Overtourism: Expertin fordert frühzeitiges Handeln

Eine Tourismusforscherin am IMC Krems warnt davor, Belastungsgrenzen von Destinationen zu spät zu erkennen. Statt auf Besucherzahlen zu setzen, brauche es einen Bewusstseinswandel in der Branche.
Kurz vor dem Welttourismustag am 27. September steht die Branche vor einer zentralen Frage: Wie kann Tourismus wirtschaftlich erfolgreich sein und gleichzeitig Lebensqualität, Natur und regionale Ressourcen schützen? Diese Balance war Thema der ORF-Sendung „Ein Ort am Wort“ am 24. September in Dürnstein. Unter dem Titel „Wie viel ist zu viel? Diskussion um Touristenströme“ diskutierten Fachleute über die Belastungsgrenzen stark besuchter Destinationen.
Mit dabei war Alice Wanner, Professorin für Tourismusmanagement am IMC Krems und Expertin für nachhaltige und regenerative Tourismusplanung. Sie forscht zur Frage, wie Destinationen zukunftsfähig entwickelt werden können.
Keine universelle Kennzahl für Overtourism
Die Frage „Wie viel ist zu viel?“ lasse sich aus wissenschaftlicher Sicht nicht mit einer einzigen Zahl beantworten, erklärt Wanner. „Es gibt keine universelle Kennzahl, die Overtourism definiert“, so die Forscherin. Entscheidend sei vielmehr, wann die Belastungsgrenzen eines Ortes erreicht sind.
Im Zentrum stehen zwei Perspektiven: Wie stark wird die Lebensqualität der Bevölkerung beeinträchtigt – und wie sehr leidet das Besuchererlebnis? In sensiblen Naturregionen kommt die touristische Tragfähigkeit hinzu: Wie viele Menschen kann ein Ort aufnehmen, ohne Natur, Kultur oder Erlebnisqualität nachhaltig zu beeinträchtigen?
Die konkrete Grenze ist von Destination zu Destination unterschiedlich. Besucherströme lassen sich zwar messen und teilweise vorhersagen – häufig wird ihre Wirkung jedoch erst erkannt, wenn die Belastungsgrenze bereits erreicht ist. „Der Schlüssel liegt darin, Mut zu haben, die Grenzen zu erkennen, bevor sie überschritten werden“, sagt Wanner. Destinationen müssten früher und strategischer handeln.
Dürnstein hat bereits Maßnahmen gesetzt, um Besucherströme räumlich und zeitlich zu verteilen, unter anderem durch eine Reduktion der Schiffsanlegungen. Das seien wichtige Schritte. Entscheidend sei jedoch, darauf zu achten, dass eine Verlagerung der Gäste nicht lediglich die Belastung an einen anderen Ort verschiebt.
Besucherströme aktiv lenken
Für die Steuerung von Besucherströmen gibt es unterschiedliche Instrumente – von Besucherobergrenzen und Gebührenmodellen bis hin zu subtileren Methoden wie Nudging. Dabei wird die Umgebung so gestaltet, dass Gäste möglichst selbstverständlich gewünschte Wege oder Verhaltensweisen wählen. Alternative Routen, intelligente Beschilderung oder Echtzeitinformationen über die Auslastung können dazu beitragen, Stoßzeiten und Hotspots zu entzerren.
Langfristig braucht es laut Wanner jedoch auch einen Bewusstseinswandel: Nicht immer müsse das bekannteste Ziel angesteuert werden. „Oft gibt es naheliegende und attraktive Alternativen, die genauso glücklich machen können wie das erste Ziel“, so Wanner.
Damit stellt sich auch die Frage, wie touristischer Erfolg künftig definiert wird. Nicht möglichst viele Gäste sollten das alleinige Ziel sein. Vielmehr müsse stärker darauf geachtet werden, welchen Beitrag Tourismus zur Region, zur Lebensqualität der Bevölkerung und zum Erhalt von Natur und Kultur leistet.
Regenerativer Tourismus als nächster Schritt
Gerade im ländlichen Raum können die Folgen hoher Besucherzahlen rasch spürbar werden. Für Wanner liegt der Schlüssel darin, Grenzen frühzeitig zu erkennen und proaktiv zu handeln. „Klar zu sagen: Genug! Hier hören wir auf, bevor es zu weit geht.“ Das sei nicht anti-Tourismus, sondern „pro Strategie und pro Bevölkerung“.
