Psychologe warnt vor rechtsextremer Sprache in Österreich

Der Klagenfurter Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer analysiert in einem offenen Brief die Begriffswelt von FPÖ und Identitären. Er sieht darin einen systematischen Missbrauch wissenschaftlicher Terminologie zur Verschleierung autoritärer Absichten.
Der emeritierte Universitätsprofessor Klaus Ottomeyer von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt hat sich in einem offenen Brief mit der Sprache rechtsextremer Bewegungen auseinandergesetzt. Der Sozialpsychologe und Psychotherapeut kritisiert dabei insbesondere die Verwendung bestimmter Begriffe durch FPÖ, AfD und die Identitären.
Ottomeyer verweist auf Viktor Klemperer, der als verfolgter jüdischer Philologe die Sprache der Nationalsozialisten analysierte. Klemperer habe geschrieben, dass Worte wie winzige Arsendosen wirken könnten – unbemerkt aufgenommen, entfalte sich ihre Giftwirkung erst nach einiger Zeit. Der Psychologe sieht im gegenwärtigen Rechtsextremismus ein überschaubares, aber wirksames geistiges Rüstzeug, das auf der penetranten Wiederholung weniger Schlagworte beruhe.
Remigration als Begriffsdiebstahl
Den Begriff Remigration bezeichnet der Soziologe Christian Fleck laut Ottomeyer als „Begriffsdiebstahl“. Während das Wort ursprünglich die Rückkehr jüdischer und politischer Emigranten nach Deutschland und Österreich beschrieben habe, stehe es bei Rechtsextremen nun für geplante gewaltsame Deportationen von Menschen, die nicht gehen wollen.
Als Beispiel nennt Ottomeyer ein Video der FPÖ aus dem Frühsommer 2026 mit dem Titel „Airbert One – Der Remigrationssong“. Darin würden blonde Menschen fröhlich einem blauen Flugzeug hinterherwinken, das Fremde und Frauen mit Kopftuch außer Landes bringe. Der Liedtext laute: „Der Flieger hebt ab, leicht und frei, Remigration, la-la-la-la! Österreich ist frei, alles gut, so ein Tag der einfach Wunder tut!“ Die AfD veranstalte bereits länger Volks- und Kinderfeste rund um Abschiebeflieger.
Identität als kollektivistisches Versprechen
Die Verwendung des Begriffs Identität durch die Identitären sei eine besonders dreiste Form von Begriffsdiebstahl, so Ottomeyer. Der Begriff sei vor mehr als 60 Jahren von Erik H. Erikson in die Psychologie eingeführt worden. Alle Experten seien sich einig, dass eine stabile und kreative Identität nicht darin bestehe, sich ganz und gar an eine große nationale, ethnische oder religiöse Identität anzuschließen.
Identität entwickle sich nur in einer Balance zwischen unterschiedlichen Teil-Identitäten und Gruppen. Das säuberliche Sortieren von Individuen nach ihrer ethnischen Gruppen-Identität habe in den letzten 120 Jahren – in der Türkei ab 1915, in Deutschland von 1933 bis 1945, in Südafrika 1948 bis 1994, in Jugoslawien ab 1992, in Ruanda 1994 und zuletzt in Myanmar – regelmäßig zu Vertreibungen, Bürgerkrieg und Völkermord geführt.
Ethnopluralismus und der große Austausch
Der Begriff Ethnopluralismus klinge nach Vielfalt und Toleranz, bedeute aber das Gegenteil, erklärt der Psychologe. Gemeint sei, dass Menschen unterschiedlicher Ethnien nebeneinander leben dürften, sich aber nicht vermischen sollten. In Südafrika habe man die Idee der getrennten Entwicklung durch die Apartheidpolitik umzusetzen versucht.
Die Behauptung vom „großen Austausch“ gehöre zur identitären Rhetorik, die von AfD und FPÖ übernommen worden sei. Dabei werde behauptet, finstere Eliten würden einen Bevölkerungsaustausch auf Kosten der Einheimischen planen. In Ungarn habe Viktor Orbán den jüdischen Milliardär und Philanthropen George Soros zum volksfeindlichen Drahtzieher hinter der geplanten Masseneinwanderung von Flüchtlingen aufgebaut.
Wokeness und Volkskanzler
Das Wort Wokeness bedeutete ursprünglich Wachsamkeit und Einfühlung gegenüber verletzlichen Personen und Angehörigen von Minderheiten, so Ottomeyer. Rechte und Rechtsextreme hätten es geschafft, auch dieses Wort zu entwenden und seine Bedeutung zu verdrehen. Sie empfänden die Verpflichtungen, Schwachen zu helfen, als Zumutung und bekämpften einen übertriebenen moralischen Anspruch.
Zum Begriff Volkskanzler berichtet Ottomeyer, dass die Nazis ihn für Adolf Hitler im Sommer 1933 vermehrt und systematisch verwendet hätten. Heute bezeichne sich Herbert Kickl in Österreich als künftiger Volkskanzler. Er habe eine Fahndungsliste für seine politischen Gegner angekündigt.
Quelle: OTS
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