Mareike Fallwickl: Neuer Roman über alternative Lebensformen

Mona HopfingerMona Hopfinger
Haus-Schnittzeichnung mit Menschen und schwebenden Objekten, Jahreszahl 1978 bis 2026
© Mit KI (Gemini) generiert

Die Salzburger Autorin Mareike Fallwickl widmet sich in ihrem neuen Buch „Haltet euch fest“ dem Zusammenleben jenseits traditioneller Familienmodelle. Im Zentrum steht ein Haus, das Ende der 1970er-Jahre zur Zuflucht für Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen wird.

Die Salzburger Autorin Mareike Fallwickl beschreibt in ihrem neuen Roman die Utopie eines solidarischen Miteinanders, das auf Liebe und Freundschaft basiert – unabhängig von Alter und Geschlecht. Der Titel „Haltet euch fest“ trägt eine doppelte Bedeutung: Einerseits geht es um das gegenseitige Halten, Umarmen und Auffangen als Grundprinzip der Gemeinschaft. Andererseits stellt dieser soziale Gegenentwurf eine Kampfansage an bestehende Strukturen dar.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Haus ohne Trennwände, das Ende der 1970er-Jahre von zwei Frauen errichtet wurde. Es dient als Zufluchtsstätte und Kraftspender für seine Bewohner und beherbergt einen bunt zusammengewürfelten Haufen unterschiedlichster Lebensentwürfe. Das Gebäude hat eine starke Ausstrahlung, die für Neuankömmlinge unmittelbar spürbar wird. Sogar Hausgeister sollen dort ihr Unwesen treiben und Dinge in Unordnung bringen oder verschwinden lassen.

Vom Rückzugsort zum politischen Kampf

Die meisten Bewohner wollen einfach unbehelligt leben – schwul, lesbisch, queer, als Freunde mit oder ohne Sex. Doch es gibt auch Kämpferinnen unter ihnen. Mitgründerin Sigrid, die wie ihre Freundin Frieda einer von Gewalt geprägten Ehe entkommen ist, vertritt die Anliegen der Gleichberechtigung politisch und bringt es bis zur Bundesministerin. Luzia wiederum kämpft ab ihrem ersten Theaterpraktikum dafür, patriarchale Strukturen im Kunstbetrieb zu beseitigen und die Vielfalt des Lebens auf der Bühne abzubilden.

Fortsetzung eines konsequenten Wegs

Mit „Haltet euch fest“ setzt Fallwickl ihren bisherigen Weg konsequent fort. In ihrem Erfolgsroman „Die Wut, die bleibt“ aus dem Jahr 2022, der auch auf die Bühne kam und derzeit von Catalina Molina verfilmt wird, zeigte sie die brutale Ungerechtigkeit einer männlich bestimmten Welt. In „Und alle so still“ (2024) stürzte die stumme Verweigerung von Frauen ein Land ins Chaos. Im neuen Roman geht es nun um Modelle des Zusammenlebens, die von heteronormativen Gesetzen und Haltungen unterdrückt oder nicht als gleichwertig akzeptiert werden.

Als Gegengift zu „Heterofatalismus“ und „male loneliness epidemic“ wird die „queerplatonic relationship“ in der „Framilie“ (der mit Freunden gebildeten Familie) gepriesen. Die „queer blended family“ setzt auf „decentering men“ und feiert die „emotionship“ als fortschrittliches Gegenmodell. Das Vokabular gaukelt verlockende Vielfalt vor, wirkt in seiner Häufung und ständigen Selbstbestätigung jedoch ungewollt komisch.

Kuschelkurs als Problem

Genau das ist laut APA-Rezensent Wolfgang Huber-Lang aber ein Problem des Buches: In jeder Zeile wirke es als Kampfschrift gegen patriarchale Ungerechtigkeiten, als Plädoyer für mehr Offenheit und Buntheit. Das stehe der Entwicklung eines differenzierten, spannenden Plots im Weg. So viel Zugewandtheit, tröstende Umarmungen und menschliche Wärme hielten die bereitwilligsten Leser auf Dauer nicht aus.

Fallwickl erzählt in kurzen Kapiteln, die jeweils andere Protagonistinnen im Zentrum haben und zu unterschiedlichen Zeiten spielen. Zwischen April 1978 und September 2026 wird immer wieder hin- und hergesprungen, sodass man angesichts der Fülle von Personen bald den Überblick verliert. In diesen fast 50 Jahren wird die soziale Utopie verwirklicht, gegen wechselnde Konflikte und mit wechselnder Besetzung verteidigt.

Risse im Fundament

Als das Haus dringend und symbolträchtig erneuert werden muss, bringt die Spurensuche nach einstigen Bewohnern zutage, wie nachhaltig sich der Ort in die unterschiedlichsten Leben eingeschrieben hat. Nicht nur an den Fundamenten, auch in den Lebensgeschichten zeigen sich Risse. Sie geben dem Ganzen eine unerwartete Tiefe. Ein kurzer Blick zurück in den Oktober 1977 macht das Haus sogar zu einem Gespensterhaus. Damals fassten Frieda und Sigrid all ihren Mut zusammen, um ihr Leben zu ändern.
„Keine Art des Zusammenlebens ist besser als die andere“, heißt es gegen Ende. Trotzdem wirke „Haltet euch fest“ wie ein großer Versuch, viele neue Erzählungen in die abendländische Erzählwelt zu bringen, denn es feiere die Vielfalt. Das wollen auch Regisseurin Luzia und ihre Freundin Somi: „Je öfter wir diese Geschichten erzählen, je größer wir sie erzählen, umso normaler werden sie.“ Besser wäre es aber, wenn die neuen Geschichten auch besser als die alten wären, so das Fazit der Rezension.
„Haltet euch fest“ von Mareike Fallwickl erschien im Verlag Rowohlt Hundert Augen. Das Buch hat 432 Seiten und kostet 24,70 Euro.

Quelle: APA

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