Nachhilfe kostet Kärntner Familien sieben Millionen Euro

Rund 22.000 Schülerinnen und Schüler in Kärnten haben im vergangenen Schuljahr Nachhilfe bekommen, die Hälfte davon bezahlt. Die Arbeiterkammer warnt vor wachsender Bildungsungerechtigkeit und fordert mehr Förderung in den Schulen.
Im Schuljahr 2025/26 haben in Kärnten etwa 35 Prozent aller Schülerinnen und Schüler Lernunterstützung erhalten – das entspricht rund 22.000 von insgesamt 62.000 Kindern und Jugendlichen. Davon nahmen etwa 11.000 bezahlte Nachhilfe in Anspruch, wie eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts IFES im Auftrag der Arbeiterkammer zeigt. Die Gesamtausgaben der Familien beliefen sich auf rund sieben Millionen Euro, durchschnittlich 660 Euro pro Kind.
AK-Präsident Günther Goach warnt vor den Folgen: „Private Nachhilfe darf nicht zur Grundvoraussetzung für den Schulerfolg werden. Das gefährdet die Chancengerechtigkeit in unserem Bildungssystem massiv.“
Bedarf höher als tatsächliche Inanspruchnahme
Der tatsächliche Bedarf an Lernunterstützung liegt laut Studie noch höher: 39 Prozent oder rund 24.000 Schülerinnen und Schüler bräuchten Nachhilfe, wenn man jene miteinbezieht, die zwar keine bezahlte Unterstützung hatten, aber einen entsprechenden Bedarf äußerten. Das berichtet Daniel Weidlitsch, Leiter der Abteilung Bildungspolitik, Jugend und Kultur der AK Kärnten.
Neben den 11.000 Kindern mit bezahlter Nachhilfe nutzten 7.000 unbezahlte Lernhilfe und weitere 7.000 die schulische Gratis-Nachhilfe.
Ausgaben gesunken, Belastung bleibt
Die durchschnittlichen Kosten pro Kind sind von rund 850 Euro im Schuljahr 2024/25 auf aktuell 660 Euro gesunken. Goach warnt jedoch vor vorschnellen Schlüssen: „Dies sollte nicht als Entspannung für die Familien verstanden werden.“ Nachhilfe werde offenbar stärker punktuell und anlassbezogen genutzt, etwa vor Schularbeiten und Tests, und nicht mehr regelmäßig während des gesamten Schuljahres. Zudem spiele die allgemeine Teuerung eine Rolle.
47 Prozent der befragten Eltern fühlen sich durch bezahlte Nachhilfe finanziell sehr stark oder spürbar belastet – ein konstant hoher Wert, der zeigt, dass die Kosten für betroffene Familien weiterhin eine erhebliche Bürde darstellen.
Mathematik bleibt Problemfach Nummer eins
Mit deutlichem Abstand ist Mathematik das wichtigste Nachhilfefach: 68 Prozent der Nachhilfeschülerinnen und -schüler brauchen Unterstützung in diesem Fach. Es folgen Deutsch mit 29 Prozent und Fremdsprachen mit 22 Prozent.
Einkommen entscheidet über Bildungschancen
Nur etwa ein Fünftel der Eltern in ganz Österreich ist der Meinung, dass allein die Fähigkeiten eines Kindes über seine Bildungschancen entscheiden. In Kärnten sind die Befragten überzeugt, dass bessere Noten vor allem jenen gelingen, die mehr Geld zur Verfügung haben. Eine Mutter eines Burschen in einer AHS-Unterstufe formuliert es so: „Derzeit haben Kinder mit Eltern die ein höheres Einkommen haben auch bessere Noten, weil sie sich Unterstützung leisten können. Andere müssen aus dem Gymnasium aussteigen, weil von zuhause keine Hilfe möglich ist.“
Eine alleinerziehende, teilzeitbeschäftigte Mutter einer Mittelschülerin schreibt: „Auch wird viel auf die Eltern abgewälzt, die wie in meinem Fall aber auch arbeiten und nebenbei den Haushalt machen. Und wenn man zu wenig verdient, dann kann man sich Nachhilfe auch keine leisten.“
Konflikte und Stress in den Familien
Neben Geld investieren Eltern auch Zeit, Nerven und familiäre Ressourcen. 36 Prozent der Kärntner Eltern geben an, dass sie sich in Bezug auf Ärger und Konflikte beim Unterstützen der Kinder sehr oder ziemlich belastet fühlen. Weidlitsch betont: „Nachhilfe bzw. Lernbegleitung ist demnach nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine zeitliche und familiäre Belastung.“
AK fordert Ausbau des Chancenbonus
Goach fordert strukturelle Veränderungen: „Bildungschancen dürfen nicht vom Geldbörsel der Eltern abhängen.“ Der von den Arbeiterkammern geforderte und von der Bundesregierung umgesetzte Chancenbonus sei zwar ein wichtiger Schritt, müsse aber deutlich ausgebaut werden.
Die AK Kärnten verlangt konkret:
Ausbau des Chancenbonus: Die derzeitigen 65 Millionen Euro seien zu wenig – mittelfristig brauche es rund 400 Millionen Euro, um Schulen mit besonderen Herausforderungen ausreichend auszustatten.
Mehr Personal und Zeit für individuelle Förderung: Kinder sollen den Lernstoff in der Schule verstehen, üben und festigen können, unabhängig davon, ob die Eltern private Nachhilfe finanzieren können.
Flächendeckender Ausbau hochwertiger, beitragsfreier Ganztagsschulen: Damit alle Kinder gleiche Lernchancen haben.
Deutliche Senkung der Schulkosten: Bildung müsse für alle Familien leistbar sein, ohne dass private Nachhilfe zur finanziellen Belastung wird.
Gezielte Entlastung von Familien mit geringem Einkommen: Insbesondere armutsgefährdete Familien und Alleinerziehende bräuchten Unterstützung.
Mit AK-Lernchancen stellt die AK Kärnten Kindern aus einkommensschwachen Familien kostengünstige Unterstützung in Form von Nachhilfe, Lerncoaching und Mentoring zur Verfügung. Das Projekt Bildungswege entdecken wiederum begleitet Schülerinnen, Schüler und Eltern durch das Bildungssystem – von der Berufsorientierung bis zur individuellen Bildungsberatung. Die zugrundeliegende Studie führte das Institut IFES von Mitte März bis Mitte Mai 2026 durch; befragt wurden in Kärnten 584 Schülerinnen und Schüler sowie 406 Haushalte mit Schulkindern, ohne Berufsschulen, Akademien und Gesundheitsschulen.
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