Rasche inszeniert „Faust“ auf Perner-Insel radikal neu

Regisseur Ulrich Rasche präsentiert am 25. Juli auf der Halleiner Perner-Insel seine Version von Goethes „Faust I“ als erste Schauspiel-Neuinszenierung der Salzburger Festspiele 2026. Bekannte Szenen wie Auerbachs Keller oder die Hexenküche wurden gestrichen.
Ulrich Rasche zeigt bei den Salzburger Festspielen einen ungewöhnlichen „Faust I“. Der Regisseur hat berühmte Szenen wie den Osterspaziergang oder Auerbachs Keller ebenso entfernt wie zahlreiche Figuren. „Wir zeigen den Innenraum von Faust“, erklärte Rasche bei einem Terrassentalk am Montag. Diese Aussage beziehe sich sowohl auf das Konzept als auch auf die Bühne.
Monumentale Wände statt Drehscheibe
Die Bühne werde sich zwar bewegen, jedoch nicht in der erwarteten Art und Weise, sagte der Regisseur. Rasche ist bekannt für seine Drehscheiben und Laufbänder, mit denen er in den vergangenen Jahren Darsteller wie Publikum in Atem hielt. 2019 inszenierte er Aischylos' „Die Perser“ im Salzburger Landestheater, 2023 Lessings „Nathan der Weise“ auf der Perner-Insel.
„Alle denken, die Maschine kommt. Ich habe mich bemüht, diese Erwartungshaltung zu durchbrechen – aber nicht vom Preis“, so Rasche. Es sei eine Bühne, die den Maschinencharakter nicht in den Vordergrund stelle. Der Motor stamme nicht von einer Maschine, sondern vom inneren Antrieb der Titelfigur.
Es werde zwar eine in den Boden eingelassene Scheibe geben, erläuterte der Regisseur. Darüber befinde sich jedoch eine sehr aufwändige Konstruktion: zwei monumentale Wände, die sich bewegen können und als Grundidee einen Korridor bilden. „Das Geld steckt dort drinnen“, sagte Rasche. Es sei dennoch keine Materialschlacht zu erwarten. Inspiriert vom US-Künstler Bruce Nauman soll die Bühne mit Einsatz von LED wie eine immaterielle Bühne funktionieren. „Faust wird dort mit Anteilen seiner selbst konfrontiert, die er zuvor verdrängt hat.“
Abgespaltene Persönlichkeitsanteile als Tragödie
„Das Problem von Faust ist, dass seine Abspaltungen sich ihm aufdrängen“, erläuterte Rasche. Die große Tragödie bestehe darin, dass Faust nicht erkannt habe, dass diese Anteile wahrgenommen und integriert werden müssen. Wenn man sie nicht integriere, schlagen diese Abspaltungen zurück. Wenn man bestimmte Aggressionen und Triebe nicht als Teile von sich anerkenne, werde man sie auch nicht beherrschen können.
Nur fünf Figuren auf der Bühne
In Rasches Koproduktion mit dem Residenztheater München, die bis 6. August acht Mal in Hallein gezeigt wird, gibt es nur fünf Personen: den alten und den jungen Faust (Steven Scharf und Johannes Nussbaum), den Mephisto (Valery Tscheplanowa), das Gretchen (Anna Drexler) und Margaretes Bruder Valentin (Max Rothbart).
„Valentin ist das Über-Ich, er verkörpert die bürgerlichen Werte, die Ordnung, die Gretchen verurteilt“, sagte Rasche. Der Regisseur ließ sich für seine Bearbeitung von Klaus Michael Grübers radikal gekürzter „Faust“-Inszenierung mit Bernhard Minetti in der Titelrolle an der Freien Volksbühne Berlin aus dem Jahr 1982 inspirieren. Gretchen habe er als widerständige Figur, die ihren eigenen Weg geht, aufgewertet.
