PVA-Arzt schult Gutachter des Sozialministeriums

Das Sozialministerium hat für eine Fortbildung zu ME/CFS und postakuten Infektionssyndromen einen Mitarbeiter der Pensionsversicherungsanstalt als Vortragenden engagiert. Die Patientenvertretung ÖG ME/CFS übt scharfe Kritik an der Auswahl und beklagt fehlende Einbindung von Betroffenen.
Das Sozialministerium hat nach breiter Kritik an Begutachtungen eine Fortbildung für Gutachter des Sozialministeriumservice organisiert. Für einen Vortrag über die Herausforderungen bei der Begutachtung von postakuten Infektionssyndromen (PAIS) und chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) wurde der Chefärztliche Assistent der PVA Wien herangezogen.
Der engagierte Mediziner hatte in der Vergangenheit in Fachvorträgen die Schwierigkeit der Objektivierbarkeit von ME/CFS und PAIS betont. In einem im Frühjahr veröffentlichten Fachartikel des Manz-Verlages schrieb er, dass die Lösung der angeführten Problembereiche bei der Begutachtung dieser Erkrankungen nicht in Sicht sei.
Patientenorganisation kritisiert Vortragenden-Auswahl
Die ÖG ME/CFS bemängelte gegenüber der APA, dass das laut Programm am 30. September abgehaltene Fortbildungs-Webinar ohne erkennbare fachliche Beteiligung des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome an der MedUni Wien stattgefunden habe. Gleichzeitig seien Personen als Vortragende eingesetzt worden, deren bisherige Positionierungen zu ME/CFS erhebliche fachliche Kritik hervorgerufen hätten, so die Gesellschaft.
Die Patientenorganisation verwies auch auf den zweiten Vortragenden: Der Leiter der neurologischen Abteilung des Universitätsklinikums Tulln war für das Thema „Postinfektiöse Syndrome aus Sicht der Neurologie“ vorgesehen. Die ÖG ME/CFS verwies auf dessen Co-Autorenschaft an einem 2023 veröffentlichten Fachzeitschrift-Artikel in „Der Nervenarzt“, in dem ausdrücklich eine psychosomatische Ätiologie von ME/CFS zur Diskussion gestellt wurde – was damals zu teils deutlicher Kritik auch in der Fachwelt geführt hatte.
Ministerium verteidigt Entscheidung
Eine Stellungnahme kam auf APA-Anfrage nicht aus dem Büro von Ministerin Korinna Schumann (SPÖ), sondern direkt vom Leiter der Sektion IV, Martin Zach, in dessen Verantwortung das Sozialministeriumservice liegt. Dort ist auch die Abteilung IV/8 (Medizinische Angelegenheiten) unter Leitung von Ewald Sedmik und dessen Stellvertreterin angesiedelt, die die Fortbildungs-Veranstaltung moderierte.
„Dr. Krstic wurde nicht in seiner Funktion als Mitarbeiter der PV als Vortragender engagiert, sondern als Facharzt für Neurologie, der sich mit Begutachtungsrichtlinien beschäftigt und in Fachkreisen als Experte im Bereich der Begutachtung von ME/CFS und PAIS gilt“, schrieb Zach. Der Sektionschef verwies auf die Veröffentlichung des oben erwähnten Artikels des Vortragenden in der Manz-Fachzeitschrift „Das ärztliche Gutachten“ sowie auf einen Vortrag bei der heurigen Jahrestagung der österreichischen Gesellschaft für Neurologie.
Auf den Hinweis, dass eine Recherche von ORF, APA und Dossier im Mai 2025 erhebliche Missstände bei der Begutachtung von Patientinnen und Patienten mit Post-Covid und ME/CFS durch die PVA aufgezeigt hatte – und auch die Volksanwaltschaft in ihrem letzten Bericht sowie Patientenvereine wie ChronischKrank diese Mängel bestätigten – erklärte Zach, der Vortragende sei als Facharzt für Neurologie ausgewählt worden. Eine globale Ablehnung von bei der Sozialversicherung tätigen Ärzten sei aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar.
Widerspruch zu früheren Aussagen?
Gefragt, ob die Beauftragung nicht den Aussagen aus Schumanns Büro widerspreche, das erst vorige Woche die Kritik an den Gutachten als „durchaus berechtigt“ bezeichnet hatte, hieß es seitens des Sektionschefs: Es sei nicht die PVA mit dem Vortrag beauftragt worden, sondern der Mediziner als Facharzt für Neurologie, der dieses Thema in Fachkreisen bereits mehrmals vorgetragen habe.
Zach wollte einen Vortrag nicht kommentieren, den ein PVA-Mitarbeiter am 20. Februar gehalten hatte. Darin hatte dieser gesagt, dass es sehr schwierig sei, PAIS zu begutachten und die Symptome messbar zu machen. Er sprach von einer „Sackgasse”. Die medizinische Fachabteilung kenne den Inhalt des Vortrags nicht, sagte Zach. Über den zweiten Vortragenden hieß es, er sei in Fachkreisen ein anerkannter Experte.
Keine Anfrage an Referenzzentrum
Experten bzw. Expertinnen des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome an der Meduni Wien wurden nicht angefragt, so der Leiter der Sektion IV im Ministerium: Thema der Veranstaltung sei die Beleuchtung der Begutachtung dieser Erkrankungen aus rein neurologischer Sicht gewesen. Das Nationale Referenzzentrum werde jedoch geleitet von Expertinnen und Experten aus dem Bereich Immunologie und Public Health.
Auch andere Experten zu PAIS/ME/CFS wurden nicht angefragt: Bei diesem Webinar handle es sich um eine jährliche Fortbildungsveranstaltung. Im Vorjahr sei das Thema aus internistisch-pulmologischer Sicht betrachtet worden. Natürlich würden auch in Hinkunft andere Vortragende angefragt – je nach Themenschwerpunkt der Veranstaltung.
Betroffenenvertretung beklagt fehlende Einbindung
Scharfe Kritik übte die ÖG ME/CFS am Umgang des Gesundheitsministeriums mit dem Thema: Trotz dringenden Handlungsbedarfs würden Gespräche mit Betroffenenvertretungen nicht fortgesetzt, ausgewiesene Expertise nicht ausreichend eingebunden und notwendige strukturelle Reformen nicht konsequent verfolgt. Alleine im Jahr 2026 habe die Gesellschaft im März, April, August und September um einen weiteren Gesprächstermin mit dem Gesundheitsministerium ersucht. Auf die beiden jüngsten Anfragen im August und September sei nicht einmal eine Antwort erfolgt.
Gleichzeitig bleibe nach dem in der zuständigen Bundeszielsteuerungskommission Ende Juni beschlossenen Versorgungspfad zu PAIS und ME/CFS unklar, wie es mit ME/CFS und PAIS sowie den wesentlichen Maßnahmen des PAIS-Aktionsplans konkret weitergehe. „Wenn von Beteiligung und Verbesserung der Versorgung gesprochen wird, eine Vertretung der Betroffenen trotz wiederholter Terminanfragen aber über Monate keinen Gesprächstermin erhält, passen Anspruch und Realität nicht zusammen“, so die Patientenorganisation.
Quelle: APA
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