PFAS-Grenzwert in Österreich laut Gutachten zu hoch

Mathias FischerMathias Fischer
PFAS-Grenzwerte: Trinkwasser mit Chemikalien, Vergleich von empfohlenen 4 ng/L mit 100 ng/L in Österreich.
© Mit KI (Gemini) generiert

Umweltorganisationen fordern strengere Regeln für Ewigkeitschemikalien im Trinkwasser. Ein schwedisches Expertengutachten empfiehlt maximal vier Nanogramm PFAS-4 pro Liter – Österreich hat dafür keinen eigenen Grenzwert.

Greenpeace und Global 2000 verlangen deutlich niedrigere PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser. Ein toxikologisches Gutachten aus Schweden zeigt: Mehr als vier Nanogramm PFAS-4 pro Liter sollten nicht im Wasser sein. In Österreich fehlt ein solcher Wert – es existiert nur eine Obergrenze von 100 Nanogramm für die Summe von 20 verschiedenen PFAS-Verbindungen.

Beauftragt wurde das Gutachten vom schwedischen Toxikologen Mattias Öberg vom Karolinska Institutet in Stockholm. Öberg forscht zu Gesundheitsfolgen von PFAS und war als Sachverständiger in Gerichtsverfahren zur Trinkwasserkontamination in Ronneby tätig. Seine Einschätzung: Die wissenschaftliche Grundlage für eine Begrenzung auf vier Nanogramm sei stark. Dänemark geht noch weiter und setzt die gesetzliche Grenze bei zwei Nanogramm an.

PFAS-4 bezeichnet vier besonders problematische Ewigkeitschemikalien – PFOA, PFOS, PFNA und PFHxS –, die sich jahrelang im Körper anreichern.

Schwechat und Mannswörth: Werte steigen deutlich

Erhöhte Belastungen in Schwechat und Mannswörth in Niederösterreich zeigen nach Ansicht der NGOs eine Schutzlücke. Im Mai wurde bekannt, dass Grundwasser und private Hausbrunnen rund um die OMV-Raffinerie Schwechat großflächig mit den Chemikalien belastet sind. Ursache war PFAS-haltiger Löschschaum, der bei Übungen eingesetzt wurde.

Seit Jahresbeginn stiegen die PFAS-4-Werte im Schwechater Trinkwasser stark an. Im Jänner lag die Messung der Gemeinde bei 2,1 Nanogramm pro Liter, bis Juli kletterte der Wert auf 8,4 Nanogramm. Eine unabhängige Messung von Global 2000 im Mai ergab im Leitungswasser eines Privathaushalts in Mannswörth bereits 6,4 Nanogramm. Ob die Grundwasserverschmutzung mit den Werten im öffentlichen Leitungswasser zusammenhängt, ist nicht belegt. Die OMV hat ihre Messdaten bisher nicht veröffentlicht.

Kinder nehmen zu viel auf

Der österreichische PFAS-20-Grenzwert von 100 Nanogramm gilt seit heuer. Festgelegt wurde er, bevor die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA 2020 PFAS-4 neu bewertete. Eine eigene Obergrenze für PFAS-4 fehlt. Das Gutachten zeigt: Wird der Grenzwert durch PFAS-4 voll ausgeschöpft, nimmt ein vierjähriges Kind allein über Trinkwasser das 14-Fache der verträglichen Menge auf, Erwachsene knapp das Fünffache – belastete Lebensmittel nicht eingerechnet.

„Schwechat zeigt sehr konkret, wo das Problem liegt: Der österreichische Grenzwert wird zwar eingehalten, gleichzeitig lagen die besonders problematischen PFAS-4 zuletzt doppelt so hoch wie der schwedische Grenzwert“, so Madeleine Drescher, Konsumexpertin bei Greenpeace Österreich. Das Gutachten zeige, dass die Trinkwasserregeln besonders Kinder nicht ausreichend schützen.

Kinder trinken im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht mehr als Erwachsene. PFAS beeinträchtigen nachweislich das kindliche Immunsystem – genau diese Gefahr ist Grundlage für den EFSA-Wert. Bereits bei vier Nanogramm PFAS-4 pro Liter deckt Trinkwasser mehr als die Hälfte der wöchentlichen Höchstdosis für ein vierjähriges Kind ab. Mit Essen dazu nimmt nach Berechnungen schwedischer Gesundheitsbehörden jedes dritte Kleinkind zu viel PFAS auf. Mit den zuletzt gemessenen 8,4 Nanogramm füllt allein das Schwechater Trinkwasser die wöchentliche PFAS-Dosis für Kinder bereits zu 120 Prozent.

NGOs fordern eigenen Grenzwert

„Die 100 Nanogramm für PFAS-20 im Trinkwasser sind kein gesundheitlich abgeleiteter Grenzwert“, erklärte Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei Global 2000. Für die besonders gefährlichen PFAS-4 liegen bereits vier Nanogramm am oberen Ende des aus der EFSA-Bewertung abgeleiteten Bereichs. PFAS-4 reichere sich über Jahre im Körper an, Belastungen aus Lebensmitteln kommen dazu.

Greenpeace und Global 2000 fordern vom Gesundheitsministerium einen eigenen PFAS-4-Grenzwert von höchstens vier Nanogramm pro Liter. Die Stadt Schwechat müsse neue Messergebnisse rasch veröffentlichen und transparent klären, woher die Belastung stammt und wie sie reduziert werden kann.

Die OMV halte ihre Messdaten zurück, obwohl Global 2000 mehrfach die Offenlegung gefordert habe – anonymisiert und mit gerundeten Koordinaten, wie es das Umweltbundesamt routinemäßig handhabe. Auch betroffene Anrainer erhalten kein Gesamtbild. Erst die Ausbreitung der Schadstofffahne und das PFAS-Muster in den Proben würden zeigen, ob ein Zusammenhang mit den steigenden Werten im Leitungswasser bestehe, so die NGOs.

Quelle: APA

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