„Ich bin erstaunt, wie durch diese reduzierte Fassung Gretchen als wirkliches Gegenüber auftaucht“, meinte auch Steven Scharf. Der Schauspieler kann seine vor zwei Jahren in Bochum bei „Warten auf Godot“ gemachten „einschneidenden“ Rasche-Erfahrungen nun fortsetzen. „Der Blick auf sie wird auf eine schöne Weise klarer, wenn man diese ganzen Bierhumpen und Hexenbesen nicht sieht.“
Mephisto als Projektionsfläche
Valery Tscheplanowa hat nicht nur in Salzburg bereits die Buhlschaft und in Rasches Regie den Nathan gespielt, sondern unter Frank Castorfs Regie auch schon mal das Gretchen. „Erstaunlicherweise hat Goethe so viel platziert in die Einfachheit und Autonomie ihrer Texte, dass diese Figur ohne viel Aufwand leuchten kann“, teilte sie ihre eigenen Erfahrungen mit der Möglichkeit, aus Margarete kein Opfer zu machen.
Den „Faust I“ habe sie mit 14 zum ersten Mal gelesen und sei schon damals von Mephistopheles und seiner Selbstcharakteristik als „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ fasziniert gewesen. „Es verhieß etwas Beunruhigendes“, sagte Tscheplanowa. Sie habe den Teufel nie weiblich oder männlich gesehen und sieht ihre Rolle als Projektionsfläche: „Was projiziert der Zuschauer an Ängsten und Sehnsüchten in mich?“
Für Rasche repräsentiert Mephisto den Trieb, die Möglichkeit, körperliche Erfahrungen zu machen, zu leiden und zu leben. Für „Faust“ Scharf ist er „ein total verlockender Ausweg, eine Begegnung mit dem Unbekannten“. Die radikale Uneingeschränktheit werde ihm von Mephisto angeboten. Mephisto richte ihn auf. „Soviel kann ich verraten: Diese Aufrichtung wird man auch auf der Bühne sehen.“
Tänzerische Bewegung statt Gehen
Wie erleben die Schauspieler das spezifische Bewegungstheater von Ulrich Rasche? Der Regisseur arbeitet in „Faust I“ für die Musik zum dritten Mal mit Alfred Brooks zusammen und will damit nicht nur den „psychologischen Innenraum“ unterstützen, sondern auch den Takt vorgeben. „Er schafft es, eine eigenen Realität zu bauen, die aus sich heraus funktioniert“, sagte Valery Tscheplanowa, die „schon viele Kreise mit Herrn Rasche gedreht“ hat. „Es ist wie aufs Fahrrad steigen.“
„Die Form ist die Aufgabe, die einem gestellt wird, und bei der es eine unendliche Vielfalt von Lösungen gibt“, meinte Steven Scharf. Er hob die „tänzerische Bewegung“, in der die Vorgänge gebracht würden, hervor. Rasche nahm diesen Ball gerne auf: „Es ist tatsächlich wichtig, dass es ein tänzerischer Akt ist und kein Gehen. Mein Interesse war immer, den sich bewegenden Körper zu sehen und keine Gehenden.“
Der Takt, dem das gesamte Bühnengeschehen unterworfen ist, sei der Basso continuo. Trotzdem seien die Darsteller komplett frei in der Ausformung und Gestaltung jeder Stimme. Dass ihm gelegentlich vorgeworfen werde, seine Spieler zu mechanischen Spielpuppen zu degradieren, stimme ihn traurig, denn das Gegenteil sei wahr. „Ich bin sehr an darstellerischen Vorgängen interessiert und bin wahnsinnig enttäuscht, dass das nicht wahrgenommen wird.“
Die Premiere findet am 25. Juli um 19 Uhr auf der Halleiner Perner-Insel statt.
Quelle: APA
Worüber spricht Hallein morgen?
Bald verfügbar: Kostenloses News Briefing aus deiner Region – jeden Morgen um 6 Uhr.
Mit der Anmeldung nimmst du die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.