Museen und Archive diskutieren Zukunft des Kulturerbes

Mathias FischerMathias Fischer
Gruppe von Menschen posiert vor einem modernen Gebäude in Österreich.
© Simone Rack; Teilnehmende der DAC Summer School an der Universität für Weiterbildung Krems

Mehr als 60 Fachleute aus zwölf Ländern haben Anfang Juli in Krems über die Verantwortung von Museen und Archiven debattiert. Im Zentrum der internationalen Summer School stand die Frage, wer entscheidet, welche Erinnerungen bewahrt werden.

Von 1. bis 3. Juli fand an der Universität für Weiterbildung Krems die DAC Summer School 2026 statt. Über 60 Teilnehmende aus Forschung, Museen, Archiven, Kulturvermittlung und Organisationsentwicklung diskutierten unter dem Titel „Who cares? Collecting, preserving, and curating in museums, archives, and organizations“ zentrale Fragen kultureller Sorgearbeit. Dabei ging es um die Herausforderungen, denen sich Institutionen des kulturellen Gedächtnisses gegenübersehen: knappe finanzielle Ressourcen, zunehmende politische Konflikte und der Einfluss künstlicher Intelligenz auf den Umgang mit kulturellem Wissen.

Die Veranstaltung verband wissenschaftliche Reflexion mit praktischen Ansätzen. In Paper- und Poster-Präsentationen sowie Workshops wurden unterschiedliche Formen kultureller Sorgearbeit beleuchtet.

Entscheidungen prägen kollektives Gedächtnis

Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Verantwortung für das materielle und immaterielle kulturelle Erbe. Sammeln, Archivieren und Kuratieren sind nicht nur technische Prozesse der Bewahrung. Sie beinhalten immer auch Entscheidungen darüber, welche Ereignisse, Perspektiven und Erfahrungen im kulturellen Gedächtnis sichtbar bleiben und welche verschwinden.

Helmut Neundlinger, Leiter des Archivs der Zeitgenossen an der Universität für Weiterbildung Krems, betont: „Archive, Museen und Sammlungen sind keine neutralen Speicher. Was sie aufnehmen, erschließen und vermitteln, prägt wesentlich mit, wie eine Gesellschaft ihre Vergangenheit versteht und über ihre Zukunft nachdenkt.“ Kulturelle Sorgearbeit bedeute daher auch, Verantwortung für bislang übersehene Stimmen zu übernehmen und kulturelles Gedächtnis öffentlich zugänglich zu halten.

Besondere Aufmerksamkeit erhielten Erinnerungen und kulturelle Ausdrucksformen, die als ephemer oder marginal gelten. Diskutiert wurde etwa, wie politische Gewalt aus der Perspektive betroffener Minderheiten dokumentiert werden kann und ob Museen spontane Gedenkorte nach Terroranschlägen oder Naturkatastrophen in ihre Sammlungen aufnehmen können. Weitere Beiträge befassten sich mit Beständen aus kolonialen Kontexten sowie der Frage, wie Emotionen, subjektive Erfahrungen und kollektive Trauer archiviert und vermittelt werden können.

Digitalisierung und algorithmische Verantwortung

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der digitalen Erschließung von Sammlungen und dem zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz. Digitale Technologien ermöglichen zwar einen leichteren Zugang zu Beständen und können neue Zusammenhänge sichtbar machen. Gleichzeitig beeinflussen Datenmodelle, Suchsysteme und Algorithmen, welche Inhalte gefunden, miteinander verknüpft oder ausgeblendet werden.

Damit stellt sich die Frage nach kultureller Verantwortung auch im digitalen Raum: Wer entscheidet, welches Wissen in Datenbanken aufgenommen wird? Welche historischen Vorannahmen werden in digitale Systeme übernommen? Und wie lässt sich verhindern, dass bereits bestehende Ausschlüsse durch automatisierte Verfahren fortgeschrieben werden?

Internationale Perspektiven aus zwölf Ländern

Die Beiträge vermittelten ein breites Bild der gegenwärtigen Situation von Museen, Archiven und erinnerungspolitischen Initiativen. Viele dieser Einrichtungen müssen ihre Aufgaben mit begrenzten Mitteln erfüllen. Einzelne Initiativen kämpfen zudem mit mangelnder öffentlicher Sichtbarkeit oder arbeiten unter politisch schwierigen Bedingungen.

Die internationale Zusammensetzung der Summer School ermöglichte den Vergleich unterschiedlicher institutioneller und gesellschaftlicher Erfahrungen. Die Teilnehmenden kamen aus zwölf Ländern, darunter Ägypten, Brasilien, Großbritannien, Italien, Lettland, Rumänien, die Türkei, Ungarn und die USA. Der Austausch zeigte, dass Institutionen des kulturellen Gedächtnisses einen wesentlichen Beitrag zu aktuellen Debatten über gesellschaftlichen Zusammenhalt, politische Teilhabe und den Umgang mit Geschichte leisten können.

Jährliches Format seit 2023

Das Department für Kunst- und Kulturwissenschaften der Universität für Weiterbildung Krems veranstaltet die internationale DAC Summer School seit 2023. Das dreitägige Format widmet sich jährlich aktuellen Fragen des kulturellen Erbes in seinen analogen und digitalen Erscheinungsformen. Es führt wissenschaftliche Perspektiven mit Erfahrungen aus Museen, Archiven, Kulturvermittlung, Weiterbildung und Organisationsentwicklung zusammen.

Konzeption und Umsetzung erfolgen in Kooperation mit der in scope GmbH. An der Organisation und Durchführung sind zudem die Professorinnen Anja Grebe und Chiara Zuanni – beide tätig am Department für Kunst- und Kulturwissenschaften – maßgeblich beteiligt. Finanzielle Unterstützung erhält die Summer School durch das CLARIAH-AT-Konsortium.

Quelle: https://www.donau-uni.ac.at/de/aktuelles/news/2026/kulturelles-erbe-braucht-sorge-und-verantwortung.html

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