Neustart im Sozialbereich: Drei Quereinsteiger erzählen

Mona HopfingerMona Hopfinger
Mann geht auf Steinweg, Schatzkiste mit Büchern, Kompass, Schraubenschlüssel, Haus auf Waage, Wasserfontäne mit Buch und Pflanze
© Mit KI (Gemini) generiert

Am Campus:Inklusiv in Feldkirchen ermöglicht die Diakonie de La Tour seit zehn Jahren berufsbegleitende Ausbildungen im Sozialbereich. Drei Studierende berichten, warum sie nach jahrelanger Tätigkeit in anderen Berufen den Schritt in die Sozialpädagogik gewagt haben.

Noch einmal von vorne beginnen, sich weiterbilden und den beruflichen Pfad ändern – für viele Erwachsene erscheint das zunächst als große Herausforderung. Doch die Erlebnisse von drei Menschen, die derzeit eine Ausbildung zur Sozialpädagogin bzw. zum Sozialpädagogen absolvieren, zeigen: Der Schritt lohnt sich.

Eva-Maria Diemling (55) arbeitet bereits seit über 30 Jahren im Sozialbereich. Dennoch entschied sie sich für eine berufsbegleitende Ausbildung. „Es war mir wichtig, mich weiterzubilden“, erklärt sie. „Ich sag immer, ich habe einen Werkzeugkoffer für meine Arbeit. Und da gibt es halt Werkzeug, das nutzt sich ab und dann braucht man halt ein neues. Und Werkzeug entwickelt sich ja auch weiter.“ Weiterbildung bedeute für sie, fachlich aktuell zu bleiben und die eigene Erfahrung neu zu ordnen.

Stefanie Rauter (41) ist in einer Reha-Einrichtung für psychische Erkrankungen tätig, wo sie die Lernbegleitung der Kinder von Patientinnen und Patienten übernimmt. Während ihrer Arbeit merkte sie, dass sie mehr wissen wollte. „Ich habe während dem Arbeiten gemerkt: Ich will mehr. Ich will mehr wissen“, schildert sie. Besonders eine Kollegin mit Sozialpädagogik-Ausbildung habe sie beeindruckt. „Ich habe mir gedacht, das möchte ich auch alles können. Ich möchte wissen, warum Kinder handeln wie sie handeln und die Hintergründe verstehen“, beschreibt sie ihre Motivation. Vor drei Jahren startete sie am Kolleg für Sozialpädagogik.

Milan Rasinger (49) arbeitete neun Jahre lang als Masseur. Nach einem komplizierten Handgelenksbruch konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Der Wunsch, mit Menschen zu arbeiten, blieb jedoch bestehen. „Durch meinen früheren Beruf hatte ich ja immer schon den Hintergrund, Menschen zu helfen“, erzählt er. Heute möchte er Kindern und Jugendlichen Perspektiven geben: „Ich möchte dabei helfen, Kindern und Jugendlichen, die keine rosige Vergangenheit oder Gegenwart haben, wenigstens eine bessere Zukunft zu ermöglichen.“

Lernen neben Beruf und Familie

Die Rückkehr in eine Ausbildung stellt hohe Anforderungen. Beruf, Familie und Alltag müssen koordiniert werden. Stefanie Rauter bringt es offen auf den Punkt: „Wenn man arbeitet und Kinder hat, dann ist der Tag halt nicht so da zum Lernen. Früher konnte ich gut in der Nacht lernen, das fällt einem jetzt schon schwerer, aber es geht.“ Ohne die Unterstützung ihrer Familie, besonders ihrer vier Kinder, wäre der Weg nicht möglich gewesen. Zugleich empfindet sie die Ausbildung als persönliche Bereicherung: „Alleine die Haltung ist ganz anders als vor drei Jahren. Weil man vieles neu erkennt und vieles auch anders versteht.“

Auch Milan Rasinger musste sich erst wieder ans Lernen gewöhnen. „Acht Stunden aktiv zuhören und sitzen bleiben, das bist du nicht mehr gewohnt“, sagt er. Gleichzeitig sieht er im Erwachsenenalter einen Vorteil: „Du hast einen gewissen Fokus, du hast ein Ziel vor Augen und du weißt, das muss ich jetzt erreichen.“

Eva-Maria Diemling gibt zu: „Es ist mir nicht leicht gefallen am Anfang.“ Doch sie blieb dran. Heute sagt sie: „Man kann schon ein bisschen stolz sein, weil in unserem Alter ist das Lernen schon nicht mehr so einfach. Und wenn mir früher in der Schule die Noten auch egal waren, jetzt ist mir ein gutes Zeugnis schon sehr wichtig.“ Die Mutter zweier erwachsener Söhne ist froh, die Matura bereits mitgebracht zu haben.

