Neue „Carmen“ in Salzburg: Zoom in die Psyche der Figuren

Mathias FischerMathias Fischer
Zwei Männer in Kostümen auf einer grünen Bühne, eine goldene Chaiselongue im Hintergrund.
© Monika Rittershaus, Salzburger Festspiele

Regisseurin Gabriela Carrizo präsentiert ihre Neuinterpretation von Bizets „Carmen“ bei den Salzburger Festspielen. Mit rund hundert Mitwirkenden will sie durch extreme Körperlichkeit und choreografische Mittel das Innenleben der Charaktere sichtbar machen.

Gabriela Carrizo, Regisseurin und Choreografin sowie Mitbegründerin des Kollektivs Peeping Tom, hat am Mittwoch Einblick in ihre Inszenierung von Georges Bizets Oper „Carmen“ gegeben. Die Produktion wird bei den Salzburger Festspielen gezeigt und soll neue visuelle und psychologische Dimensionen eröffnen. Rund hundert Mitwirkende – darunter Chöre, Sängerinnen, Sänger sowie Tänzerinnen und Tänzer – sind an der Aufführung beteiligt.

Die Tanzkompanie Peeping Tom untersuche die intime Seite von Menschen, erklärte Carrizo, die mit dieser Produktion ihr Regiedebüt bei den diesjährigen Festspielen gibt. „Wie bei Peeping Tom arbeiten wir mit einer extremen Körperlichkeit. Wir haben uns vom Kino inspirieren lassen“, sagte sie. Eine Kamera ermögliche es, Menschen näherzukommen und heranzuzoomen. „Genauso machen wir das auch in der Oper.“ Bewegung und Beleuchtung würden helfen, das Innere der Figuren besser sichtbar zu machen.

Psychologie von Carmen und Don José im Fokus

Durch das Heranzoomen nähere man sich der Psychologie von Don José und Carmen und beleuchte deren Widersprüche, so die Regisseurin. Ziel sei es, die Gemütszustände der Charaktere zu verkörpern und die Intensität der Figuren darzustellen. „Es gibt einen gewissen Drift von der Realität ins Surreale und wieder zurück“, erläuterte Carrizo. Sie suche nach der Identität und den Motiven dieser zur Mythos gewordenen Frau und nehme sowohl Carmens Perspektive als auch jene von Don José in den Fokus.

Die Bühne sei als lebendiger Körper zu verstehen, die Tänzer als Teile dieses Körpers, veranschaulichte Charlie Skuy, der an der Choreografie mitarbeitet. Der Chor, der sich ebenfalls bewege, schließe sich diesem Körpergefühl an. Die Figuren befänden sich in einem abstrakten Raum „mit einem Duft von Spanien“, der ein Gefühl von Sevilla vermittle.

Rollendebüt für Asmik Grigorian

Gemeinsam mit Asmik Grigorian, die ihr Rollendebüt in der Titelrolle gibt, versuche sie herauszufinden, wer Carmen ist, und verlasse sich dabei auf den Instinkt der Sängerin, erklärte Carrizo. Es werde nicht die bisher bekannte Rolle der Carmen zu sehen sein, und das Ende der Oper werde anders ausfallen. Teodor Currentzis, künstlerischer Leiter dieser Inszenierung, habe sie sich als Regisseurin gewünscht. Ihr gehe es um eine andere Sichtweise auf Carmen, deren Liebe größer sei als die zu einer einzelnen Person. „Sie glaubt an die Freiheit, und sie fürchtet sich nicht vor dem Tod. Ihr ist wichtiger, bei sich selbst zu bleiben. Wir wollen, dass sich das Publikum eine andere Sichtweise erlaubt.“

Don José als liebender Mensch

Jonathan Tetelman, der Don José verkörpert, gab ebenfalls Einblick in die Inszenierung. „Wir sind von der Choreografie vollkommen umgeben, haben viel Freiräume, wie wir uns bewegen“, sagte er. In der Sichtweise von Carrizo sei Don José ein liebender Mensch. „Da steckt sehr viel in mir“, denn auch er liebe seine Eltern, seine Mutter. Die Intention der Regisseurin sei, einen neuen, menschlichen Aspekt von Don José herauszuarbeiten und seinen Charakter in den Familienkontext zu stellen.

Die Oper erscheine als zeitlose Geschichte über Freiheit, Begierde und Liebe. Don José existiere auch in der heutigen Gesellschaft, gab die Regisseurin zu bedenken. Gewalt ergebe sich auch aus der Erziehung und der Gesellschaft, die einen umgibt. Wichtig sei, dass man auch Mitgefühl für Menschen wie Don José habe. Tetelman ergänzte, die Musik beschreibe die psychische Entwicklung des anfangs guten Menschen zum Mörder am Ende.

Die Premiere der Neuinszenierung findet am 26. Juli im Großen Festspielhaus statt. „Carmen“ ist die erste große Opernpremiere bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Bis 26. August sind insgesamt acht Vorstellungen geplant. Neben Asmik Grigorian und Jonathan Tetelman sind Kristina Mkhitaryan als Micaëla und Davide Luciano als Escamillo zu sehen. Mitwirkende Ensembles sind unter anderem der Utopia Choir, der Bachchor sowie der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor.

Quelle: APA

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