Quecksilber schwächt Stressreaktion bei Kaimanen

Wiener Forschende haben nachgewiesen, dass Quecksilber aus dem Goldabbau den Hormonhaushalt von Krokodilen stört. Die geschwächte Stressantwort könnte Überleben und Fortpflanzung der Tiere gefährden.
Ein Team der Universität Wien und der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat im Regenwald von Französisch-Guayana untersucht, wie sich Quecksilberbelastung auf wildlebende Glattstirn-Kaimane auswirkt. Das Ergebnis: Tiere mit höheren Quecksilberwerten im Blut zeigten bei standardisierten Stresstests deutlich niedrigere Spitzenwerte des Stresshormons Kortikosteron. Die Studie erschien kürzlich in der Fachzeitschrift Communications Biology.
Das Schwermetall greift offenbar in die Fähigkeit der Krokodile ein, auf akute Belastungen zu reagieren. Normalerweise mobilisiert die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse bei Stress rasch Energie und löst angemessene Verhaltensreaktionen aus. Bei Kaimanen aus quecksilberbelasteten Gebieten fiel dieser Anstieg jedoch deutlich schwächer aus.
Molekulare Schwachstelle identifiziert
Eine vergleichende Analyse zeigte, dass alle Krokodilarten im Glukokortikoidrezeptor eine biologische Schwachstelle tragen: Reste der Aminosäure Cystein. Genau dort setzt Methylquecksilber an und stört die Hormonregulation. Das liefert eine mögliche molekulare Erklärung für die beobachteten Effekte.
„Eine schnelle, robuste Stressreaktion ist für das Überleben in der Wildnis essenziell“, erklärt Jérémy Lemaire, Projektleiter und Erstautor der Studie. Bereits relativ geringe Quecksilberbelastungen beeinträchtigen diese Reaktion und schränken die Fähigkeit der Tiere ein, mit Raubtieren, extremen Wetterbedingungen und menschlichen Störungen umzugehen.
Globales Problem für bedrohte Arten
Seit der vorindustriellen Zeit ist der Quecksilbergehalt in der Atmosphäre um 300 bis 500 Prozent gestiegen – verursacht durch Verbrennung fossiler Brennstoffe und Goldabbau. In tropischen Regionen sind Emissionen aus dem Goldabbau besonders verbreitet und können sich über die Atmosphäre weltweit verteilen.
Als langlebige Spitzenprädatoren reichern Kaimane über Jahre hinweg Quecksilber durch ihre Nahrung an. Deshalb zeigen sie sehr früh an, wenn ihr Lebensraum verschmutzt ist. Krokodile gehören weltweit zu den Wirbeltieren, die am stärksten vom Aussterben bedroht sind. Schon kleine Störungen im Hormonhaushalt können einer ganzen Population schaden: Weniger Tiere überleben, und es gibt weniger Nachwuchs.
Das Auffällige daran: Die Folgen zeigten sich bei Quecksilbermengen, die man schon überall auf der Welt in den Lebensräumen von Krokodilen gemessen hat. Das Risiko gibt es also nicht nur in Französisch-Guayana. Es könnte viel größer sein, als man bisher dachte. „Angesichts der Überschneidung der Lebensräume von Krokodilen mit Goldabbaugebieten ist dies ein dringendes Naturschutzproblem“, warnt Lemaire.

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