PVZ St. Pölten bietet „Social Prescribing“ an

Mathias FischerMathias Fischer
© Mit KI (Gemini) generiert

Im Primärversorgungszentrum St. Pölten Nord wird seit März ein neues Konzept gegen Einsamkeit und Stress erprobt. Gesundheitsfachkräfte vermitteln Betroffene an soziale Angebote wie Tanzcafés, Bewegungsgruppen oder Kochkurse, so der ORF.

Rund ein Fünftel aller Besuche in allgemeinmedizinischen Praxen hängt mit Problemen zusammen, die nicht ausschließlich medizinisch behandelt werden können. Das zeigt eine Studie aus Großbritannien. Einsamkeit, Überforderung oder Stress zählen zu diesen Herausforderungen.

Das Konzept „Social Prescribing“ setzt genau hier an: Fachkräfte im Gesundheitsbereich leiten Patientinnen und Patienten an Angebote weiter, die soziale Kontakte und Gesundheit fördern. Dazu gehören etwa Vereine, Tanzcafés, gemeinsame Bewegungsübungen, Kochkurse oder berufliche Beratungen. Das vom Gesundheitsministerium geförderte Programm läuft seit März im PVZ St. Pölten Nord.

84-Jährige fand Zugang zum „Denkcafé“

Helga Eigner (84) nutzt das Angebot und besucht nun regelmäßig ein sogenanntes „Denkcafé“. Dort halten sich die Teilnehmenden gemeinsam geistig fit. „Ich bin sehr dafür, dass man sich im Alter körperlich und geistig fit hält und so habe ich dieses Angebot sehr wunderbar gefunden“, schildert sie. Als Hausaufgabe erhielt sie etwa ein Kreuzworträtsel.

Zu dem Angebot kam Eigner über Umwege: Nachdem ihr Kurantrag zweimal abgelehnt worden war, wurde sie zu einer Gesundheitssprechstunde weitergeleitet. Zu dieser Zeit war sie nach eigenen Angaben depressiv und suchte Unterstützung sowie soziale Kontakte.

„Gerade in unserer Gesellschaft leidet das Soziale immer mehr und mehr. Da ist dieses ‚Social Prescribing' wunderbar, weil man den Menschen als Ganzes sieht“, so die Seniorin. Gemeinsam mit den Fachkräften wurden Lösungen gesucht und gefunden. Sie habe nun das Gefühl, sich bei Problemen an das Programm wenden zu können, erklärt Eigner.

Soziale Faktoren beeinflussen Gesundheit stark

Sonja Grojer, Case- und Caremanagerin und Leiterin des Projekts im PVZ St. Pölten Nord, betont den ganzheitlichen Ansatz. „Wir haben gemerkt, auch in der Arbeit mit ‚Social Prescribing', dass die Gesundheit viel weiter hinausgeht als ein medizinisches oder körperliches Leiden“, sagt sie. Der Einfluss sozialer Faktoren auf die Gesundheit sei enorm.

Das Angebot richtet sich an alle Altersgruppen. Die Gespräche sind kostenlos, vertraulich und finden ohne Zeitdruck statt. Eine Überweisung ist nicht notwendig. Zunächst wird mit den Gesundheitsfachkräften besprochen, was im Alltag fehlt, anschließend werden passende Angebote gesucht.

Einsamkeit betrifft alle Altersgruppen

„Es hat sich herauskristallisiert, dass das Thema Einsamkeit und Isolation ein Großes ist“, berichtet Grojer. Betroffen seien Menschen aller Altersgruppen. Bei der Suche nach Unterstützung werde darauf geachtet, dass die Angebote in der jeweiligen Region verfügbar, leistbar und gut erreichbar sind.

Viele Patientinnen und Patienten kommen über ihre Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner zu „Social Prescribing“. Die Ärztinnen und Ärzte wurden zu Beginn des Projekts in Schulungen sensibilisiert, um die Bedürfnisse zu erkennen und entsprechend weiterzuvermitteln.

Laut einer europäischen Studie fühlen sich acht Prozent der Österreicherinnen und Österreicher einsam. Besonders häufig betrifft das Menschen in Einpersonenhaushalten. In Niederösterreich soll dem unter anderem mit Initiativen wie der Sozialen Alltagsbegleitung, Vereinsangeboten und Ehrenamt entgegengewirkt werden.

Ursprung in England, seit 2021 in Österreich

Das Konzept stammt ursprünglich aus England. In Österreich wird es seit 2021 in Einrichtungen der Primärversorgung und pädiatrischen Versorgung angeboten. „Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Gesundheit nicht nur von medizinischen Faktoren abhängt“, heißt es seitens der Gesundheit Österreich GmbH. Einsamkeit, Stress, Sorgen oder fehlende soziale Teilhabe könnten sich erheblich auf die Gesundheit auswirken.

Wenn medizinische Behandlung allein nicht ausreicht, sollen durch „Social Prescribing“ psychosoziale und soziale Bedürfnisse stärker berücksichtigt werden.

Sechs Standorte in Niederösterreich

Im PVZ St. Pölten Nord gibt es „Social Prescribing“ seit März 2026, das Projekt läuft dort bis 2028. Noch ist das Angebot nicht flächendeckend verfügbar und auch nicht Teil der Regelversorgung.

In Niederösterreich wird es derzeit außerdem im Primärversorgungsnetzwerk Melker Alpenvorland, im PVZ St. Pölten, im PVE Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten), im PVZ Purgstall (Bezirk Scheibbs) und im PVZ Tullnerfeld angeboten. Der Aus- und Aufbau wird im Rahmen der Agenda Gesundheitsförderung mit Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz gefördert.

Das Konzept gliedert sich laut Grojer in vier Bereiche: Sensibilisierung, Link-Working, Netzwerkarbeit und Qualitätssicherung. Fachkräfte mit Link-Working-Funktion beraten die Betroffenen und stellen Verbindungen zu geeigneten Angeboten her. Gleichzeitig wird das Projekt dokumentiert und evaluiert.

Mehr als 1.200 Menschen österreichweit betreut

Österreichweit wurden im Fördercall 2023 bis 2025 bisher mehr als 1.200 Patientinnen und Patienten über „Social Prescribing“ betreut. Das zeigen Daten der Gesundheit Österreich GmbH. Bei rund 85 Prozent sei die Weitervermittlung an ein regionales Angebot gelungen. 93 Prozent würden „Social Prescribing“ weiterempfehlen.

Zu ihnen gehört auch Helga Eigner. Sie habe mit dem neuen Angebot wieder Anschluss und Motivation gefunden. „Ich habe in meinem Leben immer alles selbst gemacht und wenig Hilfe in Anspruch genommen. Jetzt bin ich in einem Alter, in dem ich lernen muss, dass ich um Hilfe bitte. Im PVZ wird mir das leicht gemacht“, so Eigner.

Quelle: https://noe.orf.at/stories/3373986/

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