Liebenau: Von der ersten Urkunde 1400 zur Marktgemeinde
Die oberösterreichische Gemeinde Liebenau blickt auf mehr als 600 Jahre dokumentierte Geschichte zurück. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort im Jahr 1400 im Urbar zu Weißenbach – damals noch unter dem Namen „Liebnaw“.
Die oberösterreichische Gemeinde Liebenau im Bezirk Freistadt kann auf eine lange dokumentierte Vergangenheit zurückblicken. Der Ortsname taucht erstmals im Jahr 1400 in historischen Aufzeichnungen auf – konkret im Urbar zu Weißenbach, wo „Liebnaw“ als Flurname für Höfe im Einzugsgebiet der Kleinen Naarn vermerkt ist.
Bajuwaren, Glashütten und Türkenabwehr
Bereits im 6. Jahrhundert wanderten Angehörige der Bajuwaren in das Donauland ein und dehnten ihr Stammherzogtum aus. Im 14. Jahrhundert war das Gebiet noch von Urwald geprägt, die Besiedelung erfolgte entlang der Wasserläufe. Ab 1400 entstanden Glashütten, die bis ins 18. Jahrhundert eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielten und vielen Menschen Arbeit boten.
Zwischen 1420 und 1430 wurden Erdbefestigungen gegen die drohenden Hussiten angelegt. Bei der zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 wurde am Wachtstein – dem heutigen Wahrzeichen von Liebenau – ein Späherposten errichtet. Die oberösterreichischen Grenzbefestigungen mussten damals instandgesetzt und mit Wachmannschaften besetzt werden.
Kirche, Pfarre und wirtschaftlicher Wandel
Im Jahr 1754 begann der Bau der Liebenauer Kirche, die nach ihrer Einweihung 1755 zunächst dem Pfarrer von Unterweißenbach unterstellt war. Bereits 1756 wurde Liebenau zur eigenständigen Pfarre erhoben. Im selben Zeitraum wurde auch eine Volksschule eingerichtet.
Der Niedergang der Glasindustrie um 1800 brachte der Bevölkerung schwere wirtschaftliche und soziale Verluste. Glashütten wurden aufgelassen, Gehöfte verödeten durch Abwanderung. Erst Ende des 17. Jahrhunderts hatte die Glaserzeugung noch für einen raschen Aufstieg von Handel und Gewerbe gesorgt.
Weltkriege und Wiederaufbau
Der Erste Weltkrieg forderte in der Gemeinde 137 Gefallene und Vermisste bei insgesamt 600 gestellten Soldaten. Ihnen wurde 1924 ein Denkmal gesetzt. Dem Kriegsende folgte ein schwerer wirtschaftlicher Rückschlag mit katastrophaler Geldentwertung – Liebenau gab sogar eigenes Notgeld heraus.
Im Zweiten Weltkrieg stellte die Gemeinde rund 650 Soldaten. 177 Männer kamen ums Leben oder wurden vermisst – das entsprach 27 Prozent der Soldaten. Nach 1945 verschärften durchziehende Flüchtlinge und Übergriffe der sowjetischen Besatzungsmacht die Notlage.
Mit dem Staatsvertrag 1955 und dem Abzug der Besatzungstruppen setzte ein allgemeiner Wirtschaftsaufschwung ein. Dieser zeigte sich im gezielten Ausbau der infrastrukturellen Einrichtungen: Verkehrsverbindungen, Strom- und Telefonnetz sowie Entwässerungsaktionen wurden vorangetrieben.
Vom Dorf zum Markt
Am 27. Jänner 1969 verlieh die oberösterreichische Landesregierung der Gemeinde das Recht zur Führung eines Gemeindewappens – in Anerkennung ihrer geschichtlichen und wirtschaftlichen Bedeutung. Die Erhebung zur Marktgemeinde erfolgte schließlich am 13. Juni 1983 durch Beschluss der Landesregierung.
Jüngere Entwicklungen
In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Liebenau weitere Veränderungen: 1962 wurde eine Hauptschule gegründet, die 2012 als Mittelschule neu gebaut wurde. Mehrere Volksschulen in den Ortsteilen wurden mangels Schülerzahl geschlossen – Schöneben 1975, Liebenstein 1998 und Neustift 2004. Auch der Gendarmerieposten (1992) und das Postamt (2005) fielen Sparmaßnahmen zum Opfer.
Das Tannermoor wurde 1983 zum Naturschutzgebiet erklärt und 2021 auch als Europaschutzgebiet ausgewiesen. Zwischen 2020 und 2024 erfolgten umfangreiche Revitalisierungsmaßnahmen zur Wiedervernässung durch die Naturschutzabteilung des Landes Oberösterreich. 2023 wurde neue Infrastruktur mit Parkplätzen, WC-Anlagen und Wanderwegen eröffnet.
Ebenfalls 2023 nahm ein Nahversorgungszentrum mit Supermarkt, Bäckerei, Café, Arztpraxis und Wohnungen im Ortszentrum den Betrieb auf. Der langjährige Gemeindearzt MR Dr. Bernhard Schlosser ging in Pension, sein Nachfolger Dr. Michael Atteneder eröffnete die Praxis im neuen Zentrum.
Seit 2021 ist DI (FH) August Reichenberger Bürgermeister der Marktgemeinde – er ist der 24. Bürgermeister seit der Gemeindebildung im Jahr 1850.
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