Neurodivergente Mitarbeiter: Wie Büros inklusiv werden

Mona HopfingerMona Hopfinger
Büro mit Arbeitsplätzen, Besprechungsnischen und Schallschutzkabine
© Mit KI (Gemini) generiert

Unternehmen entdecken das Potenzial neurodivergenter Arbeitskräfte. Doch wie müssen Arbeitsräume gestaltet sein, damit Menschen mit Autismus, ADHS oder Hochsensitivität ihre Talente voll entfalten können? Experten geben Einblick.

Immer mehr Firmen erkennen den Wert neurodivergenter Beschäftigter. Menschen mit Autismus, ADHS, Legasthenie oder Hochsensitivität bringen besondere Fähigkeiten mit – doch sie benötigen auch eine passende Arbeitsumgebung. Die Frage nach der richtigen Bürogestaltung rückt damit in den Fokus.

Die Fernsehserie „The Good Doctor“ machte das Thema Neurodiversität einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Hauptfigur, ein junger Chirurg mit Autismus und Savant-Syndrom, verkörpert das medizinische Ausnahmetalent – trotz Schwierigkeiten in Kommunikation und Emotionskompetenz.

„Autismus ist eine Identität, und als solche ist sie allgegenwärtig, färbt jedes Erlebnis, jede Empfindung, jede Wahrnehmung, einfach alles unserer eigenen Existenz“, sagt der US-amerikanische Aktivist und Buchautor Jim Sinclair. Die australische Soziologin Judy Singer prägte 1998 den Begriff der Neurodiversität und schuf damit eine Sichtweise, die nicht auf Symptome abzielt, sondern auf die Akzeptanz unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen.

15 bis 20 Prozent der Gesellschaft betroffen

„Neurodiversität ist der Oberbegriff dafür, dass wir alle im Gehirn unterschiedlich verdrahtet sind und daher auch unterschiedlich funktionieren“, erklärt die Grazer Arbeitspsychologin Julie Simstich, die eine Praxis unter dem Namen Hirnzigartig! leitet. Dazu zählen Menschen mit Dyspraxie, Dyskalkulie, Legasthenie, Hochsensitivität, ADHS, Autismus und Asperger-Syndrom.

Simstich sagt, dass neurodivergente Menschen in der Arbeitswelt unverzichtbar sind. Man schätzt, dass 15 bis 20 Prozent der Menschen neurodivergent sind. Das ist deutlich mehr als die österreichische Arbeitslosenquote. Diese Menschen arbeiten schon lange in Unternehmen. Offen ist nur, wie gut man ihre Bedürfnisse beachtet und ihre Talente sichtbar macht.
Viele Studien und Erfahrungen bekannter Unternehmen zeigen: Neurodivergente Menschen sind gut darin, Probleme zu lösen. Sie denken abseits gewohnter Muster und erkennen sehr komplexe Zusammenhänge. Deshalb arbeiten viele von ihnen in der Programmierung. Der IT-Consultant Auticon bietet seit 2009 Trainings zur Neuroinklusion an. Der Software-Entwickler SAP startete 2013 ein eigenes Autism at Work Program. Der Tech-Konzern DELL führte 2018 eine neue Employee Experience ein, um neurodivergente Menschen zu gewinnen.

Ruhe, neutrale Farben und schallschluckende Oberflächen

„Die meisten Menschen in einem neurodivergenten Spektrum brauchen Ruhe und tolerieren weder Ablenkung noch Orientierungslosigkeit“, so Simstich. Sie empfiehlt Räume mit ruhigen Farben, neutralen Mustern, warmen Lichtquellen, geringen Geruchsemissionen und schallschluckenden Oberflächen. Für gute Konzentrationsfähigkeit brauche es Telefonzellen, Flüsterkabinen und Escape-Räume. Manchmal helfe auch schon ein Egg Chair zum kurzen Rückzug.

Im Grunde gehe es um eine gute und gesunde Arbeitsplatzgestaltung, die allen zugutekomme, meint die Arbeitspsychologin. Der einzige Unterschied: Neurodivergente Menschen leiden stärker, wenn gewisse Qualitätsstandards nicht erfüllt sind. Sie seien wertvolle Seismografen, die schnell Auskunft darüber erteilen, ob ein Arbeitsraum gut gestaltet ist.

Bernhard Kern, CEO der Roomware Consulting GmbH, gibt zu bedenken, dass inklusive Büroarchitektur nicht bedeute, dass jeder Raum gleich still, gleich hell und gleich fad ausschauen müsse. Ein inklusives Büro beinhalte viele unterschiedliche Stimmungen und Atmosphären – ruhig und ablenkungsarm für die einen, inspirierend und energetisierend für die anderen. Sein Fazit: „Im Zweifelsfall lieber etwas weniger Durchschnitts-Beige und stattdessen mehr Vielfalt und abwechslungsreiche Workplaces!“

Keine Pauschalisierung möglich

Der deutsche Futurologe Max Thinius, der im Auftrag der University of Technology in Nürnberg zum Spannungsfeld von Neurodiversität und digitalen Arbeitswelten forscht, warnt davor, die heterogenen Ansprüche neurodivergenter Menschen zu pauschalisieren. Die einen brauchen eine stille Umgebung, die anderen einen Bildschirm mit hohen Frequenzen, wiederum andere sehnen sich nach einer Arbeitsumgebung mit vielen Sinnesreizen und lebendigen Hintergrundgeräuschen. „Niemand ist Standard!“

Wie ein Büro aussehen kann, in dem alle zusammenarbeiten, zeigt das MAM Competence Center in Großhöflein im Burgenland. Es war für den Österreichischen Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit nominiert. Das Gebäude ist 4.500 Quadratmeter groß und dient als Büro und Labor der MAM Health & Innovation GmbH, die Babyartikel entwickelt. Es besteht aus drei runden, zylinderförmigen Bauten. Darin gibt es hochwertig gestaltete Räume zum Ausruhen und für Bewegung.
„Wichtig war uns, dass jeder Arbeitsplatz eine gewisse Intimität hat und dass man im Sitzen nie mehr als sechs Meter und im Herumgehen nie mehr als 30 Meter auf einmal überblickt”, sagt Martin Lesjak, Partner im zuständigen Architekturbüro INNOCAD. Weitere Sichtweiten seien psychologisch unangenehm. Bei vielen Menschen lösen sie räumlichen Stress aus. Auch das Muster der Teppichböden soll Stress abbauen. Die NASA nutzt solche Prinzipien seit vielen Jahrzehnten. Die Ornamente zeigen Fraktalmuster, die optisch beruhigen.
Mitarbeiter mit Inselbegabungen brauchen ein Umfeld, das inklusiv, respektvoll und unterstützend ist. Nur so können sie ihre Supertalente voll entfalten. Das nützt nicht nur ihnen selbst. Am Ende profitiert auch das Unternehmen, und zwar durch mehr Resilienz, höhere Produktivität und mehr Innovation.

Quelle: https://www.wiesner-hager.com/de/ueber-uns/magazin-und-blog/buerokonzepte/ein-schreibtisch-fuers-supertalent

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