OMV kann Kerosin-Produktion nur begrenzt steigern

Mathias FischerMathias Fischer
Rohölraffinerie mit Darstellung von Transportwegen nach Triest, Libyen, Saudi-Arabien, Kasachstan
© Mit KI (Gemini) generiert

Die Raffinerie Schwechat kann ihre Produktion nur im einstelligen Prozentbereich von Diesel auf Kerosin verschieben. Chemische und physikalische Grenzen setzen der Flexibilität enge Rahmen, wie aus einer aktuellen Analyse hervorgeht.

In der Diskussion über mögliche Treibstoffengpässe steht die OMV-Raffinerie in Schwechat im Mittelpunkt. Die Möglichkeiten des Konzerns, auf globale Marktverwerfungen zu reagieren, sind durch die Herkunft des Rohöls, die verwendeten Ölsorten, die technische Ausstattung sowie chemische und physikalische Grenzen bestimmt. Der Spielraum für eine Verschiebung der Ausbeute von Diesel hin zum wirtschaftlich attraktiveren Kerosin bewegt sich lediglich im einstelligen Prozentbereich.

Technische Grenzen der Raffinerie

Aus einem Standard-Barrel Rohöl mit 159 Litern entsteht durch Destillation und Weiterverarbeitung ein Spektrum verschiedener Produkte. Die Ausbeute an Ottokraftstoff, Diesel, leichtem Heizöl und Kerosin hängt von der Qualität des Rohöls, der Konfiguration der Raffinerie und deren Fahrweise ab.

Ein kurzfristiger Komplettumstieg oder eine starke Verlagerung auf Kerosin-Produktion ist physikalisch und verfahrenstechnisch ausgeschlossen. Moderne Raffinerien können die Ausbeute jedoch in begrenztem Umfang verschieben. Durch Anpassung von Destillations-Schnittpunkten oder im Hydrocracker lässt sich der Anteil einzelner Endprodukte innerhalb begrenzter Korridore verändern. Der konkrete Spielraum hängt vom Rohölmix, der Anlagenkonfiguration, den Produktspezifikationen und der Marktlage ab.

Kerosin liegt zwischen Benzin und Diesel

Bei der Ausbeuteverschiebung sind die chemischen Eigenschaften und die physikalische Nachbarschaft der Stoffe entscheidend. Kerosin liegt bei der Destillation vom Siedebereich her zwischen dem leichteren Rohbenzin (Naphtha) und dem schwereren Gasöl (Diesel). Will eine Raffinerie mehr Kerosin erzeugen, kann sie Teile der schwereren Naphtha-Fraktionen sowie der leichteren Diesel-Fraktionen in den Kerosinstrom umleiten. Verfahrenstechnisch handelt es sich um einen Trade-off: Jeder zusätzlich erzeugte Liter Kerosin fehlt tendenziell im Diesel- oder Naphthapool.

Die Verschiebung zu Kerosin steht in der Praxis besonders stark in Konkurrenz zu Diesel. Flugtreibstoff muss aus Sicherheitsgründen einen definierten Flammpunkt haben. Würde die Raffinerie zu viele leichte Naphtha- beziehungsweise Benzin-Anteile in das Kerosin mischen, würde dessen Flammpunkt sinken und der Treibstoff wäre für den Flugbetrieb ungeeignet. Auch darf nicht beliebig viel Diesel beziehungsweise schwereres Gasöl beigemischt werden, da sonst die Tieftemperatur-Eigenschaften leiden und der Gefrierpunkt steigt.

Für den weltweit üblichen Flugturbinenkraftstoff Jet A-1 nennen Shell und ExxonMobil einen Mindest-Flammpunkt von 38 Grad Celsius und einen maximalen Gefrierpunkt von minus 47 Grad. Der niedrige Gefrierpunkt ist wichtig, weil Flugzeuge in großer Höhe sehr kalten Temperaturen ausgesetzt sind. Der Mindest-Flammpunkt ist wichtig, damit der Kraftstoff am Boden und beim Handling nicht zu leicht entzündlich ist.

Produktionszahlen aus Schwechat

In der OMV-Raffinerie Schwechat wurden im Jahr 2024 konkret 37 Prozent Dieselkraftstoffe, 22 Prozent Benzin und 11 Prozent Flugturbinenkraftstoff aus dem verarbeiteten Öl erzeugt.

Ob und wie genau sich diese Produktion im Zuge der jüngsten Krisen verschoben hat, legt die OMV jedoch nicht offen. Das genaue Ausmaß der Flexibilität bei der Ausbeute gilt als Betriebs- und Wettbewerbsgeheimnis. Würde der Konzern exakte, krisenbezogene Produktionszahlen und Fahrweisen einzelner Anlagen nennen, könnten Konkurrenten und Abnehmer Rückschlüsse auf Kostenstrukturen, Optimierungsspielräume und Verhandlungspositionen ziehen.

