Offener Umgang mit Unsicherheit stärkt Wissenschaft

Pia ProdingerPia Prodinger
Wissenschaftlicher Prozess und Unsicherheiten mit Lupe und Zahnrädern dargestellt
© Mit KI (Gemini) generiert

Die Fähigkeit zur Selbstkorrektur macht Forschung aus, betont ÖAW-Wissenschaftler Andreas Scheu. Eine Überblicksstudie zeigt: Wer Zweifel transparent kommuniziert, erhöht die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Von der Wissenschaft werden häufig eindeutige Antworten erwartet. Dass dies in vielen Fällen nicht möglich ist, wurde spätestens während der Coronapandemie deutlich. Andreas Scheu von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) betont, dass sich Wissenschaft gerade durch ihren selbstkritischen und transparenten Umgang mit Unsicherheiten von anderen Formen des Wissens unterscheidet. Gemeinsam mit einem Kollegen untersuchte er in einer Überblicksstudie, welche Gründe für eine offene Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheiten sprechen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln sich laufend weiter. Offen mit Zweifeln und noch ungeklärten Fragen umzugehen, sei daher kein Mangel, sondern ein grundlegendes Merkmal wissenschaftlicher Arbeit, so Scheu, der an der ÖAW und der Universität Klagenfurt forscht. Wer Unsicherheit als Schwäche darstelle, verkehre eine wesentliche Stärke der Wissenschaft ins Gegenteil. Forschung sei ein fortlaufender Prozess der Überprüfung und Korrektur, weshalb eine entsprechende Vermittlung nach außen besonders wichtig sei.

Unsicherheiten in öffentlichen Debatten

Wie die Diskussionen rund um Covid-19 gezeigt hätten, würden uneindeutige Forschungsergebnisse in polarisierten Debatten häufig von verschiedenen Interessengruppen aufgegriffen und für eigene Argumentationen genutzt. Dabei seien Übertreibungen weder in die eine noch in die andere Richtung hilfreich.

Als Beispiel nennt Scheu die Klimaforschung. Obwohl hier ein breiter wissenschaftlicher Konsens und zahlreiche belastbare Analysen vorlägen, komme es in der öffentlichen Diskussion immer wieder zu einer Überzeichnung wissenschaftlicher Sicherheit. Dies könne problematisch sein, weil dadurch Angriffsflächen für Gegenpositionen entstünden.

Offenheit erhöht die Glaubwürdigkeit

Eine transparente Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheiten stärkt nach Ansicht der Forscher in der Regel die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse. Zu diesem Schluss kommen Andreas Scheu und Christian Schuster von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in einer im Fachjournal „Risk Analysis“ veröffentlichten Studie.

Grundlage der Arbeit war ein Bericht, den die beiden bereits 2023 für die deutsche Initiative „Transfer Unit Wissenschaftskommunikation“ erstellt hatten. Für ihre Analyse werteten sie 24 internationale Studien aus den Jahren 1995 bis Ende 2022 aus, darunter elf aus Europa und neun aus Nordamerika. Die Ergebnisse zeigen, dass positive und neutrale Auswirkungen transparenter Unsicherheitskommunikation deutlich häufiger festgestellt wurden als negative Effekte. Werden Forschungsergebnisse hingegen dauerhaft als völlig gesichert dargestellt, könne dies langfristig Misstrauen fördern.

Zusätzliche Unterstützung erhalten diese Erkenntnisse durch eine aktuelle Untersuchung rund um die Erstautorin Claire Roney von der Universität Wien. Die Studie befasste sich mit den Gründen, warum Forschende Unsicherheiten oftmals nicht offen ansprechen. Nach Ansicht von Scheu und Schuster zeigen die Ergebnisse jedoch, dass viele Menschen eine reflektierte und vorsichtige Sprache durchaus schätzen. Entscheidend sei, Unsicherheiten verständlich einzuordnen.

Drei Formen wissenschaftlicher Unsicherheit

Die Forschenden unterscheiden drei Arten von Unsicherheit: Erkenntnisunsicherheit, methodische Unsicherheit und Konsensunsicherheit. Erkenntnisunsicherheit begleite jede Form von Wissen, erklärt Scheu. Auch methodische Unsicherheiten seien ein fester Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit und würden häufig als Ansatzpunkt genutzt, um Zweifel an Forschungsergebnissen zu säen.

Besonders herausfordernd seien Konsensunsicherheiten. Sie treten etwa auf, wenn unterschiedliche Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen gelangen. Problematisch seien jedoch auch künstlich erzeugte Zweifel, bei denen einzelne konträre Stimmen überproportional viel Aufmerksamkeit erhalten und dadurch der Eindruck eines größeren wissenschaftlichen Dissenses entsteht, als tatsächlich vorhanden ist.

Wissenschaftsvertrauen in Österreich

Die häufig geäußerte Ansicht, in Österreich herrsche im internationalen Vergleich besonders viel Skepsis gegenüber Wissenschaft, teilt Scheu nicht. Er verweist auf die Ergebnisse des jährlichen ÖAW-Wissenschaftsbarometers, die ein grundsätzlich hohes Vertrauen in die Wissenschaft zeigen. Gleichzeitig gebe es eine kleinere, aber stabile Bevölkerungsgruppe, die wissenschaftlichen Erkenntnissen skeptisch bis misstrauisch gegenüberstehe.

Kritisch sieht Scheu zudem internationale Vergleiche von Vertrauenswerten. Zwar könnten Erhebungen wie das EU-Eurobarometer Entwicklungen über längere Zeiträume sichtbar machen, dennoch seien solche Vergleiche methodisch oft schwierig. Vertrauenswerte verschiedener Länder ließen sich nicht einfach wie Platzierungen in einer Rangliste gegenüberstellen.

Hohe Zustimmungswerte seien zudem nicht automatisch Ausdruck besonders günstiger gesellschaftlicher Bedingungen. Sie könnten auch dort auftreten, wo das Vertrauen in politische Institutionen gering ist und Wissenschaft stärker als Korrektiv wahrgenommen wird. Entscheidend sei daher nicht ein möglichst hohes, sondern ein informiertes und kritisches Vertrauen in die Wissenschaft.

Die Studie ist im Journal „Risk Analysis“ erschienen: https://doi.org/10.1111/risa.70233

Quelle: APA

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