Mittelalterliche Burgen: Forschungsprojekt macht Inventare zugänglich

Mona HopfingerMona Hopfinger
Digitalisiertes Wissen: 181 Inventare, 38 Habsburger Burgen, Mann mit Lupe bei Buchstudie.
© Mit KI (Gemini) generiert

Ein Forschungsprojekt der Universitäten Innsbruck und Salzburg hat 181 handschriftliche Inventare von 38 Burgen und Schlössern aus dem historischen Tirol digitalisiert. Die Dokumente aus dem 13. bis 16. Jahrhundert gewähren Einblick in den Alltag fernab von Ritterklischees.

Auf Burgen und Schlössern wurden selbst kleinste Besitztümer akribisch dokumentiert. Amtsleute der Landesfürsten erfassten regelmäßig Gegenstände, Vorräte und Tiere in sogenannten Inventaren. Diese handschriftlichen Bestandslisten lagern heute im Tiroler Landesarchiv und wurden nun umfassend aufgearbeitet.

Die Historikerin Christina Antenhofer von der Universität Salzburg und die Sprachwissenschaftlerin Claudia Posch von der Universität Innsbruck haben gemeinsam mit einem interdisziplinären Team 181 Inventare von 38 Standorten digitalisiert und ediert. Die ältesten Exemplare stammen aus dem 13. Jahrhundert, die jüngsten aus dem 16. Jahrhundert.

Von Feuerkral bis Zwachstuhl

Neben Rüstungen und Schwertern verzeichnen die Listen auch unzählige Alltagsgegenstände: Feuerkrale (mehrzinkige Schürhaken), Fliegenwedel oder Zwachstühle (Stühle für die Körperpflege). „Wir können über die Inventare einen Blick auf den Alltag auf Burgen werfen“, erklärt Antenhofer. Mobiliar, Werkzeuge, landwirtschaftliche Geräte, Haushaltsgegenstände und medizinische Objekte wurden ebenso erfasst.

Die Amtsleute gingen Raum für Raum vor und registrierten selbst kaputte und reparierte Gegenstände. „Außerdem finden wir Hinweise auf verliehene oder fehlende Objekte“, so die Mittelalter-Expertin.

Über 100 Schreibweisen für ein Wort

Die Transkription stellte das Team vor große Herausforderungen. „Wir finden unterschiedliche historische Sprachstufen und viele verschiedene Schreibweisen für ein- und denselben Begriff“, schildert Posch vom Institut für Sprachwissenschaft. Für die Hakenbüchse existieren über 100 verschiedene Schreibweisen.

Nach einer KI-gestützten Layouterkennung mittels Transkribus übernahmen die Fachleute die Transkription manuell. Die Bezeichnungen mussten in eine moderne, verständliche Schreibweise übertragen werden. „Wir sind stolz, dass wir fast jeden Begriff entschlüsseln konnten“, resümiert Posch. Viele Gegenstände und die dazugehörigen Tätigkeitsfelder waren längst in Vergessenheit geraten.

Frauen hatten mehr Einfluss als angenommen

Die Inventare zeigen Burgen als Orte eines vielschichtigen Wirtschafts- und Soziallebens. Schauplätze kriegerischer Handlungen waren sie weitaus seltener als in Filmen oder Computerspielen dargestellt. „Die Inventare rücken nicht nur Gegenstände und Alltagspraktiken, sondern auch Personen in den Mittelpunkt, die bisher unbeachtet blieben“, betont Antenhofer.

Manche Personen werden als Verwalter oder Verwalterin namentlich erwähnt, andere tauchen als Besitzer bestimmter Dinge auf. In einem Inventar von Schloss Tirol heißt es etwa: „Hienach ist vermerkt der plunder den die Werbergerin auf Tirol in meins herren kamer hat“. Es folgt eine Aufzählung von Gegenständen, die eine als „Werbergerin“ bezeichnete Frau in der Herrenkammer deponiert hat.

Eine wichtige Erkenntnis des Projekts: Frauen hatten auf Burgen mehr zu sagen und zu tun, als bisher angenommen. In den Inventaren begegnet man ihnen vom Dienstpersonal bis zur Burgherrin. Die ersten wissenschaftlichen Aufsätze auf Basis des Projekts werden demnächst veröffentlicht.

Onlineplattform mit 3D-Modellen

Das Projekt vereint historische und sprachwissenschaftliche Forschung mit digitalen Geisteswissenschaften. Auf der frei zugänglichen Onlineplattform INVENTARIA stehen digitalisierte Handschriften, durchsuchbare Transkriptionen mit Erklärungen sowie ein Glossar zur Verfügung.

Nutzer können per Klick eine Burg auswählen und gebündelt Informationen über Besitzer, Räume samt vorhandener Gegenstände oder Lage erhalten. Die erfassten historischen Begriffe sind mit internationalen digitalen Begriffssammlungen verknüpfbar, wodurch die Daten besser durchsuchbar werden und mit anderen kulturhistorischen Forschungsdaten verglichen werden können.

Zu fünf Burgen wurden basierend auf den Inventaren 2D- und 3D-Modelle realisiert, die den Weg der Amtsleute bei ihren Inventarisierungsarbeiten nachvollziehbar machen. Die einzelnen Räume in den Modellen sind mit den dazugehörigen Inventaren verknüpft.

Das von Christina Antenhofer geleitete Projekt „INVENTARIA“ wurde vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert. Federführend waren unter anderem Gerald Hiebel (Uni Innsbruck), Ingrid Matschinegg (IMAREAL, Salzburg), Claudia Posch (Uni Innsbruck) und Gerhard Rampl (Uni Innsbruck).

Quelle: https://www.uibk.ac.at/de/newsroom/2026/inventur-auf-der-burg-von-aalspiess-bis-zwachstuhl

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