: Rückkehr nach Graz
Im Jahr 2008 kommt Kulovits zurück nach Graz. Der GAK ist aber nicht mehr der Klub von früher. Die Bundesliga ist weit weg, doch die Regionalliga ist trotzdem „sehr professionell”. Mit dem sportlichen Leiter Thomas Hösele und Trainer Gregor Pötscher ist er sich schnell einig. Eigentlich soll er in der Zweiten spielen, als erfahrener Spieler zwischen vielen Jungen. Nach der Sommervorbereitung zieht er selbst Bilanz: Auf seiner Position gibt es einfach zu viele gute junge Spieler. „Da ist es hundertmal gescheiter, wenn die spielen.” Wer sich selbst aus der Aufstellung nimmt, denkt schon wie ein Trainer. In Güttenbach stand Kulovits zweieinhalb Jahre als Trainer an der Linie, und 2006 machte er die UEFA-Pro-Lizenz. In Graz wird er Co-Trainer von Gregor Pötscher, mit dem er lange befreundet ist. Für ihn, der jahrelang jeden Sommer den Koffer packte, hat 2008 noch eine zweite Bedeutung: Seitdem ist er in Graz geblieben.
Stationen im Amateurfußball
Danach trainiert Kulovits mehrere Amateurvereine. Zuerst ist er in Werndorf Spielertrainer und spielt dort selbst noch etwa dreimal. Dann folgen Allerheiligen in der Regionalliga, Eltendorf, Mettersdorf und Kalsdorf. Dort hat er „extrem viel gelernt”, sagt aber auch, dass es anstrengend war. Der Amateurfußball laugt aus. Die Spieler kommen direkt von der Arbeit und sind gut ausgebildet. Sie wollen Abwechslung und Humor, aber auch einen guten Plan. „Du warst so ein bisschen Animateur”, sagt er und lacht. Das Ende in Kalsdorf war aus heutiger Sicht zum richtigen Zeitpunkt. Es war der Beginn von etwas Neuem.
Jänner 2019: Interims-Chef und ÖFB-Mentalcoach
Im Jänner 2019 steht Kulovits' Name wieder auf der Liste des GAK. Der Klub führt die Regionalliga an und hat die Lizenz für die zweite Liga beantragt. Dafür braucht es einen Trainer mit Pro-Lizenz, und Kulovits hat sie. Bei den Trainings ist er dabei, vor allem als Beobachter. Warum er das macht? Weil der Klub seine Herzensangelegenheit ist. Nach dem Aufstieg in die zweite Liga zieht er weiter, aber nicht weit.
Parallel arbeitet Kulovits seit 2017 als Mentalcoach der ÖFB-U21. Auch da schließt sich der Kreis: Der damalige U21-Teamchef Werner Gregoritsch fragt ihn, ob er jemanden für den Job kenne. Kulovits hatte schon 2009 eine Ausbildung gemacht, „eher für mich persönlich“, als Rüstzeug für die Trainerarbeit. „Warum nimmst du nicht mich?”, fragt er zurück. Der ÖFB prüft seine Ausbildung und stimmt zu. Neun Jahre später ist er noch immer dabei. Seine Art ist bescheiden. Am Anfang hat er oft selbst mitgespielt. Die Spieler sahen: „Da ist einer, der auch kicken kann, und menschlich ist er okay.” Danach kamen sie von allein zu ihm. Er sieht sich als „Trainer für den Platz”, einen mit „Gespür für die Spieler”.
2023: U18-Trainer der GAK-Akademie
2023 übernimmt Kulovits die U18 der GAK-Akademie. Für ihn ist das „perfekt”. Davor war er Talentecoach im Burgenland und betreute fünf bis sieben Spieler aus verschiedenen Jahrgängen. Das war eine gemütliche Aufgabe, aber er wollte wieder Cheftrainer sein. Die Entwicklung jedes Einzelnen ist wichtig, doch Fußball ist ein Mannschaftsspiel. Deshalb muss sich ein Spieler in der Gruppe entwickeln. Den Jungen gibt er bewusst nur drei Dinge mit: Körper, Basics und Mut. Ohne körperliche Grundlage wird man kein Profi. Der erste Kontakt mit dem Ball, sauberes Passspiel und solide Technik kann jeder üben. Das Dritte lässt sich nicht üben: „Geh und kick! Entschieden wird morgen gegen Salzburg, ob du ein Guter wirst oder nicht. Nicht beim Montagstraining. Messi ist für mich ein gutes Beispiel. Der hat über 20 Jahre geliefert. Im Spiel, im Finale, bei der Weltmeisterschaft. Nicht nur im Training.” Genau da unterscheidet sich für ihn das Talent vom Profi. Man kann die Jungen unterstützen, auch mental, aber den Schritt müssen sie selbst gehen.
