Philosophin Lisz Hirn: „Gewalt wird wieder legitimiert“

Pia ProdingerPia Prodinger
Waage mit Fragezeichen und Buch „Gehorchen“ auf Säule, beschattet von Hand
© Mit KI (Gemini) generiert

Die österreichische Philosophin Lisz Hirn präsentiert am 22. September ihr neues Buch „Gehorchen. Über das Wesen der Autorität“ im Wien Museum. Im APA-Gespräch spricht sie über den Vertrauensverlust in Autoritäten, die neue Macht der Algorithmen und die Rückkehr der Gewalt in die Politik.

Die 1984 geborene Lisz Hirn hat derzeit einen dichten Terminkalender: Am 18. September eröffnet sie die Dachstein Dialoge 2026 in Ramsau mit einer Rede. Drei Tage darauf diskutiert sie beim Internationalen Forum für Wirtschaftskommunikation in Wien über „KI und die Frage nach der Verantwortung“. Am 22. September stellt sie ihr neues Werk „Gehorchen. Über das Wesen der Autorität“ im Wien Museum vor.

Vertrauen in Maschinen statt in Menschen

Die Dachstein Dialoge stehen heuer unter der Frage: „Worauf kann ich vertrauen?“ Hirns Antwort darauf überrascht: „Für mich war überraschend zu sehen, dass wir großes Vertrauen in Maschinen setzen, etwa in Form von KI-Antworten“, sagt sie. Möglicherweise seien diese technologischen Entwicklungen in die Lücke gesprungen, die der Vertrauensverlust in klassische Autoritäten hinterlassen habe.

Die Philosophin betont, dass Autorität im philosophischen Sinn ohne Gewalt und Zwang auskomme. „Und das wirkt für uns heute fast wie ein Widerspruch“, so Hirn. In echten Autoritätsbeziehungen gebe man freiwillig Vertrauen auf Vorschuss.

Algorithmen als neue unsichtbare Macht

Das Problem der Gegenwart sieht Hirn darin, dass Entscheidungen zunehmend von Algorithmen getroffen werden, die man ebenso wenig kenne wie deren Programmierer. Dieses Vertrauen könne man auch nicht mehr entziehen, selbst wenn man wolle. „Als Einzelner vielleicht, es wird Ihnen nur nichts nützen, weil ja alles online organisiert ist“, erklärt sie.

Die neue technologische Autorität gebe vor, soziale und ethische Debatten zu lösen, indem sie diese zu einem Ingenieursproblem ummodele. „Also salopp gesagt: Technik statt Ethik“, fasst Hirn zusammen. Doch ethische Fragen seien eben keine Wahr-und-Falsch-Fragen. Gerechtigkeit lasse sich nicht durch einen Rechenvorgang herstellen.

Autoritätsverlust in der Politik

Auf die Frage nach Politikern, denen sie vertraue, nennt Hirn Persönlichkeiten auf Bezirks- oder Landesebene. Je höher die politische Ebene, desto weniger Vertrauen sei vorhanden. Johanna Dohnal habe sie mit ihrem ständigen Bestreben beeindruckt, überall den direkten Austausch zu suchen. Auch Hertha Firnberg falle ihr ein. Bei Bruno Kreisky habe es dagegen schon Tendenzen gegeben, Autorität festzuschreiben – Stichwort „Sonnenkönig“.

Antiautoritäre Erziehung und ihre Folgen

Zur antiautoritären Erziehung meint Hirn, es sei wesentlich gewesen, gewisse Autoritäten zu hinterfragen – Gott, Kirche, Staat, Patriarchat. Doch man gehorche ja immer irgendetwas, sei es dem eigenen Gewissen oder Grundsätzen eines Kollektivs. „Wir können ihr nicht entkommen. Aber wir können sie hinterfragen, wenn wir sie uns bewusst machen“, sagt sie.

Problematisch werde es, wenn Erwachsene ihre Funktion nicht mehr übernehmen wollten und sich stattdessen mit Kindern „verbrüderten“. Wenn diese Reibungsflächen verschwänden, könne auch Ungehorsam nicht gelernt werden.

Philosophie als Werkzeug der Ideologie

Dass die aus Amerika kommende ultrakonservative Welle sich auf einen philosophischen Unterbau berufe, verwundere sie, so Hirn. Über Peter Thiel und Curtis Yarvin sei auch die deutsche Philosophie plötzlich populär in der US-Politik. Dabei würden nicht die gemäßigten liberalen Positionen wiederbelebt. „Wenn man sich dann die Widersprüchlichkeiten dabei anschaut und das, worauf sie hinauswollen, sieht man, dass das weniger mit Philosophie zu tun hat als mit Ideologie“, analysiert sie.

Rückkehr der Gewalt

Besonders schockierend findet Hirn die Selbstverständlichkeit, mit der Gewalt heute wieder politisch eingesetzt und legitimiert werde. Dass dies ohne große Proteste hingenommen werde, beschäftige sie sehr. Autorität im Politischen oder Erzieherischen wäre dazu da, Gewalt zu verhindern oder ihr entgegenzustehen.

In dem Moment, wo man nur noch mit Zwang, Strafe und Gewalt reagiere, werde man als Autorität unglaubwürdig. Das sei auch in der Pandemie der Punkt gewesen: Am Anfang sei die staatliche Autorität durchaus anerkannt gewesen – bis man es überspannt habe.

Kritik am „gesunden Hausverstand“

Zum in der politischen Debatte gerne verwendeten Begriff „Hausverstand“ meint Hirn: „Noch schöner wird es, wenn der 'gesunde Hausverstand' angerufen wird, weil dann gibt es wohl den kranken auch.“ Das Heftige sei, dass es wirklich etwas auslöse bei den meisten: So eine gesunde, starke Überzeugung zu haben, das reiche schon. Das halte sie für ganz gefährlich.

Sie zitiert Nietzsche: „Nur weil etwas überzeugt, ist es noch lange nicht wahr. Es ist nur überzeugend.“ Gerade Politiker, die ein Gespür für Stimmungen hätten, sollten Argumente einsetzen, um zu zeigen, dass solche Überzeugungen möglicherweise auf sehr wackeligen Beinen gebaut seien. Das angemessene Misstrauen gegenüber dem eigenen Bauchgefühl fehle in den Diskussionen.

Das Buch „Gehorchen. Über das Wesen der Autorität“ erscheint im Zsolnay Verlag und umfasst 174 Seiten. Die Erstpräsentation findet am 22. September um 18.30 Uhr im Wien Museum statt. Am 21. September um 18 Uhr diskutiert Hirn beim IFWK-Talk im APA-Pressezentrum in Wien 6, Laimgrubengasse 10. Die Eröffnungsrede der Dachstein Dialoge 2026 hält sie am 18. September um 18 Uhr in der Evangelischen Kirche in Ramsau am Dachstein. Die Veranstaltung läuft bis 24. September in Filzmoos und Ramsau.

Quelle: APA

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