Projekt „Ankerpunkte“ fördert Teilhabe von Demenzerkrankten

Mathias FischerMathias Fischer
© Mit KI (Gemini) generiert

Rund um den Welt-Alzheimertag am 21. September startet die zweite Workshop-Serie des Projekts „Ankerpunkte“ im Waldviertel. Mit künstlerisch-kreativen Angeboten sollen Menschen mit Demenz am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

In Österreich leben Schätzungen zufolge etwa 170.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung. Trotz dieser hohen Zahl ist die Krankheit weiterhin von Stigmatisierung, Unsicherheit und Tabus geprägt. Das Projekt „Ankerpunkte“ stellt anlässlich des Welt-Alzheimertags eine zentrale Frage: Wie kann die selbstverständliche Teilhabe von Menschen mit Demenz am gesellschaftlichen und kulturellen Leben gelingen?

Geleitet wird das Projekt vom Open Innovation in Science Center der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG OIS Center) gemeinsam mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte (LBI-GMR). Der Verein Nachbarschaftskultur unterstützt als Praxispartner mit lokaler Expertise und Vernetzung.

Künstlerische Begegnungsräume gegen Berührungsängste

„Menschen mit Demenz sind nicht nur Patient:innen oder Pflegebedürftige. Sie haben Interessen, Bedürfnisse und den Wunsch nach Austausch und gesellschaftlicher Teilhabe“, erklärt Andrea Schmidt, Projektleitung und Senior Expert im LBG OIS Center. Mit „Ankerpunkte“ soll erprobt werden, wie künstlerisch-kreative Begegnungsräume dazu beitragen können, Menschen mit und ohne Demenz zusammenzubringen und Berührungsängste abzubauen.

Das Projekt wurde in einem partizipativen Prozess mit Wissenschafter:innen, Demenzexpert:innen, Künstler:innen, Community Nurses, Angehörigen und Betroffenen entwickelt. Bereits im Juni 2026 wurde eine erste Workshop-Serie erprobt. Heute startet die zweite Serie mit Angeboten von Zeichnen und Gestalten über Musik und gemeinsames Singen bis zu Bewegung und Tanz. Die Workshops richten sich an Menschen mit und ohne Demenz, Angehörige und Interessierte – Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Besondere Herausforderungen im ländlichen Raum

Im ländlichen Raum bestehen besondere Hürden für gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. Größere Distanzen, eingeschränkte öffentliche Verkehrsverbindungen und ein begrenztes Angebot an demenzsensiblen Aktivitäten können die Teilnahme erschweren. Gleichzeitig bieten Gemeinden, Vereine und Nachbarschaften die Möglichkeit, direkt an bestehende Gemeinschaften anzuknüpfen. „Ankerpunkte“ nutzt dieses Potenzial, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort neue Möglichkeiten für Begegnung zu entwickeln.

Menschenrechtliche Perspektive auf Demenz

Menschen mit Demenz sind vom Schutz der UN-Behindertenrechtskonvention erfasst. Zentrale Prinzipien wie Selbstbestimmung, Nichtdiskriminierung, Inklusion, Partizipation und Barrierefreiheit sind damit auch für den Umgang mit Demenz relevant. Aus menschenrechtlicher Sicht geht es nicht nur darum, spezielle Angebote zu schaffen, sondern Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Menschen mit Demenz gleichberechtigt und selbstbestimmt teilhaben können.

„Menschen mit Demenz sind weit mehr als ihre Diagnose. Wir müssen sie mit ihren Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnissen ernst nehmen und ihre Würde achten“, erklärt Sabine Mandl, Senior Researcher am LBI-GMR. Dazu gehöre, Barrieren abzubauen und Bedingungen zu schaffen, unter denen sie selbstbestimmt am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben können.

Wissenschaftliche Begleitung und Handbuch geplant

Das LBG OIS Center führt die wissenschaftliche Begleitung von „Ankerpunkte“ gemeinsam mit dem LBI-GMR durch. Untersucht wird, wie Menschen mit und ohne Demenz gemeinsame kreativ-künstlerische Interventionen erleben und welche Gelingensbedingungen sich daraus ableiten lassen. Die gewonnenen Erfahrungen sollen über die beteiligte Region hinaus nutzbar werden, erklärt Schmidt. Geplant ist ein praxisorientiertes Handbuch, das insbesondere Gemeinden erprobte Ansätze und praktische Erfahrungen zur Verfügung stellt.

Workshop-Termine im Waldviertel

Die Teilnahme an den Angeboten ist kostenlos, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Die Workshops richten sich an Menschen mit und ohne Demenz, Angehörige und Interessierte.

Zeichnen und Gestalten mit Anne Glassner im Pfarrhaus Sallingberg:

  • 23. September, 14 bis 16 Uhr
  • 7. Oktober, 10 bis 12 Uhr
  • 22. Oktober, 10 bis 12 Uhr
  • 18. November, 14 bis 16 Uhr

Musik mit Eveline Hieblinger und Josef Richter im Gasthaus Hörndl, Neupölla:

  • 15. September, 14 bis 16 Uhr
  • 6. Oktober, 14 bis 16 Uhr
  • 20. Oktober, 14 bis 16 Uhr
  • 3. November, 14 bis 16 Uhr

Bewegung und Tanz mit Cornelia Voglmayr im Sportrestaurant Hinger, Waldenstein:

  • 25. September, 14.30 bis 16.30 Uhr
  • 16. Oktober, 10 bis 12 Uhr
  • 30. Oktober, 14.30 bis 16.30 Uhr
  • 13. November, 10 bis 12 Uhr

Veranstaltung in Wien zum Welt-Alzheimertag

Anlässlich des Welt-Alzheimertags bringen das LBG OIS Center und die Universität für angewandte Kunst Wien die Bereiche Forschung, Kunst und Praxis zusammen. Unter dem Titel „Vom Erinnern und Vergessen: Neue Perspektiven auf Demenz durch Forschung und Kunst“ treffen die Projekte „Ankerpunkte“ und „DEMEDARTS“ aufeinander.

Die Veranstaltung richtet sich an Demenzexpert:innen, Künstler:innen, Forschende, Politiker:innen, Betroffene, Vertreter:innen von Interessensgruppen und alle Interessierten. Sie findet am Montag, 21. September 2026, von 18 bis 20 Uhr in der Kassenhalle der ehemaligen Postsparkasse, Georg-Coch-Platz 2, 1010 Wien statt. Weitere Informationen unter https://ois.lbg.ac.at/events/vom-erinnern-und-vergessen-neue-perspektiven-auf-demenz-durch-forschung-und-kunst/.

Quelle: OTS

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