Diesen Gedanken führt der Ansatz des regenerativen Tourismus weiter, mit dem sich Wanner auch in ihrem nächsten Forschungsprojekt ROOTED beschäftigt. Während nachhaltiger Tourismus vor allem negative Auswirkungen reduziert, geht regenerative Tourismusentwicklung einen Schritt weiter: „Tourismus soll aktiv dazu beitragen, dass Regionen langfristig resilienter und reicher an Lebensqualität werden.“
Das kann bedeuten, lokales Handwerk zu stärken, regionale Kulturen zu erhalten oder durch touristische Angebote zum Schutz und zur Renaturierung wertvoller Naturräume beizutragen. Im besten Fall macht Tourismus Regionen resilienter und stärkt ihre Identität.
Auch der Klimawandel verändert die Rahmenbedingungen. Hitze, Trockenheit, Niederwasser oder fehlende Schneesicherheit stellen Regionen vor die Frage, welche touristischen Angebote künftig noch sinnvoll und tragfähig sind. Für Wanner braucht es deshalb neue, ganzjährige Perspektiven, die sich an den tatsächlichen Möglichkeiten und Besonderheiten einer Region orientieren.
Forschung am IMC Krems
Für das Institut Tourismus und Marketing am IMC Krems stehen zentrale Zukunftsfragen des Tourismus – von Nachhaltigkeit und Klimawandel bis hin zu den Herausforderungen hoher Besucherzahlen in beliebten Destinationen – seit Langem im Mittelpunkt von Lehre und praxisorientierter Forschung. Claudia Bauer-Krösbacher, Leiterin des Instituts für Tourismus und Marketing, erklärt: „Gemeinsam mit Destinationen, öffentlichen Einrichtungen und Branchenpartnern arbeiten wir an aktuellen Fragestellungen, die die Weiterentwicklung des Tourismus maßgeblich prägen.“
Themen wie die Auswirkungen des Klimawandels auf Attraktionen und Destinationen, nachhaltige Angebotsentwicklung sowie die Balance zwischen wirtschaftlichem Erfolg, Lebensqualität der lokalen Bevölkerung und Umweltverträglichkeit spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch Kulinarik, Kreislaufwirtschaft, Food Waste Management und nachhaltiges Eventmanagement sind Teil der Forschungs- und Lehraktivitäten.
Was Wanner an der Tourismusforschung besonders fasziniert, ist die Neugier der Menschen, neue Orte zu entdecken und Erfahrungen zu sammeln. Genau darin sieht sie auch das positive Potenzial des Reisens. Ihre Forschung richtet den Blick darauf, wie diese Begegnungen gestaltet werden können – mit Respekt gegenüber den Menschen, der Region und ihren Ressourcen.
„Tourismus bringt das Beste in uns hervor, wenn wir uns auf neue Situationen einlassen. Er kann aber auch unser schlechtestes Benehmen deutlich machen, wenn wir glauben, anonym und unbeobachtet zu sein.“ In ihrer Forschung gehe es ihr deshalb darum, das positive Potenzial von Gästen zu fördern und gleichzeitig die Destination, die Region und vor allem die Einwohnerinnen und Einwohner im Fokus zu behalten.
Alice Wanner ist seit Mai 2025 Professorin für Tourismusmanagement am IMC Krems. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der nachhaltigen und regenerativen Tourismusplanung sowie der Destinationsentwicklung aus einer Regionalentwicklungsperspektive. Sie studierte Raumordnung an der Universität Wien und promovierte in Landschaftsplanung an der BOKU.
Am IMC Krems ist Wanner unter anderem in die Projekte WeNaTour und CAST Mozambique eingebunden. Im Dezember 2026 startet mit ROOTED ein weiteres Forschungsprojekt, in dem sie gemeinsam mit dem Naturpark Ötscher-Tormäuer und Mostviertel Tourismus regenerative Tourismusprodukte entwickeln wird.
Worüber spricht Krems an der Donau morgen?
Kostenloses News Briefing aus deiner Region – jeden Morgen um 6 Uhr.
Mit der Anmeldung nimmst du die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.