Weil möglicherweise gedrosselte Dieselmengen in Krisenzeiten auch politischen Zündstoff bergen, wehrt sich die OMV dagegen, jüngste Aussagen von OMV-Chef Alfred Stern dahingehend zu interpretieren, dass sie die Produktion von Diesel hin zu Kerosin verschoben habe. Lieber spricht man unkonkret von Anpassungen, wobei man die Produktion von Diesel und Kerosin maximiert habe.

Kerosin wirtschaftlich attraktiver

Unbestritten ist, dass eine Mehrproduktion von Kerosin für die OMV wirtschaftlich attraktiver wurde. Infolge des Iran-Krieges stiegen die Kerosinpreise auf dem Weltmarkt deutlich. Gleichzeitig griff die Bundesregierung in Österreich mit der Spritpreisbremse regulatorisch in die Preis- beziehungsweise Margenbildung bei Diesel und Benzin ein. Weil diese Maßnahme nur Diesel und Benzin betraf, wurde es für das Unternehmen relativ lukrativer, den Kerosin-Anteil innerhalb der relativ engen technischen und physikalischen Grenzen stärker auszuschöpfen.

Laut ihrem am Donnerstag veröffentlichten Trading Update für das zweite Quartal geht die OMV von einer deutlichen Ergebnisverbesserung im Geschäftsbereich Fuels aus. Die Raffinerie-Referenzmarge in Europa sprang von 13,88 auf 20,33 Dollar je Barrel, die Auslastung stieg von 87 auf 90 Prozent. Als Gründe für das bessere Ergebnis werden unter anderem ein vorteilhafterer Produktionsmix und die höhere Auslastung genannt.

Unterschiedliche Rohölqualitäten

Rohöl ist kein homogener Stoff und variiert je nach Lagerstätte erheblich. In der Industrie wird es primär nach seinem Schwefelgehalt klassifiziert und nach seiner Dichte, gemessen als API-Schwere.

Venezuela besitzt zwar noch vor Saudi-Arabien die nominell größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt, doch der Löwenanteil davon besteht aus extra-schwerem Rohöl mit hohem Schwefelgehalt. Dieses Öl unterscheidet sich massiv von dem leicht fließenden, süßen Öl im Nahen Osten.

Leichtes Rohöl ist dünnflüssig und liefert mit relativ geringem thermischen Aufwand hochwertige, leichte Kraftstoffe wie Benzin. Mittelschweres und vor allem schweres Rohöl ist hingegen hochviskos und erfordert aufwändige und teure Spaltverfahren. Dabei werden lange, schwere Kohlenwasserstoffketten unter Hitze in kurze, leichte Moleküle wie Benzin oder Diesel zerbrochen, um nutzbare Endprodukte zu gewinnen. Die Raffinerie Schwechat ist verfahrenstechnisch auf einen ausgewogenen Mix aus leichten, schwefelarmen und mittelschweren Ölsorten angewiesen, weil ein ausschließlicher Betrieb mit schweren Sorten an Kapazitätsgrenzen der Konversionsanlagen stoßen würde.

Kasachstan als Hauptlieferant

Um den Bedarf zu decken, importiert Österreich rund 94 Prozent seines verarbeiteten Rohöls, während die inländische Produktion 2024 lediglich rund 0,48 Millionen Tonnen betrug. Insgesamt beliefen sich die Rohölimporte im Jahr 2024 auf 7,67 Millionen Tonnen. Hauptlieferant ist Kasachstan mit einem Anteil von knapp 56 Prozent (4,28 Millionen Tonnen). Mit großem Abstand folgen Libyen (13,8 Prozent) und Saudi-Arabien (12,1 Prozent). Das importierte Öl wird auf dem Seeweg in den italienischen Hafen Triest geliefert. Von dort wird es über die Transalpine Ölleitung (TAL) und schließlich über die Adria-Wien-Pipeline (AWP) direkt in die Raffinerie nach Schwechat gepumpt.

Die Raffinerie Schwechat hat eine maximale Verarbeitungskapazität von rund 9,6 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Im Jahr 2024 verarbeitete die OMV dort 8,1 Millionen Tonnen Rohöl und stellte daraus 6,9 Millionen Tonnen Mineralölprodukte für den Inlandsmarkt und für den Export her. Mineralölprodukte aus heimischer Raffinerieproduktion deckten 2024 mehr als 55 Prozent des österreichischen Bedarfs, der Rest wurde durch Importe ergänzt.

Die Raffinerie versorgt nicht nur den Flughafen Wien über eine direkte Pipeline mit Kerosin, sondern erzeugt auch petrochemische Grundstoffe wie Ethylen, Propylen und Butadien, die in der Anlage unter anderem aus der Naphtha-Fraktion gewonnen werden. Im Jahr 2024 entfielen 15 Prozent der Produktion in Schwechat auf solche Grundstoffe. Die Raffinerie ist eng mit der angrenzenden Kunststoffproduktion verbunden – ehemals Borealis, die durch eine strategische Neuaufstellung 2026 gemeinsam mit Borouge und Nova Chemicals in das neue internationale Unternehmen Borouge International eingebracht wurde.

Quelle: APA

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