Nickel-Dönicke startet mit Brecht-Inszenierung in St. Pölten

Patricia Nickel-Dönicke eröffnet am Samstag ihre Intendanz am Landestheater Niederösterreich mit Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Elf Regisseure und das gesamte Ensemble wirken an der außergewöhnlichen Premiere mit.
Die neue Theaterchefin des Landestheaters Niederösterreich beginnt ihre Amtszeit mit einem besonderen Konzept: Nach einem Theaterfest ab 14 Uhr folgt am Abend die Premiere von Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Alle elf Ensemblemitglieder stehen auf der Bühne, während elf Regisseure gemeinsam an der Inszenierung gearbeitet haben. Dass das Stück zuletzt an Brisanz gewonnen hat, bereitet Patricia Nickel-Dönicke keine Freude.
Bezug zu Österreich und Ostdeutschland
Die Entscheidung für das Stück fiel bereits vor anderthalb Jahren und habe auch viel mit der österreichischen politischen Situation zu tun, erklärte die Intendantin gegenüber der APA. Als ehemalige DDR-Bürgerin empfinde sie Scham angesichts der Entwicklungen in Mecklenburg und Thüringen. Die Glatzen der 90er-Jahre in ihrem Heimatbundesland Brandenburg seien ihr noch sehr präsent. Plötzlich sehe sie diese auch durch Sankt Pölten laufen, was ihr Angst mache.
Vieles sei ein Phänomen des Ostens, wo die Wendeverlierermentalität stark ausgeprägt sei, so Nickel-Dönicke. Der extrem schnelle Systemumtausch habe bis heute Auswirkungen. Zudem gebe es wie überall Menschen, die einfache Antworten auf komplexe Fragen suchten und Sündenböcke benötigten.
Freie Stückauswahl trotz FPÖ in Landesregierung
Die FPÖ ist in Niederösterreich in der Landesregierung vertreten. In ihrer anderthalbjährigen Vorbereitung sei sie aber völlig frei gewesen in der Stückauswahl und Ensemble-Zusammenstellung, betonte die Theaterchefin. Natürlich gebe es Menschen, die zählten, wie viele Österreicher im Ensemble seien oder wie viele österreichische Stücke gespielt würden – das habe sie aber darauf geschoben, dass sie Deutsche sei. Sie sei bisher sehr offen und freundlich aufgenommen worden.
Elf Regisseure für ein Stück
Das Eröffnungsstück ist nicht nur eine politische, sondern auch eine theaterästhetische Ansage. Die elf Regisseure und Regisseurinnen, die im Lauf der Saison auch noch jeweils eine eigene Produktion erarbeiten werden, haben sich bestimmte Szenen herausgesucht. Diese werden nun gemeinsam mit Übergängen zu einem circa zweieinhalbstündigen Theaterabend zusammengesetzt. Es sei gut, dass die Schwere des Anfangs nicht auf einer einzigen Regieschulter liege, so Nickel-Dönicke.
Mitglieder des früheren Bürger*innentheaters sind nun Teil des Stadtensembles und werden im Stück als „die stille Mitte“ bezeichnet – also jene Leute, die nur hinter der Gardine aus dem Fenster schauen und sagen: „Ich kann ja eh nichts tun.“
Ensemble von neun auf elf aufgestockt
Der Intendantin ist eine Aufstockung des Ensembles von neun auf elf Spieler gelungen, in der nächsten Spielzeit eventuell sogar auf zwölf. Von den bisherigen Ensemblemitgliedern blieben nur drei: Caroline Baas, Bettina Kerl und Michael Scherff. Zwei Spieler, Emma Bahlmann und Felix Thewanger, brachte sie aus Kassel mit. Bei zwei großen Vorsprechen wurden rund 40 Leute gesichtet. Verstärkung kommt auch durch eine Kooperation mit dem Mozarteum in Salzburg.
Begeisterung für Sankt Pölten
Überrascht habe sie, dass manche Menschen in Sankt Pölten ihre eigene Stadt schlechter machten, als sie sei, erzählte Nickel-Dönicke. Sie finde, es sei eine total bezaubernde Stadt, die alles habe, was man brauche – von einer Eissporthalle über ein super Frauenfußball-Team bis zu tollen Parks. Sie könne quasi von dort, wo sie wohne, direkt in die Traisen zum Schwimmen springen. Mit dem Zug sei man auch wirklich schnell in Wien, wenn man abends etwas unternehmen wolle.
Ihre 14-jährige Tochter habe gerade ihren ersten Schultag am BORG gehabt und sei absolut hellauf begeistert. Sie sei in einer Klasse mit 19 Kindern und habe von ihrer internationalen Clique erzählt – mit einer Thailänderin, einem Kind aus Mazedonien, einem aus Syrien, einem aus Amerika und ihr als Deutsche. Sie finde es großartig, so kosmopolitisch.
Die Premiere von „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ findet am Samstag, 19. September, um 19.30 Uhr statt. Nächste Aufführungen sind am 25. September und 10. Oktober.
Quelle: APA
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