Für Studierende ohne Matura besteht am Campus:Inklusiv dank einer Kooperation mit der VHS die Möglichkeit, die Abendmatura parallel zu absolvieren. Das bedeutet einen zusätzlichen Abend pro Woche Unterricht. Diese Option nutzt auch Milan Rasinger: „Dass ich die Matura nebenbei mitmachen kann, war mit ein Grund, warum ich mich für die Ausbildung hier entschieden habe. Ich war doch schon in ganz Österreich unterwegs und ich glaube, diese Möglichkeit wird sonst kaum irgendwo angeboten.“

Vielfalt als Bereicherung

In der Ausbildung treffen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen aufeinander: Jüngere und Ältere, Berufsneueinsteigerinnen und Quereinsteiger, Menschen mit und ohne Familien, mit verschiedenen Erfahrungen und Zielen.

Genau darin sieht Eva-Maria Diemling eine Stärke: „Es geht ja auch um die Lebenserfahrung, nicht nur um die Berufserfahrung.“ Jüngere würden andere Sichtweisen und neue Dynamik mitbringen, Ältere wiederum Erfahrung und Reflexion.

Milan Rasinger fasst zusammen: „Man lernt gegenseitig voneinander — über Werte, Haltungen, Jugendsprache, Lebenswelten und neue Perspektiven.“

Praxis als zentraler Bestandteil

Ein wesentlicher Teil der Ausbildungen am Campus:Inklusiv ist die Praxis. Sie hilft, neue Bereiche kennenzulernen, eigene Stärken zu entdecken und herauszufinden, wohin der berufliche Weg führen soll.

Die Praktika seien ein essenzieller Teil der Ausbildung, erzählt Milan Rasinger: „Ich habe die Praktika als Möglichkeit gesehen zu schauen, was ich will und was ich nicht will.“ Diese Reflexion sei wertvoll, weil sie den Blick auf den späteren Beruf schärfe.

„Ich finde das wichtig und toll, dass man ein Fremdpraktikum machen muss“, sagt auch Eva-Maria Diemling, obwohl sie bereits lange im Sozialbereich tätig ist. So sei es möglich, auch nach vielen Jahren im Beruf noch etwas völlig Neues auszuprobieren.

„Trau dich“ – Rat an Unentschlossene

Was würden die drei jemandem raten, der über eine berufliche Neuorientierung nachdenkt, den Schritt aber noch nicht gewagt hat?

„Man sollte sich einfach trauen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Und mutig sein, man muss oft einfach mutig sein, egal, wie alt man ist.“

Das ist der Rat von Stefanie Rauter.

Milan Rasinger formuliert es so: „Ich würde immer ins kalte Wasser springen und neu anfangen. Weil weiter geht es immer irgendwie.“ Sein Rat: „Komm ins Tun, komm ins Gehen, dann kommt die Kraft von alleine.“

Die drei Geschichten zeigen: Berufliche Wege müssen nicht geradlinig verlaufen. Umsatteln, dazulernen, neue Ziele verfolgen – all das ist möglich, auch noch später im Leben.

Gute Jobaussichten nach Abschluss

Offene Stellen gibt es genug – das betont Nathalie Genser, Fachvorständin am Kolleg für Sozialpädagogik, mit Blick auf die Absolventinnen und Absolventen. „Es gibt eine ganz große Nachfrage vom Arbeitsmarkt, weil ja auch die Einsatzgebiete unserer Absolvent:innen so breit gesteckt sind: von der schulischen Nachmittagsbetreuung über die mobile Kinder- und Jugendhilfe bis hin zum stationären Bereich“, erklärt sie. Ab etwa der Hälfte der Ausbildung seien bereits alle vom Arbeitsmarkt aufgenommen. „Wir legen in der Ausbildung ganz großen Wert auf einen hohen Praxisbezug, das wissen die künftigen Arbeitgeber. Wissen, Können und Haltung zu vereinen, das ist es, was unsere Teilnehmer:innen hier von der Ausbildung mitnehmen.“

Das Kolleg für Sozialpädagogik bietet eine sechssemestrige, berufsbegleitende Ausbildung, die mit dem Diplom als Sozialpädagogin bzw. Sozialpädagoge abschließt. Aufgabengebiete von Absolventinnen und Absolventen sind unter anderem sozialpädagogische Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, Familienintensivbetreuung, Kinder- und Jugendhilfe oder sozialpädagogische Betreuung in ganztägigen Schulformen.

Quelle: https://www.diakonie.at/news-stories/story/berufliche-neuorientierung-man-muss-oft-einfach-mutig-sein

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