Salzburg: „Carmen“ mit neuem Blick auf Psychologie

Regisseurin Gabriela Carrizo präsentierte am Mittwoch ihre Neuinterpretation von Bizets „Carmen“ für die Salzburger Festspiele. Mit rund hundert Mitwirkenden will sie durch visuelle und choreografische Mittel tief in die Psyche der Figuren vordringen.
Gabriela Carrizo, Mitbegründerin des Kollektivs Peeping Tom, gewährte gemeinsam mit weiteren Beteiligten einen Einblick in ihre Inszenierung von Georges Bizets Oper. Die Produktion vereint Chöre, Sängerinnen, Sänger sowie Tänzerinnen und Tänzer, um neue psychologische Dimensionen der Geschichte zu erschließen.
Die Regisseurin, die mit dieser Produktion ihr Festspieldebüt gibt, erklärte ihr Konzept: Die Tanzkompanie erforsche die intime Seite der Menschen. Dieser Ansatz präge auch die Operninszenierung. „Wie bei Peeping Tom arbeiten wir mit einer extremen Körperlichkeit. Wir haben uns vom Kino inspirieren lassen“, sagte Carrizo. Durch Bewegung und Beleuchtung solle das Innenleben der Charaktere sichtbar werden.
Zwischen Realität und Surrealismus
Die Inszenierung nähert sich der Psychologie von Don José und Carmen und beleuchtet deren Widersprüche. Die Gemütszustände der Charaktere sollen verkörpert werden. „Es gibt einen gewissen Drift von der Realität ins Surreale und wieder zurück“, erläuterte die Regisseurin. Sie sucht nach der Identität und den Motiven der zur Mythos-Figur gewordenen Frau und nimmt sowohl Carmens als auch Don Josés Perspektive in den Fokus.
Charlie Skuy, der an der Choreografie mitarbeitet, beschrieb die Bühne als lebendigen Körper. Die Tänzer seien Teile dieses Körpers, der Chor schließe sich diesem Körpergefühl an. Die Figuren befinden sich in einem abstrakten Raum mit einem Duft von Spanien, der ein Gefühl von Sevilla vermittle.
Carmen als Freiheitsliebende
Gemeinsam mit Asmik Grigorian, die ihr Rollendebüt in der Titelpartie gibt, versucht Carrizo herauszufinden, wer Carmen ist. Sie verlasse sich dabei auf den Instinkt der Sängerin. Die Rolle werde anders sein als bisher bekannt, auch das Ende der Oper werde sich unterscheiden. Teodor Currentzis, künstlerischer Leiter der Inszenierung, hatte sich die Regisseurin für diese Produktion gewünscht.
Der Regisseurin geht es um eine andere Sichtweise auf Carmen. Deren Liebe sei größer als die zu einer einzelnen Person. „Sie glaubt an die Freiheit, und sie fürchtet sich nicht vor dem Tod. Ihr ist wichtiger, bei sich selbst zu bleiben“, erklärte Carrizo. Das Publikum solle sich eine andere Sichtweise erlauben.
Don José im Familienkontext
Jonathan Tetelman, der Don José verkörpert, berichtete von viel Freiraum in der Bewegung. Die Choreografie umgebe die Darstellerinnen und Darsteller vollkommen. In der Sichtweise der Regisseurin sei Don José ein liebender Mensch. Die Intention sei, einen neuen, menschlichen Aspekt herauszuarbeiten und seinen Charakter in den Familienkontext zu stellen.
Die Oper erscheint als zeitlose Geschichte über Freiheit, Begierde und Liebe. Don José existiere auch in der heutigen Gesellschaft, gab die Regisseurin zu bedenken. Gewalt ergebe sich auch aus Erziehung und Gesellschaft. Wichtig sei, dass man auch Mitgefühl für Menschen wie Don José habe. Tetelman ergänzte, die Musik beschreibe die psychische Entwicklung vom anfangs guten Menschen zum Mörder.
Die Premiere findet am 26. Juli im Großen Festspielhaus statt. Es ist die erste große Opernpremiere bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Insgesamt sind acht Vorstellungen bis 26. August geplant.
Quelle: APA
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