2026: Co-Trainer bei den Profis
Der Sprung zu den Profis, dorthin, wo 30 Jahre zuvor alles angefangen hat, beginnt mit einem Anruf, der keine Planung zulässt. Kulovits ist mit der GAK U18 im Trainingslager, als im Klub alles in Bewegung gerät. Noch unter Interimstrainer Joachim Standfest wird er kurzfristig als Co-Trainer zu den Profis beordert, dann übernimmt Gerald Scheiblehner. Zeit zum Nachdenken bleibt kaum, gearbeitet werden muss umso mehr.
Die ersten Wochen sind fordernd: neuer Trainer, neue Abläufe, ein anderes Pensum. Dann kommt die Routine und mit ihr ein Gefühl, das ihm wichtig ist, nämlich von allen Seiten gut angenommen zu werden. Im Trainerteam hat er unter anderem die Analyse der Standards übernommen, in Absprache mit den Kollegen. Um dieses Feld haben sich bei ihm früher stets andere gekümmert. Mit 51 sitzt er über Szenen und Abläufen, die er so noch nie zerlegt hat. Und es taugt ihm.
Richtig in Fahrt kommt er beim Thema Mindset. Ihm imponiert an der Arbeit im Trainerteam unter Gerald Scheiblehner etwas ganz Bestimmtes: Endlich hat jemand den Mut, laut zu sagen, wohin die Reise gehen soll.
„Es gibt ja niemanden, der Fußball spielt, um zu verlieren. Ich will immer gewinnen, wenn ich ins Spiel gehe. Egal, wen du als Gegner hast.“
Für ihn ist die Rechnung leicht. LASK, Rapid, Salzburg und Sturm sind die großen Namen, und ja, Sturm ist auch der Derbygegner. Dahinter kämpfen acht Teams um zwei Plätze. Warum soll der GAK nicht dabei sein? Mit einigen Mannschaften sieht er den Klub auf Augenhöhe. Keine Mannschaft der Bundesliga sei „definitiv unschlagbar”. Wer in die Saison geht und nur hofft, dass man „oben bleibt”, verliert gegen einen Titelkandidaten und zuckt mit den Schultern. Wer aber die Top 6 im Kopf hat, den schmerzt dieselbe Niederlage. Dieser Schmerz macht für ihn den Unterschied.
Die GAK-DNA
Und was ist die GAK-DNA? Die lässt sich nicht in einen Satz fassen, und Kulovits versucht das auch gar nicht. Er erzählt stattdessen vom Neubeginn. Der sei gewaltig gewesen. Egal, wann und wo der GAK spielte: „Die Post ging ab, überall.” Kulovits war auf diesem Weg dabei. Er erinnert sich an Momente, in denen man versteht, was ein Klub für Menschen bedeuten kann. Vielleicht ist genau das die GAK-DNA: kein Leitbild und kein Rezept, sondern ein Versprechen zwischen Klub und Fans. Die einen haben die Jahre des Wiederaufbaus durchgehalten, die anderen sind ihnen dafür etwas schuldig. Für Kulovits heißt das, den Leuten wieder zu zeigen, dass es weiter nach oben geht. Er sagt das ohne Zögern, und es klingt wie eine Pflicht: „Das ist man dem Verein schuldig, weil er gehört dort hinauf. „Wenn ich ein Teil davon sein kann, bin ich sehr, sehr froh. Der GAK und ich passen anscheinend zusammen. In allem.” Dass er gleich gegenüber wohnt, sei kein Zufall, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Quelle: https://www.grazerak.at/aktuelles/saison-26-27-enrico-kulovits-und-der-gak
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